Aachen - Machtlos gegen die dreisten Tankdiebe

Machtlos gegen die dreisten Tankdiebe

Von: Christina Diels
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Tanken
Die einen tanken und begleichen ihre Rechnung wie es sich gehört an der Kasse. Die anderen tanken und fahren ohne zu bezahlen davon. Symbolfoto: dpa
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Nicht nur aus Gedankenlosigkeit fahren Autofahrer ohne zu bezahlen mit gefülltem Tank davon. Jeder dritte Fall in NRW fliegt auf. Symbolbild: dpa

Aachen. Die einen tanken und begleichen ihre Rechnung wie es sich gehört an der Kasse. Die anderen tanken und fahren ohne zu bezahlen davon. Jennifer Lützen sieht auf der Roermonder Straße in Aachen nicht nur Tankbetrüger, die wegfahren.

Die stellvertretende Leiterin einer freien Tankstelle steht ihnen oft sogar gegenüber. „Viele kommen an die Kasse und sagen, sie hätten ihr Portemonnaie vergessen“, sagt sie. „Sie füllen den Schuldschein aus, aber natürlich mit falschem Namen.“ An ihrem Arbeitsplatz mit nur vier Zapfsäulen sei die Fläche noch gut überschaubar. „Aber bei acht Säulen bekommt man nicht alles mit. Und bei falschem Kennzeichen ist die Überwachungskamera hinfällig.“

An einer Marken-Tankstelle in Aachen-Laurensberg hat Mitarbeiterin Jessica Koll von ihrem Platz an der Kasse alle zehn Zapfsäulen im Blick. „Aber was nützt es, wenn ich einen Tankbetrüger sehe, ich kann ihm ja schlecht hinterherrennen“, sagt sie. In dieser Filiale werde wenig betrogen. Anders sehe es in der Filiale in Herzogenrath aus. An der Grenze zu den Niederlanden gebe es viele Tankbetrüger. Auch die Autobahn-Tankstelle Aachener Land-Nord ist von Tankbetrug betroffen, wie eine Sprecherin von Tank & Rast bestätigt. Statistiken führe man nicht. Mehr könne sie nicht sagen, außer „dass unsere Pächter da eng mit der Polizei zusammenarbeiten“.

Wie viel Liter Sprit die Tankbetrüger in Nordrhein-Westfalen im Vorjahr abgezapft haben, erfasst das Landeskriminalamt nicht. Was aber in der polizeilichen Kriminalstatistik 2012 steht, sind 23.478 Fälle von Tankbetrug. Ein Anstieg um 6,8 Prozent im Vergleich zu 2011 (21.978 Fälle). Die Aufklärungsquote liege zwischen 36 und 37 Prozent, sagt Sprecher Frank Scheulen.

Drastischer Anstieg im Raum Düren

NRW liegt in Sachen Tankbetrüger über dem bundesweiten Durchschnitt. Dort sind die Fallzahlen von 2011 (85.065 Fälle) nur um 5,5 Prozent auf 89.769 Fälle gestiegen. In 2010 (78.070 Fälle) lag die Zahl noch unter 80.000.

Auch in der Städteregion Aachen liegt der Anstieg über dem Bundesdurchschnitt. Die Zahl der Tankbetrugsfälle stieg von 2011 auf 2012 um 6,1 Prozent auf 1230 Fälle laut Polizeipräsidium Aachen. Immerhin: Der Anstieg von 14,2 Prozent von 2010 auf 2011 konnte gesenkt werden. Auf 81.000 Euro beziffert Sprecherin Sandra Schmitz den Gesamtschaden für das Jahr 2012.

Drastisch stieg die Zahl der Betrugsfälle im Kreis Düren. In 2011 erfasste die Kreispolizeibehörde dort 192 Fälle von Tankbetrug, in 2012 sogar 367 Fälle „Das ist ein ziemlicher Anstieg“, sagt Polizeisprecher Willi Jörres. Um mehr als 90 Prozent. Doch Jörres relativiert. Im ersten Halbjahr 2013 zählt er 169 Fälle, im ersten Halbjahr 2012 waren es 171 Fälle. „Die Zahl beginnt wieder zu sinken. Die Betrugsfälle schwanken immer. Je nach Spritpreis steigen die Fälle auch wieder“, sagt er.

