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Nationalpark Eifel: Wenn fürs Naturerlebnis Tiere sterben müssen

Von: Marlon Gego
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Fichten raus, Buchen rein: Der
Fichten raus, Buchen rein: Der Nationalpark Eifel (im Foto der Kermeter gegenüber von Rurberg) soll zum Buchenurwald werden. Damit dieser Prozess schneller ablaufen kann, wird dort systematisch gejagt - obwohl das in europäischen Nationalparks eigentlich überhaupt nicht erlaubt ist. Foto: imago

Schleiden. Im vergangenen Jahr sind im Nationalpark Eifel fast 700 Tiere erschossen worden, Hirsche, Rehe, Mufflons, Wildschweine, alles ganz legal, dabei ist das Jagen in europäischen Nationalparks eigentlich verboten.

Ob das Jagen auch im Nationalpark Eifel verboten sein sollte, darüber wird diskutiert, seit das Naturschutzgebiet in Planung ist, seit mehr als zehn Jahren. Die Natur- und Tierschützer sind strikt gegen die Jagd, die Nationalparkverwalter strikt dafür.

Die in Schleiden-Gemünd angesiedelte Nationalparkverwaltung rechtfertigt die Jagd als sogenanntes Wildtiermanagement damit, dass die Ziele des Nationalparks ohne die Jagd gefährdet wären. Besonders im Süden des Parks, in Wahlerscheid, werden größere Mengen Buchen aufgeforstet. Aus dem Schutzgebiet wieder einen Buchenurwald zu machen, ist der eigentliche Zweck des Nationalparks: Fichten raus, Buchen rein. So sollen Touristen irgendwann erleben können, wies dort von Tausenden Jahren ausgesehen hat.

„Schlechte Schützen”

Doch besonders das Rotwild macht es den jungen Buchen schwer: Hirsche und Rehe fressen deren Rinde und hinterlassen so Schäden, die man Rotwildverbiss nennt. Die Nationalparkverwaltung glaubt, es gebe zu viel Rotwild, die Aufforstung und damit das Ziel des Parks sei gefährdet. Deswegen soll weiter gejagt werden. Doch seit es den Nationalpark gibt, seit 2004, ist die Zahl der geschossenen Tiere jedes Jahr ähnlich groß - ohne dass der Wildbestand abnähme, eher im Gegenteil. Die von der Nationalparkverwaltung bevorzugte Jagdpraxis ist also nicht die Lösung des Verbiss-Problems.

Naturschützer wie Volker Hoffmann aus Dahlem, der als geistiger Vater des Nationalparks Eifel gilt, standen den Jagdplänen der Parkverwaltung von Beginn an kritisch gegenüber. Da die Leiter der Nationalparkverwaltung selbst Jäger sind, vermuten Hoffmann und andere Naturschützer, die Jagd sei in erster Linie Selbstzweck und diene dem Vergnügen einiger weniger. Das belegten auch die schlechten Jagdergebnisse, Hoffmann sagt: „Wenn schon gejagt werden muss, dann mit professionellen Jägern und nicht mit Hobbyjägern, die schlechte Schützen sind.” Wenn er schlechte Laune hat, ärgert er die Nationalparkchefs damit, dass er ihnen vorwirft, „Bordelljagden” zu veranstalten. Die Debatten über das Jagen werden auch in der Eifel manchmal emotional geführt.

Auch Sven Herzog, Professor für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der Technischen Universität Dresden, glaubt nicht, dass die momentane Jagdpraxis im Nationalpark Eifel zielführend ist. Herzogs Lösungsansatz sähe eher so aus: Durch intensive Bejagung der Aufforstungsgebiete in der Jagdzeit (Mai, August bis Mitte September, Mitte Oktober bis Ende Dezember)durch professionelle Jäger würde das Wild diese Gebiete relativ bald schon freiwillig meiden. „Das Wild lässt sich so eigentlich gut lenken”, sagt Herzog.

Dem Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) geht auch dieser Kompromissvorschlag nicht weit genug. Holger Sticht, der sich für den BUND mit verschiedenen Nationalparks befasst, sagt, dass nicht nur die Jagd nicht nationalparkkonform sei, sondern auch die Aufforstung der Buchen nicht. Der Begriff „Aufforstung” komme aus der Forstwirtschaft und habe nichts mit Waldentwicklung zu tun, um die es aber in Nationalparks gehe. Durch die Aufforstung der Buchen wolle die Nationalparkverwaltung einen natürlichen Prozess für Hunderttausende Euro aus Steuermitteln beschleunigen, wodurch aber mehrere Schritte der Vegetationsentwicklung einfach übersprungen würden. „Das ist Unsinn, und das hat auch nichts mit der Nationalparkidee zu tun”, sagt Sticht. Für einen solchen „Unsinn” dann auch noch 700 Tiere pro Jahr zu töten, hält Sticht schlichtweg für ein Unding.

Kein Umdenken, noch nicht

Interessanterweise sind auch die Jäger selbst gegen die Jagd im Nationalpark Eifel, zumindest diejenigen, die nicht an den dortigen Jagden teilnehmen dürfen. Acht Pächter von Jagdrevieren in Monschau, die an den Süden des Nationalparks grenzen, gingen vergangenes Jahr auf die Barrikaden und veranlassten Monschaus Bürgermeisterin Margareta Ritter (CDU), sich bei NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) dafür einzusetzen, dass die Jagd im Schutzgebiet endlich aufhöre. Die Nationalparkförster schössen ihnen das ganze Wild weg. Die Untere Jagdbehörde konnte diese Behauptung zwar nicht durch Zahlen belegen, aber doch passierte es, dass der Wert dieser acht Reviere fiel. Die Stadt Monschau bekommt nun weniger Pacht als vor dem Aufstand der Pächter.

Doch all das führte bei der Nationalparkverwaltung bislang noch nicht zum Umdenken. Stattdessen hat sie dieser Tage ihren Abschussplan für 2012 vorgestellt, demzufolge dieses Jahr 265 Rothirsche, 250 Rehe, 90 Mufflons und 150 Wildschweine geschossen werden sollen, mindestens. Wenn es geht, lieber noch ein paar mehr.
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