Aachen - Nagel belegt: Königsthron wurde für Karl den Großen errichtet

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Nagel belegt: Königsthron wurde für Karl den Großen errichtet

Von: Sabine Rother
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Der Thron Karls des Großen im Aachener Dom. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Ja, Karl der Große hat sehr wahrscheinlich auf diesem Thron gesessen“, sagt der Kölner Mittelalterarchäologe und Bauforscher Sven Schütte. Er hält nichts von nebulösen Vermutungen. Er ermittelt lieber als wissenschaftlicher Detektiv mit allen Mitteln – bis hin zu Staubpartikeln auf einem winzigen Nagel.

Warum gerade er sich mit dem Karlsthron im Aachener Dom beschäftigt hat, den man vermutlich in den 790er Jahren in Auftrag gegeben hat? „Zur Ausstellung ,Krönungen‘ 2000 sollte ich einen Beitrag für den Katalog schreiben“, erklärt Schütte. „Das hat mich interessiert.“

„Dann machen Sie mal“

Im Hochmünster hat er damals zusammen mit Georg Minkenberg, Leiter der Domschatzkammer, und dem damaligen Dompropst Hans Müllejans am spartanisch anmutenden Königssitz gestanden, der bis 1531 insgesamt 30 deutschen Königen als Krönungsort diente. Schütte fragte nach dem Aufmaß, also den Aufzeichnungen zum vermessenen Objekt. Man schüttelte die Köpfe. Das gab es bisher detailliert nicht. „Dann machen Sie mal“ – mit diesen Worten gab Müllejans grünes Licht zum Forschen – Auftakt einer ideenreichen Detektivarbeit, in deren Verlauf Schütte die bisherigen Hypothesen zusammentrug, um sie später zu bestätigen oder zu widerlegen.

War der Boden unter dem Thron wirklich abgenutzt? Lagen im Fach unter dem Sitz Königsreliquiar und Stephansbursa, Teil der Reichskleinodien in Form einer mit Edelsteinen besetzten Pilgertasche, die heute in der Wiener Schatzkammer aufbewahrt wird? Schütte ging in ein Bastelgeschäft und kaufte Silikonkautschuk, um einen Abdruck vom Boden unter der Treppe des Throns zu nehmen.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Ornamente der Fliesen zeichneten sich mit scharf geschliffenen Konturen ab – kein abgenutzter Boden, sondern bestens erhaltener karolingischer Belag. Schütte blieb unkonventionell in seinen Methoden. Von der Haushälterin des Dompropstes lieh er sich den Staubsauger, setzte einen frischen Beutel ein und widmete sich vermutlich als Erster in der Geschichte des Karlsthrones dem historischen Staub im Inneren. „Der Beutel war rasch prall gefüllt, da hat wohl seit 800 keiner mehr Staub geputzt“, sagt Schütte.

Nicht alles in der Tüte war appetitlich. Tote Käfer, Haare, Mörtel lagen im Staub – allerdings auch ein kleiner vergoldeter Kupfernagel, ein Holzstückchen und die Silberkapsel mit einem Knochenpartikel von Karl dem Großen (Karlsreliquiar). Die Nagelsorte entsprach üblichen Befestigungen von Goldblechen auf Goldschmiedearbeiten mit Holzkern aus frühmittelalterlicher Zeit. Zur sicheren Beweisführung reiste Schütte nach Wien, wo er mit Kollegen die Stephansbursa untersuchte.

„Die Verkleidung wurde abgenommen“, erzählt er. „Vier Nägel konnte ich sogar mit nach Köln nehmen.“ Sie stammten nicht nur vom selben Metallblock, wie der gefundene Nagel; selbst der Quecksilberanteil der Vergoldung und der anhaftende Schmutz waren identisch. Der Holzpartikel passte zudem in die Reliquienumhüllung – ein Stückchen Weidenholz vom Holzkern der Bursa. Per „Wiggle Matching“, einer computergesteuerten Auswertungsmethode der Radiocarbonuntersuchung, konnte Schütte zudem die Aussage mit der höchsten Wahrscheinlichkeit ermitteln: Holz aus der Zeit um 800.

Schließlich widmete sich der Archäologe den übrigen Bauteilen des Thronsitzes, bei denen bisher lediglich die Einritzungen eines antiken Mühlespiels und einer frühen Kreuzigungsdarstellung im Mittelpunkt standen. Dabei ist da noch viel mehr: Die Stufen etwa sind mit Graffitis von kleinen Kalvarienbergen und Kreuzen übersät. Schütte reiste nach Jerusalem, stellte fest, dass nicht nur die Marmorplatten des Thronsitzes aus der Grabeskirche stammen, sondern gleichfalls die Stufen – einst eine Säule, die man zu Platten zersägt hatte. Der Zusammenhang mit der Krönungssymbolik überzeugte, denn das Heilige Grab galt als Mittelpunkt der christlichen Welt – die nach Aachen transportierten Einzelteile behielten dabei ihre mystische Bedeutung.

„Wer einmal ein Vaterunser lang im Mittelpunkt der Welt gesessen hatte, war gültiger König“, erklärt Schütte, der den Thronbau zu einer späteren Zeit – etwa zur Krönung Ottos des Großen 973 – ausschließt. „Der Thron ist untrennbar mit dem Architekturwunder dieser Kirche verbunden und völlig auf sie eingerichtet“, betont Schütte. Was ihn noch reizt? Der Barbarossaleuchter. Im Inneren vermutet er einen karolingischen Kernleuchter, der später mit den aus Gold gestalteten Gedanken zum Himmlischen Jerusalem verkleidet wurde.

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