Sporter des Jahres Freisteller Sportlerwahl Sportlergala Freisteller

Mit HIV kommt sie klar. Mit Ablehnung nicht.

Von: Laura Laermann
Letzte Aktualisierung:
13521633.jpg
Mit ihrem Koffer geht Alexandra Frings in Schulen und Fortbildungen und klärt über HIV, Aids und andere Krankheiten auf. Foto: Laura Laermann
13553739.jpg
Deutschlandweit kennt man ihr Gesicht von riesigen Plakaten der Kampagnenaktion.

Aachen. Nervös sitzt Alexandra Frings im großen kargen Wartezimmer des Uniklinikums. Mehr als drei Stunden muss sie sich gedulden, bis sie endlich aufgerufen wird. Ihr Herz klopft, eine Zitterpartie. Als sie in das Behandlungszimmer der Ärztin kommt, geht alles sehr schnell: „Frau Frings, es tut mir leid, Sie sind HIV-positiv“. Eine Diagnose, mit der sie nicht gerechnet hat und die ihr Leben verändert.

Begonnen hatte alles mit einem Hautausschlag. Mehr als eineinhalb Jahre lang versuchte Alexandra Frings gemeinsam mit Ärzten, die Ursachen für ihre Hautprobleme herauszufinden. Der HIV-Test brachte die Lösung und viele Probleme zugleich. Noch 15 Jahre später weiß sie, wie sich dieser Schock anfühlte: „Ich hatte Angst vor moralischen Bewertungen und mangelnder Leistungsfähigkeit.“ Die tägliche Einnahme 13 verschiedener Medikamente war mit Übelkeit und Schmerzen verbunden. Doch am schlimmsten war, dass die Ärztin ihr nur noch zehn bis 15 Jahre Leben prophezeite. Eine Welt brach für die damals 28-Jährige zusammen. Wie sollte sie für ihren Sohn da sein? Das Leben verlor seine Farben.

Unwissen und Diskriminierung

Heute ist Alexandra Frings 43 Jahre alt und kann mit HIV leben. Der Fortschritt der Medizin und die jahrelange Therapie ermöglichen, dass sie täglich nur noch ein Medikament nehmen muss, das bei ihre keine Nebenwirkungen verursacht. Die Einnahme schützt ihren Körper vor dem Virus, so dass ihr eine ähnliche Lebenserwartung wie anderen Menschen prognostiziert wird. Außerdem ist sie nicht mehr infektiös, was bedeutet, dass sich andere Menschen nicht bei ihr anstecken können. Dennoch begegnen ihr im Alltag und Beruf häufig Unwissenheit und Diskriminierung. Als Kampagnen-Botschafterin des Welt-Aids-Tags möchte sie das ändern. Deutschlandweit kennt man ihr Gesicht von riesigen Plakaten, auf denen sie Haltung zeigt. Ihre Botschaft: „Mit HIV komm ich klar, mit Ablehnung nicht“. Bewusst hat sie sich für diesen Satz entschieden: „Viele Leute sehen erst die Krankheit und dann den Menschen“, erzählt Frings. „Bevor man jemanden aber bewertet, sollte man das Gespräch mit dem Betroffenen suchen.“

Dumme Sprüche von Ärzten und Fehlverhalten von Pflegepersonal sind herabwürdigende Situationen, in die sie gerät. So wurde ihr beispielsweise vor Kurzem bei einem Arztbesuch ein separater Toilettenstuhl in den Raum gestellt. „Ich sehe ein strukturelles Problem darin, dass Pflegekräften nötiges Wissen fehlt und sie nicht fortgebildet werden. Dadurch bauen sich irrationale Ängste auf“, erklärt Frings deutlich. Als Mitarbeiterin der Aids-Hilfe Aachen weiß sie, wovon sie spricht: Bei Seminaren für Pflegepersonal klärt sie die Teilnehmer nicht nur über HIV auf, sondern schafft auch ein Bewusstsein für mehr Toleranz und Verständnis. Sie appelliert an mehr Selbstreflexion: „Ein erster Schritt, der schon viel verändern könnte, ist das Eingeständnis, wenig über die Krankheit zu wissen.“

