BM Freisteller VIDEO

Kriminologe Christian Pfeiffer: „Soziale Netzwerke in Aachen sind stark“

Letzte Aktualisierung:
14208310.jpg
Stellt am 28. März Ergebnisse einer Studie zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Aachen vor: Der Kriminologe Christian Pfeiffer. Foto: Ole Spata/dpa

Aachen. Familien und ihre Erziehung spielen die wichtigste Rolle, wenn es um die Prävention gegen Gewalt geht. Der Kriminologe Christian Pfeiffer (Hannover) kann dabei auf zahlreiche Studien und Forschungsergebnisse zurückgreifen. Am 28. März ist er Gast unserer Zeitung in Aachen. Das Interview mit ihm führte Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung.

Die beste Prävention gegen Gewalt, sagen Sie, sei Liebe, Zugehörigkeit, positive Erziehung durch die Eltern.

Pfeiffer: Genau, aber das gilt außerhalb der Familie auch – Gruppenzugehörigkeit, kein Außenseiter, kein Zuschauer zu sein. Das Gegenteil war meine eigene Erfahrung als Flüchtlingskind. Darunter hatte ich sehr gelitten und war später hoch motiviert, Prozesse mit zu organisieren, die Menschen eine Chance geben, teilzuhaben.

Sie berichten, die Jugendgewalt habe sich in Deutschland seit 2007 halbiert und betonen, das habe sehr mit dem Wandel elterlicher Erziehungskultur zu tun.

Pfeiffer: Eindeutig!

Das klingt fast schon etwas nach heiler Welt.

Pfeiffer: Die Fakten sind klar. Geliebte Kinder, die von ihren Eltern gewaltfrei erzogen werden, entwickeln mehr Selbstvertrauen, mehr soziale Kompetenz. Sie sind dadurch lernfähiger. Wir können den Zusammenhang mit Schulnoten, mit Sitzenbleiben, mit sozialem Erfolg klar belegen. Das Misstrauen ist dagegen bei viel geprügelten und wenig geliebten Kindern stärker ausgeprägt. 37 Prozent aus dieser Gruppe misstrauen erst einmal ihrem Gegenüber, während das bei der anderen Gruppe nur zu acht Prozent gilt.

Der Einfluss des Elternhauses ist also eminent entscheidend?

Pfeiffer: Das Elternhaus prägt das soziale Miteinander. Empathie entwickelt sich, je liebevoller die Eltern sind. Und je liebloser sie sind, umso extremer kann das dann in die falsche Richtung gehen. Die positive familiäre Struktur bereitet ideal darauf vor, mit beiden Beinen im Leben zu landen.

Hat jemand, der das Pech hat, in einer „falschen“ Familie aufzuwachsen, keine alternative Chance?

Pfeiffer: Zum Glück doch. Diejenigen, die von einem Elternteil Prügel bekommen und vom anderen rückhaltlos geliebt werden, entwickeln sich positiver. Sigmar Ga­briel ist ein bekanntes Beispiel.

Er litt unter seinem rechtsradikalen Vater.

Pfeiffer: Ja. Und er hatte eine ex­trem liebevolle Mutter, die durch dick und dünn zu ihm gehalten hat. Wir können nachweisen, dass noch so viel Prügel durch ein Elternteil weitgehend wieder ausgeglichen wird, wenn es einen Menschen gibt, der an dich glaubt. Widerstandskraft gegen Schicksalsschläge des Lebens haben gerade solche Menschen, die von einem in der Familie unverbrüchlich geliebt wurden. Das kann auch der Großvater oder die Großmutter sein. Wenn ein Kind diesen Rettungsanker hat, funktioniert das Leben später weit besser. Auch kaputte Familien können wunderbar starke Menschen hervorbringen.

Gibt es den von Ihnen beschriebenen Wandel der Erziehungskultur auch in den USA?

Pfeiffer: Leider nicht. 85 Prozent der unter 40-jährigen Väter und 65 Prozent der Mütter schlagen immer noch ihre Kinder. In 19 Bundesstaaten dürfen das auch die Lehrer. Das entspricht also dem, was bei uns im „Dritten Reich“ üblich war. Die extrem hohen Gewaltraten dieses Landes überraschen nicht.

Gibt es weitere Einflüsse, die bei uns eine Rolle spielen können?

Pfeiffer: Die stärker werdende Rolle der Frau. Harvard-Professor Steven Pinker hat mit einem großen Team über viele Jahre über die Menschheitsgeschichte der Gewalt geforscht. Danach ist die Gewalt in den zivilisierten Ländern stark zurückgegangen. Das begründet Pinker auch mit dem Erstarken der Frauen-Rolle. Frauen haben mit Gewalt nichts am Hut, nur sechs Prozent der Gefängnisinsassen sind weiblich. Frauen reagieren auf Konflikte eher mit kommunikativen Angeboten. Sie haben eine höhere Kompetenz, zu deeskalieren und beruhigend auf Menschen einzuwirken. Deshalb ist auch die Feminisierung der Polizei ein großer Vorteil, weil die Polizistinnen weniger den Schlagstock einsetzen als das Mundwerk und damit mehr Erfolg haben.

