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Living Library: Vier lebende Bücher erzählen ihre Geschichte

Von: Guido Jansen
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Vier Bücher, die ihren Lebensweg für interessierte Leser offen gelegt haben: (v.l.) Nuran Joerißen, Peter Schlitt, Wilhelm Lenzen und Jo Hurtz standen im Mittelpunkt der ersten lebendigen Bibliothek in Geilenkirchen. Foto: Guido Jansen

Geilenkirchen. Buch 3.0. Ein Buch, das zur Begrüßung die Hand schüttelt, lacht und gestikuliert. Das klingt in Zeiten von elektronischen 2.0-Büchern nach dem letzten Schrei aus den Forschungsabteilungen der Internet- und Computerbranche. Dabei spielt Technik keine Rolle. Ganz im Gegenteil.

Das Buch 3.0 ist ein Mensch, der seine außergewöhnliche Geschichte erzählt. Entspannt und entschleunigt, von Angesicht zu Angesicht.

Living Library heißt die Idee, die aus Dänemark stammt und die der Bürgertreff Geilenkirchen jetzt zum ersten Mal in unsere Region geholt hat. Lebendige Bibliothek. Menschen mit einem besonderen Lebensweg sind diese Bücher, bereit, ihre Geschichte mit allen zu teilen, die darin lesen wollen. Vier Bücher stehen bei der Premiere in Geilenkirchen zur Auswahl.

Sie heißen Nuran Joerißen (47), Jo Hurtz (56), Peter Schlitt (57) und Wilhelm Lenzen (90) und leben in der Region. „Wollen Sie auch ein Buch lesen?“ Mit dieser Frage begrüßt Nicole Abels-Schell vom Bürgertreff die Gäste der ersten lebendigen Bibliothek und verweist auf die Bibliotheksausweise. Die muss der Leser ausfüllen, dann erhält er eine halbe Stunde Zeit, um im Leben der Bücher zu blättern.

Die vier Bücher sind den ganzen Abend über ausgeliehen. Sie sitzen mit ihren Lesern hinter einem dünnen Vorhang an einem kleinen Tisch und unterhalten sich im Schein einer kleinen Kerze. „Wie heißt du? Woher kommst du“, fragt Nuran Joerißen, während sie die Hand ihres Lesers schüttelt. Worum es in den 30 Minuten geht, ist von Joerißens Lebensweg vorgegeben.

Mit 14 Jahren ist sie in der Türkei zwangsverheiratet worden. Alfons Nickels, ihr erster Leser, ist nach der halben Stunde beeindruckt, spricht von einem Schatz, den er für sich behalten will. „Das, was sie mir erzählt hat, nehme ich als mein Geschenk mit. Ich gehe sehr nachdenklich nach Hause. Und dankbar.“

„Ein sehr mutiger Akt“

Das, was beim Lesen hinter den dünnen Vorhängen passiert, ist ein persönlicher, fast schon intimer Akt. Beide brauchen ein bisschen Mut. Der Leser, weil er persönliche Fragen stellen kann, das Buch, weil es antwortet. „Das ist in unserer auf Perfektionismus getrimmten Welt ein sehr mutiger Akt, wenn jemand so über seine Sucht reden kann“, sagt Annemie Reetz nach dem Gespräch mit Jo Hurtz, dem trockenen Alkoholiker.

Peter Schlitt, pensionierter Oberstleutnant, erzählt von seinen Bundeswehreinsätzen in Afghanistan und im Kosovo. „Über militärische Dinge sage ich nichts“, lautet seine Maxime. In seinem Buch stehen die menschlichen Aspekte einer Einsätze in Krisengebieten im Mittelpunkt. Die Leser haben seine Geschichte aufgesogen. „Ich fühle mich ein bisschen wie nach einer großen Blutspende“, sagt Schlitt.

Der pensionierte Pfarrer Wilhelm Lenzen sitzt in seinem Rollstuhl in einem kleinen Raum. Seine Leser interessieren sich zum Beispiel für das Kapitel, in dem er erzählt, wie er zum Priester geworden ist. Im Kriegsgefangenenlager im französischen Chartres hat er am Stacheldrahtseminar teilgenommen, einem Seminar für gefangene deutsche Theologiestudenten. Ein Eckstein der deutsch-französischen Freundschaft. „Er hat so viele Dinge erlebt, die nicht verloren gehen dürfen“, sagt Annemie Reetz.

Gewonnen haben nicht nur die Leser. Auch für die Bücher war der Abend mehr als Geben, sagt Jo Hurtz, der trockene Alkoholiker: „Der Rausch heute besteht für mich darin, dass ich anderen etwas gebe, weil ich meine Geschichte erzählen kann.“

„Leben ist Teilen. Wo geteilt wird ist Leben“, hat einer der Leser am Ende des Abends in das Gästebuch des Bürgertreffs geschrieben. Das Gästebuch ist ein Buch 1.0, mit Seiten aus Papier, voll mit handgeschriebenen Worten. Es zeugt vom Verlangen der Leser nach Wiederholung. „Wir haben noch genügend interessante Bücher“, sagt Jürgen Benden vom Geilenkirchener Bürgertreff.

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