Auch Frings wusste anfangs nur sehr wenig über HIV. Sie wandte sich an die Aids-Hilfe Aachen e.V. und nahm viele Beratungs- und Bildungsangebote wahr. Sich viel Wissen anzueignen, war für die 28-Jährige damals ein wichtiger Schritt, um die Krankheit zu verstehen und mit ihr umgehen zu können. Schließlich wurde sie selbst zunächst ehrenamtliche Mitarbeiterin der Aids-Hilfe und steht nun voll im Berufsalltag. Dieser ist geprägt von verschiedenen Beratungsangeboten und Projekten. Angefangen hat sie mit der Aufklärungsarbeit in Schulen. Mit einem Koffer bepackt geht sie in die Klassen, informiert Schüler und beantwortet Fragen, auch zu ihrer eigenen Geschichte. „Die Jugendlichen sind neugierig, fragen viel, gehen aber sehr sensibel und tolerant mit dem Thema um.“

Früh über das Thema aufzuklären, bedeutet nicht nur, dass man sich vor HIV zu schützen weiß, sondern auch, keine falschen Vorstellungen aufbaut. Viele Frauen, die an HIV erkrankt sind, haben mit ganz eigenen Vorurteilen zu kämpfen. Alexandra Frings bietet Workshops speziell für diese Frauen an: „Ich möchte Mut machen und Ängste nehmen“, sagt die zierliche Frau, die für viele ein großes Vorbild ist. „Viele leben nicht offen mit ihrer Krankheit und haben Angst davor, dass Menschen, denen sie sich anvertrauen, sie zwangsouten.“ Daher ist auch die Partnersuche mit Zittern verbunden. „Ich erzähle sehr früh von meiner Krankheit, wenn ich jemanden kennenlerne, weil sie zu meinem Leben dazu gehört. Man muss aber mit Ablehnung rechnen und damit, dass die Person anderen davon erzählt.“

Ihrer Familie konnte Frings blind vertrauen. Die Unterstützung ihrer Eltern und ihres besten Freundes war ein wichtiger Anker. Doch vor allem für ihren Sohn hat sie gegen die Krankheit gekämpft. Als er 13 Jahre alt war, beschloss sie, ihm von der Krankheit zu erzählen und seine Fragen altersgerecht zu beantworten. „Es gab kein perfektes Timing“, weiß die Mutter und warnte ihn vor möglicher Intoleranz: „Wenn du anderen davon erzählst, musst du mit Mobbing rechnen.“ Sie selbst ging zu diesem Zeitpunkt offen mit der Krankheit um, hatte sich entschlossen, sich nicht mehr zu verstecken.

Doch bis zu diesem Selbstbewusstsein war es ein langer Weg. Besonders ein prägendes Erlebnis markiert einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben: 2012 lief Frings einen Marathon und beendete ihn erfolgreich. Ein Gänsehautmoment. Was vor 15 Jahren noch unmöglich schien, ist wahr geworden. „Ein Jahr vorher hatte ich mit zwei Minuten laufen begonnen. Stück für Stück habe ich mich gesteigert“, erzählt sie. Das regelmäßige Laufen hat nicht nur ihrer Gesundheit und ihrem Immunsystem gutgetan, es hat ihr auch innerlich Kraft gegeben. 2014 bestieg sie dann den Kilimandscharo. Der lange Trainings-Prozess zum Marathon und die Tour auf den afrikanischen Riesen gleichen dabei ihrer eigenen Entwicklung. Frings hat ihre Krankheit als Chance wahrgenommen: Sie ist deutlich selbstbewusster geworden und geht mit einer ganz anderen Wahrnehmung durch das Leben. „Ich genieße anders und weiß vieles mehr zu schätzen“, sagt sie. „Farben, Gerüche, alles um mich herum erfasse ich intensiver.“ Auch Beziehungen zu Freunden sind an ihrer Krankheit gewachsen, neue Freundschaften sind entstanden. Wöchentlich trifft sich die Sportgruppe, die Frings initiiert hat, zum Laufen und Schwimmen. Sowohl HIV-erkrankte Menschen, als auch andere nehmen am Training teil, und jeder ist willkommen. „Nicht nur die Gesellschaft muss sich öffnen, auch wir müssen jedem gegenüber offen sein.“ Ihr Wunsch: eine tolerante, vielfältige Gesellschaft.

Frings hat ihrem Schicksal die Stirn geboten und ermutigt auch andere Erkrankte dazu. „Die Diagnose HIV sollte kein Schock mehr sein. Die Medizin ermöglicht ein fast normales Leben.“ Die Kampagnen-Botschafterin wird auch am Welt-Aids-Tag weiterkämpfen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert