Kreis Düren - Menschen mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam

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Menschen mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam

Von: Sandra Kinkel
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Jana Wagner besucht die Europaschule in Langerwehe, sie geht in die sechste Klasse. Das Mädchen hat während ihrer Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen, sie sitzt, seit sie denken kann, im Rollstuhl.

Kreis Düren. Jana Wagner aus Langerwehe war gerade für eine Woche mit ihrer Klasse unterwegs. „Wir waren in Düsseldorf in der Jugendherberge”, strahlt die Zwölfjährige. „Und es war super.” Jana Wagner besucht die Europaschule in Langerwehe, sie geht in die sechste Klasse. Das Mädchen hat während ihrer Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen, sie sitzt, seit sie denken kann, im Rollstuhl.

Jana ist ganz sicher ein gelungenes Beispiel von Inklusion. Sie hat den Kindergarten St. Martin in der Töpfergemeinde besucht, danach die Wehebach-Grundschule. „Eine Förderschule”, sagt Janas Mutter Stefanie, „ist für uns eigentlich nie in Frage gekommen. Wir wollten Jana eine Ausbildung ermöglichen, die so normal wie möglich ist. Weil sie sich ja auch nach der Schule in einer Welt von gesunden, nicht-behinderten Menschen behaupten muss.”

Eine weiterführende Schule zu finden, die Jana mit ihrer Behinderung aufnimmt, war allerdings nicht so einfach. Stefanie Wagner: „Wir haben vom Schulamt in Düren eine Liste bekommen, mit allen Schulen, die gemeinsamen Unterricht für behinderte und nicht-behinderte Kinder anbieten. Aber leider war keine dieser Schulen rollstuhlgerecht.”

An der Europaschule in Langerwehe hat man das Unmögliche möglich gemacht: Dank einer großen Spende war es möglich, einen Lift in der Schule zu installieren. Das Gebäude ist jetzt barrierefrei. „Und mittlerweile”, freut sich Jana, „sind außer mir noch zwei weitere Kinder an unserer Schule, die im Rolli sitzen.” Klassenlehrerin der beiden Mädchen ist Regina Westermann. „Es klappt gut”, sagt die Pädagogin. „Sehr gut.” In der Klasse der beiden behinderten Schülerinnen gibt es einen „Rolli-Dienst”, genauso wie es einen Dienst fürs Blumengießen oder das Notieren der Hausaufgaben an der Tafel gibt. Regina Westermann: „Der Rolli-Dienst hilft den beiden Mädchen, wenn sie Sachen aus ihrem Fach haben müssen. Oder wenn es mal schnell gehen muss, und die Rollstühle geschoben werden müssen.” „Die meisten aus meiner Klasse”, sagt Jana, „helfen auch gerne.”

Für Regina Westermann und Schulleiter Heinz Moll sind die Rolli-Fahrer an der Europaschule in Langerwehe längst ein „klarer Teil des Schulbildes”. „Und wir machen nur gute Erfahrungen”, sagt Regina Westermann. „In meiner Klasse herrscht ein sehr gutes soziales Miteinander. Die Schüler nehmen Rücksicht aufeinander. Da kommen auch immer wieder positive Rückmeldungen von Kollegen. Und auch in der Jugendherberge hat man uns gesagt, dass man selten so eine soziale Klasse zu Gast hatte wie uns.”

Übrigens nehmen Jana Wagner und das andere Mädchen, das im Rollstuhl sitzt, am ganz normalen Sportunterricht der Schule teil. „Die Fachlehrer haben Fortbildungen gemacht, um den Sportunterricht entsprechend zu gestalten”, sagt Regina Westermann. „Und es klappt.” Natürlich, so die Pädagogin, müsse mit zwei behinderten Kindern in der Klasse manches anders organisiert werden. „Aber das, was zurückkommt, macht diesen Aufwand allemal wieder wett.”

Auch am Gymnasium am Wirteltor wird derzeit ein behinderter Junge unterrichtet, das Kind ist blind. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht”, sagt Schulleiter Wilhelm Gödde. Es habe sich ein Team von - freiwilligen - Lehrern gefunden, die in der Klasse des blinden Jungen unterrichten wollten, die Klasse ist etwas kleiner als normalerweise. Gödde: „Es kommen darüber hinaus Lehrer von der Louis-Braille-Schule zu uns ins Haus und unterstützen uns. Der betroffene Schüler hat bei uns einen sehr guten schulischen Erfolg, und sicherlich würden wir in einem anderen Einzelfall wieder versuchen, zur Integration beizutragen.” Aber, und auch das sagt Wilhelm Gödde ganz deutlich, Inklusion, wie sie derzeit diskutiert würde, bedeute ja viel mehr. „Da ist ja das gesamte Spektrum von verhaltensauffälligen bis zu körperbehinderten Kindern gemeint. Und ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass das in so geballter Form wirklich funktioniert.”

Ähnlich sieht das auch Hermann-Josef-Geuenich, Leiter der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Düren und Vorsitzender des städtischen Schulausschusses. „Natürlich ist Inklusion grundsätzlich eine gute Idee. Aber man muss auch sagen dürfen, dass das vielleicht nicht bei allen Schülern funktioniert.”

