Aachen/Düsseldorf - Mitleidsmasche: Verdächtiger spricht von 1000 Taten

Mitleidsmasche: Verdächtiger spricht von 1000 Taten

Von: ddp
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Aachen/Düsseldorf. Nach einer der längsten Serien von Vergewaltigungen in Deutschland und benachbarten Ländern ist gegen einen geständigen Familienvater aus der Eifel Anklage erhoben worden.

Fast 20 Vergewaltigungen binnen 15 Jahren und mehrere Versuche in der Bundesrepublik, Belgien und Holland gehen auf sein Konto, berichteten Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag in Düsseldorf. Der Mann selbst habe von etwa 1000 Fällen gesprochen, sagte der Chefermittler der Polizei Krefeld, Reinhard Freuen.

Die „Lebensbeichte” des Schlossers füllt 590 Seiten. Nachts war er maskiert in die Erdgeschosswohnungen junger Frauen eingestiegen, bedrohte die Opfer mit einem Messer und vergewaltigte sie.

Nun drohen dem zweifachen Vater 15 Jahre Haft und anschließende Sicherungsverwahrung. Außerdem hat die belgische Justiz seine Auslieferung beantragt.

Der Mann gestand, sich in den vergangenen 20 Jahren rund 1000 Mal mit einer Mitleidsmasche Frauen genähert zu haben. Er täuschte vor, körperbehindert zu sein und seine Arme nicht bewegen zu können. Dann gab er vor, dringend Urinieren zu müssen, oder sich die Schamhaare im Reißverschluss eingeklemmt zu haben. Rund 150 Frauen habe er so überreden können, ihn sexuell zu befriedigen. Dass dies nicht strafbar ist, habe er gewusst. Dennoch erstatteten 91 Frauen Strafanzeige. „Die Dunkelziffer wird sehr hoch sein, weil viele Frauen sich sehr schämen”, sagte Ermittler Reinhard Freuen.

Meist am Wochenende war der 46-Jährige hunderte Kilometer in seinem Auto unterwegs, um überwiegend in Nordrhein-Westfalen jungen Frauen nachzustellen. Er klingelte an ihrer Wohnungstür, schlich sich in Studentenheime. Indem er einen Dialekt vortäuschte, leimte er die Fahnder, die deswegen nach einem Ausländer suchten.

Mehrmals sei der Serienvergewaltiger nur mit sehr viel Glück entkommen. So sei er bei einer Vergewaltigung vom Ehemann überrascht und in einen Kampf verwickelt worden. Dabei verlor er vor dem Haus einen Teil eines Handschuhs, der beim Kampf zerfetzt wurde. Als die Polizei bereits am Tatort war, sei er zurückgekehrt, habe sich dreist unter die Schaulustigen gemischt und den verräterischen Handschuhteil verschwinden lassen.

Bei seiner Festnahme habe sich der Schlosser erleichtert gezeigt. Sein Umfeld sei von den Vorwürfen völlig überrascht gewesen. Seine Frau habe inzwischen die Scheidung und für sich und die gemeinsamen Kinder eine Namensänderung beantragt.

Der 46-Jährige sei sehr egomanisch und strotze vor Selbstmitleid, berichtete der Ermittler: „Er tut sich selbst sehr, sehr leid”. Als Legastheniker habe er es beruflich zu nichts gebracht. Frauen seien ihm gegenüber im Beruf bevorzugt worden, obwohl er über einen Intelligenzquotienten von 140 verfüge. Mit seiner Mitleidsmasche habe er sich bewusst intelligente Frauen ausgesucht, um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Beim Tatmotiv spielten daher neben dem Sexualtrieb des Mannes auch Macht-Gelüste eine Rolle. Mitgefühl mit seinen Opfern habe bei seiner mehrtägigen Vernehmung nicht gezeigt.

Ein DNA-Abgleich hatte den unauffälligen Mann mit Vergewaltigungen in Krefeld, Bonn und Aachen in Verbindung gebracht. Er war im März im rheinland-pfälzischen Teil der Eifel festgenommen worden. Mit der Anklageschrift, die nun dem Düsseldorfer Landgericht zugestellt wurde, werden dem Schlosser sieben schwere und zwei versuchte Vergewaltigungen vorgeworfen. Weitere elf Vergewaltigungen soll er in Belgien und eine in den Niederlanden begangen haben.

Die Krefelder Polizei hatte mehrmals mit Hilfe der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst” nach dem Mann gefahndet. Den entscheidenden Hinweis lieferte daraufhin ein Polizist aus dem belgischen Eupen. Er erinnerte sich daran, dass er vor einigen Jahren wegen eines Diebstahls gegen einen Mann ermittelt hatte, der eine ähnliche Mitleidsmasche wie der gesuchte Sexualstraftäter benutzt hatte und kannte seine Personalien. Als Opfer den Mann daraufhin auf Fotos wiedererkannten, erwirkte die belgische Polizei einen Europäischen Haftbefehl.

„Das Auffällige an ihm ist seine Unauffälligkeit”, hatte eine Ermittlerin gesagt. „Er ist der unscheinbare Nachbar, dem niemand diese Tat zutraut.”
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