Aachen - Mohammed Sahraoui, ein echter Weltmeister im Becherstapeln

Mohammed Sahraoui, ein echter Weltmeister im Becherstapeln

Von: Lukas Weinberger
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Zwei glückliche Händchen: Sport Stacker Mohammed Sahraoui hält momentan zwei Weltrekorde und steht zudem im Guinness-Buch der Rekorde. Foto: Lukas Weinberger

Aachen. Man könnte es sich einfach machen und behaupten, Mohammed Sahraoui habe ein Händchen für sein liebstes Hobby. Das wäre aber so nicht ganz richtig, ein Händchen würde dem Aachener nämlich nicht besonders viel nutzen. Er braucht deren zwei. Sahraoui, 22, stapelt in seiner Freizeit Becher – mit beiden Händen, in einem atemberaubenden Tempo.

Was zunächst ein bisschen komisch klingt, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Trend entwickelt. Sport Stacking, was auf Deutsch nichts anderes als Sportstapeln bedeutet, ist ein Geschicklichkeitssport, aus zwölf Bechern werden Pyramiden auf- und wieder abgebaut, möglichst fehlerfrei, möglichst schnell.

Sahraoui hat Sport Stacking 2005 das erste Mal im Fernsehen gesehen, „das hat mich beeindruckt“, sagt er. Sein erstes eigenes Becher-Set habe er gleich nach der Sendung bestellt, und nachdem es angekommen war, sei er kaum davon losgekommen. Die ersten Versuche seien in die Hose gegangen, erzählt er, besonders schnell sei seine Stapelei am Anfang nicht gewesen. „Aber mich hat der Ehrgeiz gepackt.“

Sahraoui, damals noch Schüler in seiner Heimatstadt Köln, trainierte und trainierte, er wurde schneller und schneller. Es dauerte nicht lange, bis er sich für die ersten Turniere anmeldete – und Erfolge feierte. Schon 2006 nahm Sahraoui an der Deutschen Meisterschaft teil, sein erstes internationales Turnier war die Weltmeisterschaft 2007 – als einer von rund 2200 Teilnehmern.

Die Titelkämpfe waren damals noch kein Einladungsturnier, jeder, der seine Becherstapelkünste für einigermaßen passabel hielt, konnte sich anmelden. Das hat sich mittlerweile geändert, die Teilnehmerzahlen sind begrenzt. In Deutschland entscheidet zum Beispiel eine Art Bundestrainer darüber, wer zur WM fährt. „Es gibt jetzt nicht mehr ganz so viele Teilnehmer, dafür sind nun wirklich die Besten am Start“, sagt Sahraoui.

Er selbst gehört seit acht Jahren immer zu diesen Besten, seit seiner ersten Teilnahme hat der Aachener keine große Meisterschaft verpasst. Und nicht nur das: Sahraoui ist so erfolgreich, dass seine prall gefüllte Pokalvitrine jeden anderen Sportler vor Neid erblassen lassen würde: 19-facher Deutscher Meister, dazu elf Weltmeister- und neun Vize-Weltmeistertitel.

Dass der Sport Stacker auf so viele Titel stolz sein kann, liegt auch ein bisschen an der Sportart selbst. Sie ist in einzelne Disziplinen unterteilt, es gibt Wettkämpfe im Einzel, im Doppel und in der Staffel. Und überall werden Titel vergeben. Zwei der drei Einzeldisziplinen hören auf die unkomplizierten Namen 3-3-3 und 3-6-3, was schlicht bedeutet, wie viele Becher nacheinander zu einer Pyramide auf einen Tisch gestapelt und wieder abgebaut werden müssen. Die Becher sind speziell für den Sport hergestellt, sie haben eine raue Oberfläche, damit sie gut in der Hand liegen, Einkerbungen, damit sie nicht verkeilen. Gespielt wird auf einer dünnen Gummimatte mit integrierter Stoppuhr.

Die dritte Entscheidung im Einzel ist der Cycle, so etwas wie die Königsdisziplin im Sport Stacking: Sie beginnt mit einem 3-6-3, der anschließend zu zwei Sechserpyramiden umgebaut wird. Es folgt ein 1-10-1, der schließlich so abgebaut werden muss, dass am Ende wieder ein 3-6-3 auf dem Tisch steht. Und das alles im Eiltempo. Sahraouis Bestzeiten sind beeindruckend: Den 3-3-3 schafft er in 1,94 Sekunden, den 3-6-3 in 2,50 Sekunden, und für einen Cycle braucht er 6,40 Sekunden, weit weg von den Weltrekorden sind seine Zeiten alle nicht. Der Amerikaner William Orrell schaffte die einzelnen Disziplinen in 1,44, 1,90, und 5,30 Sekunden.

Apropos Weltrekorde, Sahraoui hält gleich zwei davon: Einen gemeinsam mit seinem Doppelpartner im Stapeln des Cycles, den anderen im 24-Stunden-Stacking. Gemeinsam mit einem befreundeten Stapler aus Stuttgart hat sich Sahraoui Tag und Nacht um die Ohren geschlagen – um herauszufinden, wer in 24 Stunden mehr Cycles stapeln kann. Sein Kontrahent schaffte 4421, Sahraoui 4719. Dafür gab‘s eine offizielle Urkunde und einen eigenen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

Dass viele Menschen sagen, das Aufeinanderstapeln von Bechern sei doch kein richtiger Sport, ist Sahraoui ziemlich egal. Natürlich komme man nicht so ins Schwitzen, als würde man einen Marathon laufen, „aber man muss die Konzentration die ganze Zeit hochhalten“. Beim Sport Stacking wird schon der kleinste Fehler bestraft, wenn ein Becher umfällt, ist eine gute Zeit kaum mehr zu erreichen.

Und irgendwie hilft Sahraoui sein Sport auch im Alltag. Nicht dass der Aufbau kleiner Bechertürmchen aufschlussreich für sein Maschinenbau-Studium ist, nein, „aber es ist eine gute Ablenkung“. In Klausurphasen, immer dann, wenn es einmal stressig wird. Außerdem fördere es die Koordination und Auffassungsgabe. Gerade deswegen bietet Sahraoui Workshops in Schulen, Firmen und auch auf Events oder Messen an. In der Region und darüber hinaus.

Der Aachener ist schon herumgekommen. Er war zum Beispiel in Denver, Dallas und Orlando, auch im südkoreanischen Jeonju hat Sahraoui schon Becher aufeinander gestapelt, bezahlt hat er das aus eigener Tasche. Die nächsten großen Wettbewerbe stehen nächstes Jahr an, zuerst die Deutsche Meisterschaft im März, einen Monat später steigt die WM im kanadischen Montreal. Sahraoui will dabei sein. Er hat einfach zwei Händchen fürs Sport Stacking.

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