Milliardenschwere Umrüstung: EU nimmt sich die Straßenlaternen vor

Von: Detlef Drewes
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Nicht nur in Deutschland, sondern überall in der EU müssen in den nächsten drei Jahren neue Straßenbeleuchtungen errichtet werden. Foto: ddp

Brüssel. „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne, und steht sie noch davor”: Dort, wo Komponist Norbert Schulz 1938 Lili Marleen warten ließ, wird es ungemütlich.

Mit den übrigen neun Millionen Leuchten an deutschen Straßen, Plätzen und Tunneln wird sie weichen müssen. Und zwar bis spätestens 2011. Kaum beachtet ist in diesen Tagen die Einspruchsfrist verstrichen, die man hätte nutzen können, um Bogenlampen, Leuchtstoff-Laternen und andere Strahler zu retten. „Die Verordnung ist damit de facto durch und tritt im März in Kraft”, heißt es bei der EU-Kommission in Brüssel.

Dort wundert man sich auch, dass niemand gegen die milliardenschwere Umrüstung protestierte und mutmaßt: „Die einen haben schon begonnen, neue Leuchten zu montieren, die anderen werden irgendwann erschrocken aufwachen.” Beim Deutschen Städtetag gibt man sich gelassen: „Unsere Gemeinden liegen gut im Zeitplan.”

Ökodesign-Verordnung

Technisch nüchtern schreibt die sogenannte Ökodesign-Verordnung aus Brüssel vor, dass die vier Zentimeter dicken Leuchtstoffröhren verschwinden müssen und den dünneren, sogenannten „T-8-Lampen” Platz machen sollen. Die passen aber wegen anderer Ausmaße nicht mehr in die vorhandenen Fassungen. Fazit: Nicht nur in Deutschland, sondern überall in der EU müssen in den nächsten drei Jahren neue Straßenbeleuchtungen errichtet werden.

Aus Sicht des Verbandes deutscher Ingenieure (VDI) sowie des Zentralverbandes Elektrotechnik und Elektronindustrie (ZVEI) ein längst überfälliger Schritt: Straßenlaternen „brennen” zwischen 2500 und 4400 Stunden im Jahr, das sind rund 180 Tage. Dabei verschlingen sie vier Milliarden Kilowatt Strom und produzieren 2,5 Millionen Tonnen CO2. Jede dritte Straßenlampe „ist geradezu antiquiert”, heißt es beim VDI. „Pro Jahr werden rund drei Prozent erneuert. Rein rechnerisch dauert es also 33 Jahre, bis der Bestand modernisiert ist.”

Schnelle Umrüstung spart Geld

Dabei könnten die Städte und Gemeinden mit einer schnellen Umrüstung viel Geld sparen. Heute gibt jede Kommune 30 bis 40 Prozent ihrer Stromkosten für Straßenlaternen aus. Eine alte Pilzleuchte verbraucht in 3000 Betriebsstunden pro Jahr 267 Kilowattstunden Elektrizität. Die neuen Energiesparlampen begnügen sich mit 186 Kilowatt.

In Euro und Cent ausgedrückt vermindern sich die jährlichen Stromrechnungen von 50,73 Euro auf 35,34 Euro. Da Material und Montage nach dieser Modellrechnung der Energie Baden-Württemberg (EnBW) mit etwa 335 Euro veranschlagt werden, hat sich die neue Leuchte nach 21 Jahren amortisiert und bis dahin pro Lampe und Jahr 42 Kilo weniger CO2 produziert.

Doch es geht nicht nur ums Geld. Um Laternen ranken sich Geschichten und romantische Erinnerungen. Sie gehören zum Flair einer Stadt wie Berlin, das seine alten Gas-Leuchten gleich mit einer Briefmarken-Serie verehrt. Das Stadtbild wird sich ändern, denn die neuen Leuchten sind nicht einfach nur sparsamer und ökologischer, sie geben auch ein ganz anderes Licht ab. An die Stelle des typischen Weiß werden viele Straßen künftig in ein Gelblicht getaucht werden. Breite Lichtfelder dürften der Vergangenheit angehören, neue Lampen haben weit weniger Streuverluste und können gezielter auf die Fahrbahn oder den Gehweg ausgerichtet werden.

Von hochmodernen Lichtsäulen werden noch dazu deutlich weniger gebraucht, weil sie ihre Leuchtkraft besser verteilen und vor allem nicht den dunklen Himmel anlachen. Sie beziehen ihre Energie tagsüber von der Sonne, dimmen das Licht in den Nachtstunden, in denen es kaum Verkehr gibt, herunter und rufen bei Störungen selbstständig per SMS einen Techniker.

Und doch gibt es Opfer der Modernisierung, wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) betont: „Nachtaktive Insekten - darunter unter anderem ein Großteil der heimischen Schmetterlingsarten - werden durch Lichtquellen wie Straßenbeleuchtung massenhaft angelockt. Im Bann dieser Beleuchtung werden sie leicht zur Beute anderer Tiere bzw. sterben durch Kollision oder Erschöpfung.” Zu ihrem Schutz wären Straßenlaternen, deren Licht einen möglichst geringen Ultraviolett- und Blauanteil hat, nötig. Das Verständnis für die Konsequenzen der Umrüstung ist jedoch nicht überall da. Nüchtern heißt es beim VDI: „Neuere Lampen bringen den gleichen Leuchteffekt, zugegeben in weniger insektenfreundlichem Weiß.”

Bei Vollmond nicht entzündet

In Brüssel spielte der Tierschutz jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Ebenso wenig wie andere offene Fragen, die bei der Suche nach weiteren Möglichkeiten zum Energiesparen auf der Straße eine Rolle spielen könnten. Ein Blick in die Annalen der Stadt Hamburg zeigt, dass dort 1675 die Brenndauer der Öllampen in einem „Brennkalender” festgelegt war. Während des Vollmondes wurden die Laternen erst gar nicht entzündet, weil es hell genug war. So ergab sich eine jährliche Brenndauer von 1745,5 Stunden.

Heute sind es in einigen Fällen über 4000 Stunden - obwohl die Lichtausbeute der Laternen von 10 Lumen im Jahr 1920 (Lumen ist die photometrische Einheit, mit der Lichtstrom gemessen wird) auf 200 Lumen im Jahr 2000 um das Zwanzigfache zugenommen hat. Die Beleuchtungsdichte (also Lumen pro Straßenkilometer) ging sogar um das Vierhundertfache nach oben. Allein in Deutschland regeln acht unterschiedliche Richtlinien, wie Unterführungen, Fußgängerwege oder Parkplätze beleuchtet sein müssen.
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