Aachen - Multikopter: Ein himmlisches Hobby

Multikopter: Ein himmlisches Hobby

Von: Ulrich Simons
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Volle Konzentration: Hans-Peter Dickmeiß im Garten seines Hauses in Eschweiler-St. Jöris. Der pensionierte Fachlehrer für Elektrotechnik bei der Handwerkskammer Aachen ist leidenschaftlicher Quadrokopter- und Hexakopter-Pilot. Foto: Ulrich Simons

Aachen. Nach etwa einer Stunde erzählen, zeigen und staunen ist die Frage einfach nicht mehr aufzuhalten: „Ein ganz kleines bisschen Wahn­sinn ist bei Ihnen aber auch im Spiel, oder?“ – Hans-Peter Dickmeiß, dem die Frage gilt, schaut zu dem metallenen Rieseninsekt mit den sechs Propellern auf dem Gartentisch.

Sein Blick geht über das Gewimmel aus bunten Kabeln und streichholzschachtelgroßen Elek­tronik-Komponenten, die mit Kabelbindern auf einer Platine fixiert sind, streift die Kamera unter dem Bauch des Gebildes. Dann überlegt er kurz, grinst und sagt: „Ja!“

Es ist die Geschichte einer langen Liebe zur Fliegerei in unterschiedlichen Erscheinungsformen, die sich wie ein roter Faden durch das Leben des 68-jährigen, pensionierten Fachlehrers für Elektrotechnik an der Handwerkskammer Aachen zieht. Schon als Kind, erzählt er, sei er von Hubschraubern fasziniert gewesen. Er ist knappe 30, als er in einem Hobby-Laden in Aachen das Modell eines besonders faszinierenden Drehflüglers entdeckt. „Heli Baby“ heißt der. „Eine ganz wilde Sache.“

Denn ein Hubschrauber hat die Neigung, sich unter dem laufenden Rotor in Gegenrichtung zu drehen. Um das zu verhindern, braucht man den Heckrotor, dessen Geschwindigkeit allerdings mit der des Hauptrotors synchronisiert sein muss. Bei aktuellen Modellen übernimmt das eine Elektronik, damals musste man den großen und den kleinen Propeller noch separat von Hand regeln. So lernt man Modellflug.

Vor drei Jahren hat er dann nach ungezählten Hubschraubermodellen („Für das Geld hätte man auch einen richtigen Hubschrauberschein machen können.“) sein Hobby gewechselt. Im Grunde gab es zwei Anlässe: Einem Nachbarn, der der gleichen Leidenschaft verfallen war, war sein Modell vors Schienbein geflogen. Wenn man weiß, dass die Rotorblätter am äußeren Rand eine Geschwindigkeit von 400 km/h erreichen, kann man sich das Ergebnis vorstellen.

Fast zur gleichen Zeit flog bei seinem Modellbau-Händler in Würselen ein kleiner Quadrokopter durch den Laden. Für 150 Euro wechselte das futuristische Fluggerät den Besitzer, und für Hans-Peter Dickmeiß begann, „wovon ich als Rentner immer geträumt habe: Ich gehe in den Keller und bastele.“

Das verrückteste Ergebnis der unterirdischen Frickelei: Ein Hexakopter (sechs Propeller) mit Mini-Kamera, die das Luftbild live auf eine 3D-Brille liefert. Weil man mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, das Auge aber ständig „Bewegung“ signalisiert bekommt, die das Gehirn auszugleichen versucht, geht das schwer auf den Kreislauf. Hans-Peter Dickmeiß: „Ich hab das einmal gemacht – danach war mir richtig schwindelig.“

Eine der genialsten Funktionen ist die „go home“-Automatik. Man stelle sich vor: Irgendwo oben am Himmel meldet der Akku plötzlich, dass er nur noch für wenige Minuten „Saft“ hat. Die Physik ist bei so etwas gnadenlos: Fällt der Auftrieb weg, stürzt das Fluggerät wie ein Stein zu Boden und zerlegt sich dort in seine Komponenten.

Es sei denn, der Kopter weiß, wo er herkommt. Zu diesem Zweck sind teurere Geräte mit einem GPS-Empfänger ausgerüstet. Der merkt sich, wo er losgeflogen ist, und wenn der Akku schlapp macht, oder die Steuersignale ausbleiben, fliegt das Gerätchen mit den letzten verbliebenen Volt aus eigenem Antrieb wieder dorthin, wo es aufgelassen wurde, und landet sanft vor den Füßen seines Piloten.

Was als Spielzeug vor ein paar Jahren auf den Markt kam, setzen mittlerweile diverse Branchen professionell ein. Neben der klassischen Luftbild-Fotografie nutzen Dachdecker die fliegenden Augen zur Inspektion von Dächern und Kaminen. Auch Industrieschornsteine oder Windräder lassen sich kostengünstig begutachten. Eine Wärmebild-Kamera unter dem Multikopter ermöglicht Thermografie-Aufnahmen von schwer zugänglichen Objekten.

Nicht ganz ernst nehmen kann Experte Dickmeiß dagegen Pläne des Online-Versenders Amazon, die Ware demnächst mit unbemannten Drohnen zum Kunden zu befördern. „Ich halte das für einen Marketing-Gag. Wenn Sie nicht sehen können, wohin Sie fliegen, wird das gefährlich.“

Auch Pläne des deutschen Paketzustellers DHL, der kürzlich in Bonn Paketdrohnen im Pendelverkehr mit einer Apotheke über den Rhein schickte, scheinen ihm nicht zukunftsfähig. „Was meinen Sie, wie schnell die Frequenz gehackt würde.“

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