Für Wolfgang Franz, den Leiter der Louis-Braille-Schule in Düren, müssen bei allen Überlegungen zum Thema Inklusion immer die Kinder im Vordergrund stehen. „Was wir haben”, so Franz, „ist der grundsätzliche Auftrag der Vereinten Nationen, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten.” Lehrer seiner Schule, so Franz, würden seit vielen Jahren blinde Kinder an allgemeinen Schulen begleiten. „Und das funktioniert auch in den meisten Fällen sehr gut. Aber bis eine Teilhabe von behinderten Menschen an Bildung, Schule und sozialem Leben selbstverständlich ist, muss in unserer Gesellschaft noch sehr viel passieren.” Wolfgang Franz ist skeptisch, dass die geplante Inklusion irgendwann dazu führt, dass es keine Förderschulen mehr gibt. „Ich weiß es nicht”, sagt er. „Aber ich sage nochmal: Wir müssen im Sinne der Kinder handeln.”

Und Förderschulen müssen nicht schlecht sein, sie können vielmehr auch ein geschützter Raum sein. Sabine Wollseifen hat das Down-Syndrom, früher nannte man ihre geistige Behinderung Mongolismus. „Man sieht Sabine ihre Behinderung an”, sagt Sabines Vater Bert-Friedrich Wollseifen. „Jeder, der Sabine sieht, weiß, dass sie geistig behindert ist. Und das macht sie auch angreifbar. Für mich und meine Frau käme für Sabine nie etwas anderes als eine Förderschule in Betracht. Weil sie hier auch geschützt wird. Und sie nicht von den gesunden Kindern als ?die Blöde abgestempelt wird.” Kinder, sagt Bert-Friedrich Wollseifen, „können doch grausam sein.” Und irgendwann, setzt der Vater noch hinzu, sei es mit der Inklusion ja doch zu Ende. „Eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt wird Sabine nie finden”, so der Vater. „Und wenn sie dann mit 18 in eine Behindertenwerkstatt muss, wird das für sie bestimmt sehr schwierig.”

Andra Rokuß vom „Regionalen Bildungsnetzwerk” des Kreises Düren, sieht das nicht ganz so schwarz. „Natürlich werden Kinder gehänselt. Und natürlich hänseln Kinder. Aber es soll ja eben auch Ziel der Inklusion sein, dass so etwas irgendwann nicht mehr passiert.”

Recht positive Erfahrungen von gemeinsamem Unterricht hat Barbara Kuhn-Röhl gemacht, Leiterin der Cornetzhofschule. „Ein Teil unserer Schüler wird in Förderklassen auf Hauptschulen unterrichtet. Und das läuft auch eigentlich ganz gut, vor allem, wenn mehrere Sonderpädagogen an der Hauptschule sind und sich auch gegenseitig stützen können.” Inklusion, ist die Schulleiterin überzeugt, könne aber nur dann gelingen, wenn die Rahmenbedingungen geändert würden. „Mit 32 Kindern in einer Klasse funktioniert das sicher nicht. Mit 15 aber schon eher. Und wer glaubt, dass Inklusion dazu führt, dass Geld gespart werden kann, der irrt. Und zwar ganz gewaltig.” Auch Barbara Kuhn-Röhl, die vor ihrer Zeit an der Cornetzhofschule viele Jahre Leiterin der Christophorus-Schule für geistig behinderte Kinder war, glaubt, dass nicht jedes behinderte Kind integrierbar ist. „Es gibt wirklich schwerstbehinderte Kinder mit einem hohen Pflegeaufwand. Und da ist Inklusion nicht unbedingt sinnvoll.” Was auf keinen Fall Ergebnis der Inklusion sein dürfe, so Kuhn-Röhl weiter, sei, dass diese Kinder überhaupt nicht mehr beschult würden, sondern lediglich in einem Pflegeheim verwahrt würden, weil es eben in einer inklusiven Schule nicht funktionieren würde. „Jedes Kind”, sagt die Schulleiterin, „hat ein Recht auf Schule. Dafür haben wir in den 70er Jahren gekämpft. Und das darf auch nicht verloren gehen.”

Und Jana? Die ist gerne an der Europaschule in Langerwehe. „Wir haben Glück gehabt”, sagt Janas Mutter Stefanie Wagner. „Glück, dass wir hier auf sehr engagierte Lehrerinnen und Lehrer getroffen sind, die sich enorm dafür einsetzen, dass alles so gut klappt, wie es jetzt klappt.”

Und eines darf auch nicht vergessen werden: An der Förderschule in Aachen hätte Jana nur den Hauptschulabschluss machen können. Ganz zu schweigen davon, dass sie jeden Tag die weite Fahrt mit dem Bus von Langerwehe nach Aachen hätte hinter sich bringen müssen. „Jana ist eine gute Schülerin”, sagt Stefanie Wagner. „Und an der Europaschule kann sie jeden Abschluss machen, der in ihren Möglichkeiten liegt.”

Thema Inklusion „ganz am Anfang”

In der Stadt Düren sind längst nicht alle Schulen behindertengerecht oder gar barrierefrei.

„Das”, so Dirk Keimes, Leiter des Schulverwaltungsamtes der Stadt Düren, „sei überhaupt das größte Problem, das im Rahmen der Inklusion auf die Kommunen zukomme.” An fast allen Schulen müssten teure bauliche Veränderungen vorgenommen werden.

Derzeit, so Keimes weiter, stünde man aber mit den Überlegungen zur Inklusion und eventuellen Baumaßnahmen noch ganz am Anfang. „Das Land Nordrhein-Westfalen”, so Keimes, „muss uns vernünftige Dinge und Regelungen an die Hand geben. Erst dann können wir hier in Düren aktiv werden.”

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