Aachen - Neonazi-Demo ohne Zwischenfälle

Neonazi-Demo ohne Zwischenfälle

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
Luftballons
Mit grünen Luftballons gegen die Neonazis: Auch die Polizisten bekamen welche. Ralf Roeger

Aachen. Zwischen dem alten Mann und den vorbeimarschierenden Rechtsradikalen liegen gerade einmal ein paar Schritte. So nah wie in diesem Moment am Bahnhofsplatz werden sich Demonstranten und Gegendemonstranten an diesem Samstag in der Aachener City nicht mehr kommen.

Dafür sorgt die Polizei.

Aber Walter Rossbach drängen die Polizisten nicht weiter zurück. Von ihm geht ja auch nicht die Gefahr einer Gewalttat aus. Er hält den Neonazis nur seine Meinung unter die Nase. „Wir sind Aachen, Nazis sind es nicht”, steht auf dem großen Plakat, dass er in die Höhe reckt.

„Ich war selbst ein begeisterter Hitlerjunge”, erinnert sich der 78-Jährige an seine Kindheit im Dritten Reich. „Erst nach dem Krieg habe ich gemerkt, wie sehr man uns belogen hatte. Seitdem bin ich ein überzeugter Antifaschist.”

Laute Hassparolen

Viele der genau 83 Teilnehmer der rechtsradikalen Demo sind nur ein paar Jahre älter, als Walter Rossbach es damals war. Und sie gehorchen ihren heutigen Anführern offenbar ähnlich gut wie seinerzeit die Hitlerjungen: In zwei Gruppen aufgeteilt, getrennt von einem Wagen mit Megaphon, ziehen sie durch die Stadt und skandieren laute Hassparolen.

Auf der Theaterstraße sind sie dabei fast unter sich - sieht man einmal von dem Großaufgebot der Polizei ab, das das rechte Häuflein begleitet. Die große Verkehrsader ist abgebunden, alle Seitenstraßen blockiert. „Nazis raus”, schallt es der Demo immer wieder von den Gegendemonstranten hinter den Polizeiabsperrungen entgegen.

Vorher, am Hauptbahnhof, haben sich rund 250 Menschen versammelt, die unter dem Motto „Halloween statt Nazispuk” die „Faschisten das Fürchten lehren” wollen. Die Fenster des benachbarten Verwaltungshochhauses sind dekoriert mit den „Wir sind Aachen”-Plakaten, von denen die Stadt noch einmal 10.000 hat drucken lassen.

Und nicht nur dort springt den Neonazis die ablehnende Aachener Botschaft ins Gesicht: Der ganze Weg zum Theater ist gesäumt mit den schwarz-gelben Postern, die in Fenstern und an Laternen hängen.

Am Theater selbst ist der Spielplan kurzfristig geändert worden. Während sich die Rechtsradikalen unten auf dem Pflaster vor dem Musentempel zur Kundgebung sammeln, verkündet hoch über den teils kahlen Köpfen die Digitalanzeige nur ein Stück: „Wir sind Aachen, Nazis sind es nicht.”

Einigen wenigen Gegendemonstranten reicht die bloße Symbolik offenbar nicht. Sie versuchen, die dichte Sperrkette der Polizei zu durchbrechen. Die Folge: Sie werden abgedrängt und etwas abseits isoliert. Und die Sperrkette wird weiter verdichtet. „Deutsche Polizisten schützen Faschisten”, schallt es kurz über den Platz.

„Natürlich schützen wir diese Demo, das müssen wir ja auch”, sagt Polizeipräsident Klaus Oelze, der den braunen Spuk aus nächster Nähe verfolgt. „Aber Sie können mir glauben, dass jeder einzelne Polizist heute lieber etwas anderes täte.”

Am Ende zieht die Polizei eine positive Bilanz des Demotages: „Größtenteils störungsfrei” verläuft der Einsatz, an dem hunderte Polizisten aus ganz NRW teilnehmen. Sechs Festnahmen gibt es, „zur Durchsetzung von Platzverweisen und Verhinderung von Straftaten”. Betroffen sind ein Rechtsradikaler und fünf Personen aus dem linken Spektrum.

Und auch Walter Rossbach fährt mit einem positiven Gefühl nach Hause. „Ich bin immer froh, wenn wir mehr sind als die”, sagt er. Sollten die Neonazis wiederkommen - dreimal haben sie binnen eines Jahres schließlich Aachen heimgesucht -, geht auch er wieder als Gegendemonstrant auf die Straße.

„Sie müssen das verstehen”, erklärt der 78-Jährige, „ich hätte als Hitlerjunge beinahe meinen eigenen Vater verraten, weil der gegen die Nazis war. Da kann ich heute einfach nicht still zuhause sitzen bleiben, wenn die wieder marschieren.”
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