Im Kreis Heinsberg wurden 394 Tankbetrugs-Fälle im Jahr 2011 gemeldet, 2012 waren es 24 Prozent mehr, 490 Fälle. „In diesem Jahr ist die Tendenz aber wieder fallend“, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken. Auch wenn man die Entwicklung im zweiten Halbjahr abwarten müsse.

In absoluten Zahlen liegt NRW aufgrund seiner Bevölkerungsdichte zwar ganz vorn, was die Tankbetrüger angeht. Zu den Hochburgen der Tankbetrüger zählt NRW in Deutschland jedoch nicht. Das jedenfalls geht aus der Übersicht des Autoportals auto.de hervor. Die stuft NRW mit durchschnittlich sieben Betrugsfällen pro Tankstelle 2012 im Mittelfeld ein – bei 3291 erfassten Tankstellen. Das Portal hat nach eigenen Angaben den Tankbetrug an 16.201 Tankstellen in 120 großen deutschen Städten ausgewertet.

Mit neun Betrugsfällen pro Tankstelle im Jahr zählt Aachen zu den Hochburgen des Tankbetrugs. Mit 20 Delikten liegt Solingen in NRW ganz vorne. Ehrlich sind die Kunden in Bergisch Gladbach, mit nur drei Betrugsfällen je Station.

Jürgen Ziegner vom Zentralverband des Tankstellengewerbes schätzt die Übersicht des Autoportals als verlässlich ein. Auch wenn Schnittzahlen dem Problem nicht gerecht würden. „Die Tankstellen, die an Autobahnen liegen oder in Großstädten mit guter Möglichkeit wegzufahren, sind besonders betroffen“, sagt er. Kleinere Tankstellen auf dem Land mit 80 Prozent Stammkundschaft blieben verschont. „Die Stammkunden klauen nicht und bei den anderen schaut man hin. Zudem ist die Station überschaubar.“

Die Videoüberwachung

Den Schaden für die Betreiber kann man ausrechnen. „Die Betreiber von Markenstationen kriegen eine Provision von einem Cent pro Liter“, sagt Ziegner. Ein Betreiber einer freien Tankstelle müsse sechs bis sieben Cent pro Liter verdienen für den Break-even, also der Punkt, an dem der Verlust aufhört und der Gewinn beginnt.

Wehren können sich die betroffenen Tankstellen kaum. „Das einzig Vernünftige ist die Videoanlage“, sagt Ziegner. „Gegen falsche Nummernschilder kann man nichts machen, aber manchmal kommt ein Täter der Polizei bekannt vor.“

Und wie wäre es mit baulichen Maßnahmen, um die Betrüger zu fangen? Jennifer Lützen von der Tankstelle in Aachen schüttelt den Kopf. „So schnell könnte kein Kassierer reagieren, dass die Poller aus dem Boden hochkommen“, sagt sie. Auch der ADAC kann nur die Videoüberwachung empfehlen. „Sonst gibt es keinen Schutz“, sagt Petra Gorisch, Mitarbeiterin für Verbraucherschutz und Recht.

Eine Straftat

„Tankbetrug ist eine Straftat“, sagt Gorisch. Will heißen, es droht eine Geld- oder Freiheitsstrafe. Letztere falle aber häufig weg, außer die Täter seien vorbestraft. Die Geldstrafen variieren, je nach den persönlichen Einkünften und der Schwere der Schuld. „Jemand der dreister vorgeht, wird härter bestraft als jemand, der aus Gedankenlosigkeit vergisst zu zahlen.“ Neben der Strafe hat die Tankstelle Anspruch auf Schadenersatz.

Einige sehen einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Betrugsfälle und der Höhe des Spritpreises. „Je teurer der Sprit, desto größer ist der Anreiz zum Diebstahl“, sagt Aachens Polizeisprecherin Schmitz. Für Jürgen Ziegner zählt das Argument nicht, um den Anstieg zu erklären. „Als der Spritpreis 1991 um 25 Pfennig gestiegen ist, war das ungewöhnlich“, sagt er. „Aber heute haben wir ähnliche Schwankungen innerhalb einer Woche.“ Die Kunden seien an ein konstant hohes Preisniveau gewöhnt. Das motiviere nicht dazu, beim Tanken zu betrügen.

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