Miese Geschäfte mit alten Menschen

Von: Ulrich Simons
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Ein schöner Tag? Spätestens der abendliche Blick ins Portemonnaie oder ein paar Tage später auf den Kontoauszug führt bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Kaffeefahrt zu der Erkenntnis, dass sie die Einladung besser in den Papierkorb geworfen hätten. Foto: imago/imagebroker

Aachen. Der Fahrer hatte gerade seine überwiegend hochbetagte Gästeschar willkommen geheißen, da war die Reise auch schon zu Ende. An der Autobahnauffahrt Aachen-Brand stoppte die Kripo den Bus. Die Beamten hatten Wind von der „Kaffeefahrt“ bekommen und wollten in letzter Sekunde das Schlimmste verhindern. Also rein.

„Wissen Sie, dass Sie heute betrogen werden?“, fragten die Polizisten die gut gelaunte Runde. Die Antwort der Senioren fiel etwas anders aus als erwartet: „Jaja, ist aber egal. Wir machen uns heute einen schönen Tag.“

Nur wenige erstatten Anzeige

Veranstalter sogenannter Kaffeefahrten sind bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Es ist eine geradezu mafiöse Branche, deren Vertreter keine Skrupel kennen, wenn es darum geht, ältere Menschen unter Druck zu setzen, sie zu betrügen und ihnen mit wertlosem Ramsch oder horrend überteuerten Produkten die Euros aus der Tasche zu ziehen.

Wenn alte Menschen sich sehenden Auges auf das üble Spiel einlassen, liegt das oft in ihrer persönlichen Situation begründet: Viele müssen jeden Euro zweimal umdrehen und freuen sich über die Gelegenheit, bei einer kostenlosen „Fahrt ins Blaue“ noch einmal ihren vier Wänden entfliehen zu können. Andere leben alleine, sind einsam und froh, unter Menschen zu kommen. Die Aussicht auf wertvolle Gewinne, neue Bekanntschaften und ein „vorbereitetes leckeres Mittagessen“ wischt oft die letzten Bedenken beiseite.

Dass die vermeintliche Gratis-Tour am Ende viel teurer geworden ist als eine Tagesfahrt mit einem seriösen Reiseveranstalter, merken viele erst, wenn es zu spät ist. Doch nur wenige der Geprellten suchen nach solchen Fahrten professionelle Hilfe, um ihr Geld zurückzufordern. Die Anzahl erstatteter Anzeigen bei der Kripo Aachen lag in den vergangenen Jahren im unteren einstelligen Bereich.

Das habe verschiedene Ursachen, vermutet Oberkommissarin Elke Laukamp. „Viele denken: Das bringt doch nichts.“ Oft sei auch die Scham groß, weil Kinder und Nachbarn immer vor derartigen Betrügern gewarnt haben.

Die sind in der Tat mit allen Wassern gewaschen. Was oft bereits damit beginnt, dass den Gästen beim Einstieg in den Bus die Einladung abgenommen wird. So wissen die wenigsten, wohin die Reise geht. Wer später Hilfe herbeitelefonieren möchte, hat erst einmal das Problem, seinen aktuellen Aufenthaltsort herauszubekommen.

Was vollmundig als „schöner Tag“ mit allerlei Kurzweil angekündigt wird, endet in der Regel in einem abgelegenen Gasthof, nicht selten in einem Funkloch ohne Handy-Empfang, damit niemand auf dumme Ideen kommt, beispielsweise die Polizei anzurufen.

Am Zielort lernen die Senioren dann unter anderem, dass die in der Einladung angekündigte „Nominierung“ für einen Gewinn nicht unbedingt bedeutet, dass man den auch bekommt. Lange Gesichter gibt es regelmäßig auch, wenn sich herausstellt, dass die Vorfreude auf das „kostenlose vorbereitete Mittagessen“ unbegründet war. Wer sein Essen gerne nicht nur „vorbereitet“, sondern heiß und verzehrfertig hätte, muss es teuer bezahlen.

