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Kurioser Studentenjob: Straßenbahnfahren statt Kellnern

Von: Sebastian Priggemeier, dpa
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Student fährt Straßenbahn
Der Student Jan Ehmann jobbt als Straßenbahnfahrer für die Kölner Verkehrs-Betriebe. Foto: dpa

Köln. Die Hosenträger spannen, die schwarze Mütze sitzt, das Oberhemd ist frisch gebügelt. Jan Ehmann (24) aus Köln sieht aus wie ein Straßenbahnfahrer der alten Schule, dabei ist er Student.

Seit Anfang September hat Ehmann die Lizenz für das tonnenschwere Schienentaxi. „Das ist der beste Studentenjob, den ich mir vorstellen kann. Ich habe meine Ruhe, fahre durch die Gegend und schaue mir Leute an.” Und gut bezahlt sei das Ganze obendrein.

Ehmann brachte schon einige Voraussetzungen mit: Vor seinem Studium hat er eine Pilotenausbildung bei einer großen deutschen Fluglinie absolviert. Er darf Flugzeuge bis zur Größe eines Jumbos steuern - momentan lenkt er einmal pro Woche die Linie 1 oder 9 über die Straßen von Köln.

Heute steht laut Fahrtenbuch Stadiondienst an: Der 1. FC Köln hat ein Heimspiel, und 50.000 Fußballfans wollen pünktlich zum Anpfiff ins Rheinenergie-Stadion. Ehmann fährt einen der 36 Sonderzüge und pendelt von 18 Uhr bis 1 Uhr morgens auf der Kurzstrecke zwischen Weiden West und Stadion. Jeder Waggon ist voll. So voll, dass die Scheiben von innen beschlagen. Viele Fahrgäste sind betrunken, es wird gegrölt.

Dass er im Führerhaus von Wagen 4066 sitzt und nicht im Cockpit einer Passagiermaschine Richtung Palma de Mallorca, ist kein Schicksal, das er selbst gewählt hat: „Die Fluggesellschaften streichen Stellen - Piloten haben es momentan schwer auf dem Arbeitsmarkt.”

Um die Zeit bis zum erhofften Berufseinstieg sinnvoll zu überbrücken, studiert Ehmann Geophysik und Meteorologie. Seine Freunde hätten zuerst Witze gemacht, als sie von seinem neuen Job erfuhren, nach dem Motto: Zum Piloten reicht es nicht, dann eben zum Straßenbahnfahrer. „Inzwischen sind sie eher neidisch, auch wegen des Stundenlohns von knapp 11 Euro.”

21 Studenten sind als Aushilfen für die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) im Einsatz. Hosenträger und Krawatte gehören eigentlich nicht zum Dresscode der KVB. „Aber einige aus unserem Fahrschuljahrgang haben sich darauf geeinigt, das zu tragen”, sagt Ehmann. Quasi als Erkennungszeichen.

Zuletzt haben elf Studenten den siebenwöchigen Intensivkurs zum Straßenbahnfahrer gemacht und bestanden. Die Ausbildung besteht zum einen aus Theoriestunden über Fahrzeugtechnik und Streckenkunde und zum anderen aus praktischem Unterricht auf den Schienen der rheinischen Metropole.

„Wir arbeiten seit 2007 mit studentischen Fahrern und haben bisher nur gute Erfahrungen gemacht”, sagt KVB-Sprecher Joachim Berger. Es herrscht Fahrermangel, und da muss man sich etwas einfallen lassen. Die Studenten werden hauptsächlich nachts und am Wochenende eingesetzt, um die 630 hauptberuflichen Fahrer bei Großveranstaltungen zu unterstützen.

Ein Leben lang Bahnfahren, das könnte Jan Ehmann nicht. „Man macht nichts für den Kopf.” Gasgeben und Bremsen, ein Lenkrad gibt es nicht - die Bahn ist viel simpler zu bedienen als ein Auto. Zumindest theoretisch.

In der Praxis sieht die Sache anders aus: Denn Kölns dickster Schlitten, wie der Verkehrsbetrieb seine Bahn nennt, ist schwer zu stoppen. „Du bremst volles Rohr, aber die Bahn hält einfach nicht an”, sagt Ehmann. Der Bremsweg beträgt ungefähr einen Meter pro km/h Geschwindigkeit. Und innerhalb der Stadt fährt die Bahn oft 50 km/h.

Deshalb geht es vor allem darum, sehr vorausschauend zu fahren und nicht hektisch zu werden. Alles, was den Fahrer ablenken könnte, ist im Führerhaus verboten. Kein Radio, kein Handy, kein mp3-Player während der Schicht - das kann auf Dauer eintönig werden.

Aber dafür muss der 24-Jährige nicht kellnern oder im Büro arbeiten, wie andere Studenten. Und vielleicht tauscht er ohnehin bald die KVB-Mütze gegen eine Pilotenmütze und Kölns dicksten Schlitten gegen einen Jumbojet.
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