Düsseldorf/Aachen - Mehr Pogrom-Opfer als bekannt in NRW

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Mehr Pogrom-Opfer als bekannt in NRW

Von: Christian Schwerdtfeger
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Fünf Ordner mit Ergebnissen aus den Regierungsbezirken: Das NRW-weite Forschungsprojekt zum Novemberpogrom stellten gestern (v.l.) Dr. Hans Wupper-Tewes, Hildegard Jakobs, Maria Springenberg-Eich und Dr. Bastian Fleermann vor. Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf/Uwe Schaffmeister

Düsseldorf/Aachen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Organisierte Schlägertrupps setzen zudem jüdische Geschäfte in Brand. Es kam zu Ausschreitungen gegen jüdische Bürger. Wie viele Menschen während und infolgedessen auf dem heutigen Gebiet Nordrhein-Westfalens ums Leben gekommen sind, ist bis heute nicht genau bekannt.

Bundesweit soll es laut Schätzungen rund 400 Todesopfer gegeben haben.

Unzureichend und nicht akzeptabel nennt der Historiker Bastian Fleermann von der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte diese Zahlen. Er will keine Schätzungen, sondern Fakten. Deshalb unternimmt die Gedenkstätte den bundesweit beispiellosen Versuch, die Gesamtzahl und die Namen aller damals in NRW ums Leben gekommenen Personen zu erfassen. Seit Februar läuft das Projekt.

Es soll rekonstruiert werden, wer durch Mord, schwere Verletzungen, Schock oder Suizid ums Leben kam. Und die Halbzeitbilanz, die gestern vorgestellt wurde, offenbart schon jetzt: Die Opferzahl ist höher als geschätzt. So haben die Forscher bislang schon 130 Todesopfer erfasst – und das nur in NRW. Ziel des Projekts ist es auch, die Ermordeten des Herbstes 1938 namentlich zu identifizieren, um sie zu würdigen und ihrer zu gedenken.

Bislang haben gerade einmal die Hälfte aller 430 von der Mahn- und Gedenkstätte befragten Stadtarchive geantwortet. „Wir hoffen, dass wir die ausstehenden Antworten noch erhalten werden“, sagt Fleermann, der etwas enttäuscht darüber ist, dass bislang nur jedes zweite Archiv die Fragen beantwortet hat. „Ich bin der Auffassung, dass man sich nach 80 Jahren schon einmal Gedanken darüber gemacht haben sollte“, so Fleermann.

Bei der Recherche sei aber schon jetzt deutlich geworden, dass das Verständnis und auch die Darstellung der Pogromnacht in Wissenschaft und Unterricht einer starken Bagatellisierung der Ereignisse glichen, sagt Fleermann. Sehr viele Menschen seien damals ermordet und in ihrer Verzweiflung in den Selbstmord getrieben worden. In Großstädten wie in Dörfern. 40 Prozent seien damals durch direkte Gewalteinwirkung in der „Mordnacht“, wie Fleermann die Pogromnacht nennt, ums Leben gekommen; 30 Prozent durch Suizid infolge der Ereignisse, und weitere 30 Prozent starben in Konzentrations- und Arbeitslagern, in die sie während und kurz nach den Pogromen gebracht wurden, sagt Projektmitarbeiter Gerd Genger.

„Diese Toten wurden bislang überhaupt nicht erfasst.“ Die Zahl der Toten ist von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. Eine vollständige Auswertung aller 396 Kommunen in NRW liegt noch nicht vor – nur für einzelne Städte. In Düsseldorf gab es demnach 17 Todesopfer, in Bielefeld, Essen, Solingen und Minden jeweils vier, in Duisburg und Unna jeweils drei, in Köln und Opladen jeweils zwei, in Leverkusen eines. Gemessen an der Einwohnerzahl gab es mit sieben die meisten Toten in Hilden – woran das liegt, wissen die Forscher nicht.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, kritisiert, dass es bis heute keine validen Zahlen über die Todesopfer dieser Nacht für ganz Deutschland gebe. „Das Thema wurde weggedrückt. Das ist schon deprimierend“, sagt Szentei-Heise. Nun hofft man, dass die anderen Bundesländer dem Vorbild NRWs folgen. „Ziel könnte es sein, dass die Bundesrepublik und Österreich mittelfristig in Zukunft alle Toten der Novemberpogrome identifizieren können“, sagt Maria Spingenberg-Eich, Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung.

Der Abschlussbericht der Forschungsarbeit soll zum 80. Jahrestag der Pogrome im November vorgelegt werden.

 

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