Hinter verschlossenen Türen

Dann werden nicht selten sogar die Türen abgeschlossen, und der mehrstündige Verkaufsmarathon beginnt. Wer aufmuckt oder dem Psychoterror entfliehen will, wird vor versammelter Mannschaft zur Schnecke gemacht.

Mehrere wechselnde Verkäufer (im Branchen-Jargon: „Oma-Bescheißer“) reden die alten Leute kirre, unterstützt von „Lock­pärchen“ im Publikum, die sich wie normale Mitreisende aufführen und die angebotenen Waren schönreden, in Wirklichkeit aber zum Verkaufspersonal gehören.

Jahresumsatz 500 Millionen Euro

Klar, dass auch der durchaus attraktive Hauptgewinn der Verlosung bei den „glücklichen“ Mitarbeitern des Unternehmens landet. Der Rest der Mitreisenden glaubt, seinen Augen nicht zu trauen, wenn sich wenig später der versprochene „Wäschetrockner“ als simple Leine entpuppt.

Viele verdienen an dem Nepp. Die beteiligten Busunternehmen, Hoteliers und nicht zuletzt die Verkäufer füllen sich schamlos die Taschen. Der Jahresumsatz der Branche wird allein in Deutschland auf bis zu 500 Millionen Euro geschätzt. Da die Ramschartikel nach Erkenntnissen der Polizei mit irrwitzigen Margen kalkuliert sind, liegt der Gewinn nur unwesentlich unter dem Umsatz.

Dass bei solchen Veranstaltungen auch „hochwirksame“ Heilmittel und pseudo-esoterischer Tinnef wie „Magnetfeldmatratzen“ oder „Elektrosmogdecken“ zu horrenden Preisen angeboten werden, ist die Regel. Ein Mitarbeiter der Aachener Kripo: „Wir haben einen Fall recherchiert, wo ein Nahrungsergänzungsmittel für 670 Euro verkauft wurde, das im Einkauf 13 Euro kostete.“ Die Wirksamkeit des Präparates ließ sich am ehesten mit „nützt nichts, schadet aber auch nichts“ beschreiben.

Wenn man die Ganoven nicht gerade auf frischer Tat ertappt und ihnen den versuchten Betrug, womöglich in Verbindung mit Wucher, Nötigung und Freiheitsberaubung, an Ort und Stelle beweisen kann, ist die Verfolgung nahezu aussichtslos. Die Firmen existieren oft nur ein paar Wochen, zur Kontaktaufnahme sind auf den Einladungen lediglich Postfach-Nummern angegeben, und auch die werden in regelmäßigen, kurzen Intervallen und meist über Strohmänner gewechselt. Das Recht der Kunden auf Widerruf des Kaufs oder Reklamation im Schadensfall wird dadurch in der Praxis Makulatur, weil kein Ansprechpartner vorhanden ist.

Besonders perfide Masche

Doch es geht noch dreister: In Rentner-Briefkästen findet sich in letzter Zeit vermehrt die Benachrichtigung eines angeblichen Finanzdienstleisters, dessen Name nichts zur Sache tut, weil er ohnehin falsch und vermutlich inzwischen schon wieder geändert ist.

Der gibt vor, all die geprellten, geneppten und abgezockten Kaffeefahrt-Teilnehmer dieser Welt in einem Prozess vertreten und einen ansehnlichen Entschädigungsbetrag herausgeholt zu haben. Allerdings müsse man den persönlich innerhalb einer gesetzten Frist in seiner Geschäftsstelle abholen.

Die Teilnehmer werden mit dem Bus abgeholt, es gibt angeblich ein kostenloses Frühstück und ein „buntes Rahmenprogramm“. Und jeder, der mitfährt, bekomme eine nagelneue Kaffeemaschine.

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