Titz - Letzte magische Momente festhalten

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Letzte magische Momente festhalten

Von: Otto Jonel
Letzte Aktualisierung:
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Die Fotografen von "Tapfere Knirpse" dokumentieren sensible Momente mit viel Einfühlungsvermögen. Foto: Karina M. Bschorr
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Initiator und Schaltzentrale: Günter Jagodzinska steuert von Rödingen aus die Einsätze der Fotografen für Tapfere Knirpse. Foto: Jonel

Titz. Das Foto zeigt eine fast archetypische Szene: Ein Kleinkind in seinem Bettchen, das zarte Gesicht der Kamera zugewandt, der Ausdruck fast zu ernst für dieses junge Wesen – und dann verliert sich der Betrachter in der Tiefe eines Blicks, der eine Flut von Empfindungen auslöst. Es ist der berühmte magische Moment. Es ist der Moment, der Erinnerung Leben verleiht.

Genau darauf ist das Bild dieses Kindes angelegt – eines Kindes, dessen Leben allzu bald Erinnerung sein kann. Der Fotograf hinterlässt den Eltern weit mehr als einen Papierabzug oder eine Ansammlung von Pixeln, sondern etwas Einzigartiges. Genau das hat sich der Verein „Tapfere Knirpse“ zur Aufgabe gestellt.

Die Vereinigung „Tapfere Knirpse“ besteht aus 150 Fotografinnen und Fotografen bundesweit, die Familien mit einem schwer erkrankten oder behinderten Kind „wunderschöne Fotos“ schenken möchten. „Wenn düstere Schatten die Familie bedrohen, möchten wir harmonische Momente fotografisch festhalten und ihnen Bilder voller Liebe und Zusammensein, voller Tapferkeit, Hoffnung und Kraft schenken“, lautet ihre Intention. Und die Fotomotive haben dem Zusammenschluss der Fotografen ihren Namen gegeben: den Kindern, die mit Mut und Lebensfreude ihrem Schicksal begegnen. Tapfere Knirpse eben.

Kinder mit Herzerkrankungen

Die Steuerzentrale dieser Schar an Fotografen liegt in dem kleinen Ort Titz-Rödingen. Günter Jagodzinska, selbst Fotograf und für unsere Zeitung als freier Mitarbeiter unterwegs, ist der Koordinator. Vorsitzender ist er nicht. „Wir sind noch kein Verein“, erklärt er. „Aber wir denken darüber nach, einer zu werden.“ Die Begründung dafür lässt ihn lächeln: „Wir haben schon Geld bekommen – auch wenn wir nicht wissen, was wir damit machen sollen.“ Naja, ein kleines Prospekt hätten sie sich eben machen lassen, damit die Menschen erfahren, was der Nicht-Verein macht.

Und das ist im Grund ganz einfach: Die Eltern eines Kindes melden ihren Wunsch nach einem Fototermin an. Günter Jagodzinska prüft, ob die Anfrage ins Profil der „Tapferen Knirpse“ passt und sucht nach Fotografen in Wohnortnähe der Familie. Sagt der Fotograf zu, vereinbart er mit der Familie das weitere Vorgehen. Ob das „Shooting“ im Studio, daheim in der vertrauten Umgebung des Kindes oder an einem speziellen Ort erfolgt, ob es eine Stunde oder einen ganzen Tag dauert, machen die beiden unter sich aus.

Tatsächlich, erzählt Jagodzinska, habe er schon einige wenige Anfragen abgelehnt. Wenn etwa der Zustand des Kindes unverändert bleiben wird oder aber die Erkrankung wie Diabetes, bei aller Beeinträchtigung und Belastung der Betroffenen, nicht von einer solchen Schwere und Bedrohung ist wie etwa Herz- oder Krebserkrankungen. Tatsächlich bilden Kinder mit Herzerkrankungen die Mehrzahl der jungen tapferen Knirpse. Viele von ihnen werden nicht sehr alt werden. Vielfach, erzählt der Nicht-Vorsitzende, entwickeln sich über das reine „Shooting“ hinaus persönliche Kontakte zwischen Eltern und dem Fotografen.

Denn auch der Fotograf begibt sich ganz bewusst auf eine sehr emotionale Ebene. „Wir hatten einmal eine Anfrage von einer Mutter: ‚Können Sie ganz schnell kommen, weil mein Kind bald sterben wird.‘“ Eine solche Situation führt alle Beteiligten, Eltern wie auch den Fremden mit der Kamera, in einen Grenzbereich. Gerade bei diesen „Sternenkindern“ schöpft der Fotograf seine Kraft aus der Überzeugung: „Wir machen den Eltern ein nicht wiederholbares Geschenk.“

Der Geschenkcharakter darf durchaus wörtlich genommen werden. Die Familien erhalten von ihren Fotografen eine CD mit den Aufnahmen. Was Jagodzinska wichtig ist: „Wir nehmen keinem Berufsfotografen den Job weg. Unsere Klientel kann sich keinen leisten, und wenn, dann verweisen wir sie an diese Fotografen.“ Manchmal würden sich Eltern erst gar nicht an einen Profi wenden – etwa aus Scham, „wegen zu großer Narben oder Verwachsungen“.

Dass sich im Umkehrschluss Berufsfotografen der Vereinigung der „Tapferen Knipse“ anschließen, ist dagegen nahe liegend. „Wir stellen schon hohe Anforderungen“, sagt Jagodzinska. Professionelle Ausrüstung und der Nachweis, eigenverantwortlich einen Fototermin umsetzen zu können, sind die wesentlichsten Voraussetzungen. Der Erfolg gibt dem hohen Maßstab Recht: „Es ist noch kein einziges Shooting verbockt worden.“

In noch nicht vier Monaten sind aus dem kleinen Rödinger Büro heraus schon knapp 60 Fototermine vermittelt worden. „Täglich kommen neue Anfragen hinzu“, schildert Günter Jagodzinska, der den mittlerweile beträchtlich angewachsenen „Büroanteil“ der Vereinigung nur dank eines ausgetüftelten und klar strukturierten Systems bewältigen kann. „Ich werde wohl bald einen Mitarbeiter brauchen“, stöhnt er. 40 bis 50 Mails pro Woche, Anfragen von Familien und Fotografen, Shootings und dergleichen laufen auf seinem Rechner ein. Gut, dass er sich nicht um die Homepage kümmern müsse, das machen zwei andere Aktive vom Bodensee aus.

Zum strukturierten Ablauf, der dem Koordinator die Aufgabe erleichtert, zählt auch eine elektronische Deutschlandkarte, übersät mit farbigen Fähnchen. „Die roten sind die Anfragen, die blauen unsere Fotografen.“ Die Zuordnung erfolgt auf einen Blick. Die Fotografenfähnchen decken Deutschland schon gut ab. Wenn man bedenkt, dass wir im Mai das Projekt gestartet haben...“, sagt Jagodzinska. „Bemerkenswert, dass wir weit mehr Fotografen bekommen, als ich je zu hoffen gewagt habe.“ Die Aufgabe, mit dem Gespür für das Motiv und die Botschaft des Augenblicks etwas so Persönliches zu schaffen, fällt auf fruchtbaren Boden.

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