Mit Handicap, Einsatz und Stolz im Beruf

Von: Daniela Lukaßen und Sarah Maria Berners
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Mit Handicap in der Ausbildung: So sieht der Arbeitsplatz von Adrian Janetzko aus. Foto: Lukaßen, LVR
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Mit Handicap in der Ausbildung: So sehen die Arbeitsplätze von Adrian Janetzko (l.) und Thomas Bachtenkirch (r.) aus in einem Dürener Integrationsunternehmen. Foto: Lukaßen, LVR

Düren. „Arbeit bedeutet, selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können. Arbeit gibt den Menschen die Chance, sich einzubringen, sich zu beweisen und soziale Kontakte zu knüpfen. Und Arbeit ist ein Stück Lebensqualität“, sagt Karin Fankhaenel, Leiterin des LVR-Integrationsamtes.

„Und Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf diese Lebensqualität durch berufliche Teilhabe.“ Doch auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können, scheint für viele junge Menschen mit Handicap unerreichbar.

In der Dürener Integrationsfirma AfB (Arbeit für Menschen mit Behinderung) ist das anders. Dort absolvieren acht Männer und eine Frau zwischen 22 und 37 Jahren ihre Ausbildung zum Fachpraktiker für IT-Systeme. Thomas Bachtenkirch (31) ist einer von ihnen. Er sitzt im Rollstuhl und arbeitet an einem speziell für ihn ausgestatteten Arbeitsplatz.

Ausgezeichnete Integration

Am Dienstag sind Bachtenkirch und seine Kollegen mit dem LVR-Prädikat „Arbeit – echt stark!“ ausgezeichnet worden. Seit vier Jahren werden damit Menschen ausgezeichnet, die sich mit ihren „besonderen Begabungen und Talenten erfolgreich im Berufsleben etabliert haben“.

Die neun Auszubildenden, die verschiedene Behinderungen haben, sind Teilnehmer des Projekts „WAB“, in dessen Rahmen sie gebrauchte Computer und IT-Hardware für den Wiederverkauf aufbereiten. „WAB“ bedeutet: aus der Werkstatt durch die Ausbildung in den Beruf. Mehr als 50 Prozent der Menschen, die bei AfB arbeiten, haben eine Behinderung – durch Unfall, Krankheit oder schon von Geburt an. Die „WAB“-Auszubildenden waren vorher mindestens zwei Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung beschäftigt, auch David Meures. Er ist sehr froh darüber, dass er heute seine Ausbildung zum Fachpraktiker für IT-Systeme machen kann. „Es gefällt mir hier besser als in der Werkstatt“, sagt er. Eine Aussage, die Peter Sittig, Projekt- und Ausbildungsleiter bei AfB, und Prokuristin Monika Braun nicht zum ersten Mal hören. „Hier werden die Auszubildenden entsprechend ihrer Talente gefördert und gefordert“, sagt Braun. Auch für Adrian Janetzko ist die Ausbildung eine große Chance. „Diese Arbeit macht mir viel Spaß“, sagt er. Zufrieden berichtet er, dass er im Laden aushilft, Kunden berät und Computer verkauft. „Ich mache meine Arbeit gerne, denn man muss immer auch den Kopf anstrengen.“

Schon Ende 2006 wurde das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. In diesem Übereinkommen steht, dass Menschen mit Behinderungen das gleiche Recht auf Arbeit und auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen zu können, haben müssen. Trotzdem ist das nicht selbstverständlich. Und obwohl Deutschland das Abkommen als einer der ersten Staaten im März 2007 unterzeichnet und im Februar 2009 ratifiziert hat, ist vielen Menschen die Möglichkeit, auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten zu können, noch immer versperrt.

Und dass der Weg für junge Menschen wie Adrian Janetzko, Thomas Bachtenkirch und David Meures eben nicht zwangsläufig in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung führt, sondern dass sie eine Wahl haben, ist ein Punkt, für den sich auch der Landschaftsverband Rheinland (LVR) einsetzt.

Er fördert Arbeitgeber, die Menschen mit Handicap beschäftigen, aus Mitteln der Ausgleichsabgabe. Diese müssen Unternehmen zahlen, die nicht genügend Menschen mit Behinderung einstellen; denn laut Sozialgesetzbuch sind Arbeitgeber mit mehr als 20 Beschäftigten verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit behinderten Mitarbeitern zu besetzen. Der LVR übernimmt die Hälfte der Kosten für Ausbildung und Ausstattung der Arbeitsplätze.

Die Idee, Menschen mit Handicap die Möglichkeit zu einer Ausbildung im IT-Bereich zu bieten, wurde zufällig geboren. „Eigentlich ist das Projekt durch eine Spendenaktion entstanden“, sagt Sittig. Als die AfB vor einiger Zeit Computer an eine Werkstatt spendete, fielen ihm und seiner Kollegin zwei junge Männer auf, die interessiert die PCs betrachteten und sie sofort testeten. „Wir haben sie angesprochen und festgestellt, was für ein großes Interesse sie an dem Thema haben“, sagt Sittig. Seine Kollegin Monika Braun, die für die sozial-psychologische Betreuung zuständig ist, er und das Team setzen sich seitdem dafür ein, dass junge Leute mit Handicap ihre Ausbildung machen können. Für die ersten Azubis stehen im Frühjahr schon die Abschlussprüfungen an. Alle, die bestehen, werden übernommen. Im nächsten Durchgang sollen dann Fachkräfte für die freie Wirtschaft ausgebildet werden.

Hartnäckige Gerüchte

„Menschen mit Behinderung sollen dieselben Chancen und Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben wie nicht behinderte Menschen“, sagt Karin Fankhaenel vom LVR. „Gleichzeitig ist die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung eine große Chance für Arbeitgeber. Sie gewinnen häufig hoch motivierte, qualifizierte und einsatzbereite Mitarbeiter.“

Trotzdem gibt es noch immer Vorbehalte. So beschäftigt ein Viertel aller Arbeitgeber im Rheinland keine behinderten Menschen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Oft haben Arbeitgeber Angst, Männer und Frauen mit Handicap zu beschäftigen. Ein Punkt, den Standortleiter Dominik Lenke von der AfB ein Stück weit nachvollziehen kann. „Die Ängste sind am Anfang immer da“, sagt er. Gerüchte halten sich hartnäckig, dass behinderte Mitarbeiter häufiger krank und nicht so produktiv seien. Alles falsch, wie Dominik Lenke heute weiß. „Die Menschen sind froh und stolz, arbeiten zu dürfen.“

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