Aachen - Mit Second-Hand-Ermittlung vors Gericht

Mit Second-Hand-Ermittlung vors Gericht

Von: Stephan Mohne
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Psychiatrie statt Gefängnis? Der 43-Jährige, der in Aachen auf eine Kanzleiangestellte losging und vor Ort festgenommen wurde, ist des versuchten Mordes angeklagt. Vor Gericht wird es auch um einen Fall aus 2005 gehen, in dem die Ermittlungsakte verschwunden ist. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Die Originalakte bleibt spurlos verschwunden. Wohl für immer. So musste die Polizei in mühsamer Kleinarbeit Ermittlungsergebnisse, die sie eigentlich schon seit Jahren hatte, zusammenpuzzeln. Ein unglaublicher Vorgang.

Denn die gefährliche Körperverletzung, um die es damals im Jahr 2005 ging, kam nie zur Anklage. Ein Gerichtsverfahren gab es mithin auch nicht. Und das angesichts einer Tat, die höchst öffentlichkeitswirksam vonstatten ging.

Der mutmaßliche Täter, ein 43-Jähriger aus Alsdorf, hatte eine Tante mit einem Messer angegriffen, sie verletzt, sich dann verschanzt. Spezialeinsatzkräfte der Polizei stürmten schließlich das Haus in einer Alsdorfer Siedlung. Der Mann kam in die Psychiatrie, kam ein paar Monate später wieder nach Hause - und brachte rund vier Jahre später - am 2. November 2009 - in einer Aachener Anwaltskanzlei eine Mitarbeiterin mit etlichen Messerstichen fast ums Leben.

Jetzt endlich wird es wohl ein Gerichtsverfahren geben. Denn die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen versuchten Mordes gegen den 43-Jährigen erhoben. Verurteilt wird der Mann aber möglicherweise nicht. Aufgrund psychiatrischer Gutachten gehen die Ermittler davon aus, dass der Alsdorfer nicht schuldfähig ist. Er soll nun dauerhaft in einer forensischen Psychiatrie untergebracht werden, so der Antrag der Staatsanwaltschaft.

Der „verschluderte” Fall

Kurios wird es auch noch: Der einst „verschluderte” Fall - besagte gefährliche Körperverletzung aus dem Oktober 2005 - wird im Paket gleich mitangeklagt. Basis dessen: die rekonstruierte Version der verschwundenen Akte. Das Gerichtsverfahren - so das Landgericht erwartungsgemäß ein Hauptverfahren eröffnet - wird spannend. Angehörige des mutmaßlichen Täters hatten kurz nach der Messerattacke gegenüber unserer Zeitung den Vorwurf geäußert, dass diese schlimme Bluttat hätte verhindert werden können. Sie hatten den Behörden Schlamperei und unkoordiniertes Arbeiten vorgeworfen.

Wäre es nämlich 2005 bereits zu einem Verfahren gekommen, wäre der Mann möglicherweise so rasch nicht aus der Psychiatrie entlassen worden. Dann nämlich wäre seine Vorgeschichte zur Sprache gekommen. So war es nicht das erste Mal, dass der 43-Jährige in einer geschlossenen Psychiatrie war. Bereits in den 90er Jahren war er in Behandlung. Die Ärzte sahen in ihm aber jeweils nach kurzer Zeit und entsprechender „Medikamenteneinstellung” keine Gefahr mehr.

Die Medikamente, so seine Angehörigen, nahm er aber jeweils nicht lange. So lebte der Mann im elterlichen Haus völlig zurückgezogen und schrieb Bücher, die er dann auch noch im Selbstverlag herausbrachte. Meist waren es Zusammenstellungen von Schriftwechseln mit Behörden, von denen er sich permanent verfolgt fühlte.

Im Februar 2009 durchsuchte die Polizei abermals das Alsdorfer Haus. Wie 2005 fand man auch diesmal ein ganzes Arsenal von Messern im Zimmer des Mannes. Anlass: In einem Steuerberatungsbüro hatte er angemerkt, er müsse wohl erst einen Richter oder Staatsanwalt umbringen, damit seine Bücher gelesen würden. Ein darauf folgendes Ermittlungsverfahren wurde aber eingestellt, da es sich bei den Messern nicht um Waffen im Sinne des Gesetzes handelte.

Mitte 2009 wurde schließlich auch noch ein amtsgerichtliches Betreuungsverfahren eingeleitet. In diesem Zusammenhang gab es auch eine ärztliche Beurteilung, die unserer Zeitung bekannt ist. Die Rede ist dort von einer „schwergradigen paranoiden Psychose”, von einer „Wahnerkrankung” und davon, dass seine Mutter in permanenter Angst vor ihrem Sohn lebe. Doch auch dieses Verfahren kam nicht voran. Oberstaatsanwalt Robert Deller glaubt, dass alle diese Dinge wohl im Gerichtsverfahren zur Sprache kommen werden.

Und geredet wird wohl auch noch einmal über das Verschwinden der Akte von 2005. Bei der Staatsanwaltschaft ging diese jedenfalls nie ein, wie Deller stets betont hat. Tatsächlich ist sie wohl bei der Polizei oder auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft „abhanden” gekommen. Die Polizei hatte nach den Berichten unserer Zeitung über diesen Vorgang eine interne Untersuchung eingeleitet. Diese läuft noch.

„Unser Ziel war es vor allem, zeitnah die Akte zu rekonstruieren”, so Polizeisprecher Paul Kemen auf Anfrage. Zur internen Ermittlung will sich die Polizei zu gegebener Zeit noch äußern. Gespräche hat es anschließend auch zwischen den Behördenleitern gegeben, denn der Fall hatte zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst für laute Misstöne gesorgt. Bei den Spitzengesprächen ging es vor allem darum, wie ein solcher Vorfall künftig verhindert werden kann.

Der mutmaßliche Täter, der noch vor Ort festgenommen werden konnte, kam wenige Tage nach der Bluttat aus der Untersuchungshaft in die Psychiatrie nach Essen, wo er seither ist.

Bislang keine Aussage

Zu dem Vorfall hat er sich laut Oberstaatsanwalt Deller seither nicht geäußert. Fest steht, dass er nur wegen eines abgesagten Termins mit seinem Anwalt durchdrehte und mit einem Messer, dass er laut seiner Angehörigen wegen seines Verfolgungswahns stets bei sich führte, auf die 34-jährige Büroangestellte einstach. Sie erlitt schwerste Verletzungen an Organen und an Gliedmaßen. Durch eine Notoperation wurde sie gerettet.
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