Es gibt leider viele Familien, in denen eine positive Bezugsperson nicht existiert. Wer kann sozusagen stellvertretend helfen?

Pfeiffer: Es gibt Rettungsanker, zum Beispiel einen Sportlehrer, der entdeckt, dass der Außenseiter Max eigentlich etwas drauf hat und von seinem Potenzial her ein guter Kerl ist. Er baut ihn auf, indem er seine Stärken betont – ein guter Torhüter oder der schnellste 100-Meter-Sprinter. Junge Menschen sind prägbar über kleine soziale Erfolge. Es gibt diese Rettungsanker in der Schule, in der Kirche, in einem sozialen Kontext, es kann auch ein Nachhilfelehrer sein. In Hannover haben wir beispielsweise eine Initiative gegründet, in der 2500 Leute Migrantenkindern oder solchen aus sozial schwachen Familien Nachhilfe geben. Solche Patenschaften werden ein Anker für Kinder.

Aber rechtsextreme Gewalttäter sehen ihren Rettungsanker in extremen Gruppierungen.

Pfeiffer: Das ist die große Gefahr der Menschenverführer in der rechten oder in der salafistischen Ecke. Mit der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe fühlt man sich superstark und wertgeschätzt und wird dann für die falschen Richtungen vereinnahmt. Deshalb ist es zu begrüßen, dass hierzu von der EU neue Forschungsprojekte bewilligt wurden und dass man zudem die vorhandenen Erkenntnisse für eine Verbesserung der Prävention nutzen will. Wir schreiben gerade eine Expertise für die Bundesregierung zu diesem Thema. Da geht es auch um die Kriminalität der Flüchtlinge.

Wie ist Ihre Einschätzung?

Pfeiffer: Da gibt es durchaus ein Potenzial für Probleme. Das darf nicht beschönigt werden. Ein Beispiel ist hierfür die Tatsache, dass 37 Prozent der 2015/2016 eingereisten Flüchtlinge männliche 14 bis 30-Jährige sind. In jedem Land der Welt sind nun einmal männliche Jugendliche und junge Männer die für Gewalttaten hauptverantwortliche Gruppe. 2014 betrug ihr Anteil an der Wohnbevölkerung Deutschlands 9,2 Prozent. Sie stellten aber bei den von der Polizei aufgeklärten Gewalttaten 60 Prozent aller Tatverdächtigen.

Deshalb würde es mich nicht überraschen, wenn sich der bei den Flüchtlingen besonders hohe Anteil der „jungen Kerle“ in der polizeilichen Kriminalstatistik 2016 entsprechend niederschlagen wird. Die ersten Ergebnisse einiger Bundesländer zur Kriminalität des Vorjahres zeigen allerdings, dass die relativ hohe Zahl der Körperverletzungsdelikte von Flüchtlingen vor allem innerhalb der Flüchtlingsszene stattgefunden hat.

Ist die Politik mit solchen Erkenntnissen bislang viel zu defensiv umgegangen?

Pfeiffer: Leider ja. Politik und Medien sollten die hierzu vorliegenden Erkenntnisse offen präsentieren. Dazu gehört dann aber auch die Information, in welch hohem Maß die Daten der Polizei von der Anzeigebereitschaft der Opfer abhängig sind. Erneut ein Beispiel: Wir haben kürzlich 20.000 Jugendliche gefragt, ob sie schon einmal Opfer von Gewalt geworden sind und wenn ja, ob sie das dann auch angezeigt haben.

Bei den sexuellen Übergriffen betrug die Anzeigequote gegenüber deutschen Tätern 16 Prozent, bei einem Migranten aber 42. Das ist zu beachten, wenn man den für 2016 zu erwartenden Anstieg von polizeilich registrierten Sexualdelikten verstehen will. Ferner erscheint im Hinblick auf Flüchtlinge eine Differenzierung sinnvoll: Wer eine gute Aufenthaltsperspektive hat, möchte diese nicht durch Straftaten gefährden. Wer aber von Ausweisung bedroht ist, wird eher dazu tendieren, sein Leben durch Schwarzarbeit oder durch Kriminalität zu finanzieren.

Bei ihrem Vortrag befassen Sie sich mit Aachener Kindern und Jugendlichen als Täter und Opfer von Gewalt. Welche zentralen Fragen spielen da eine Rolle, und wie sieht es im Vergleich zu anderen Regionen und Städten aus?

Pfeiffer: Aachen schneidet relativ gut ab. Ich vermute, dass Aachen ein gutes Binnenklima hat. Ich nenne das das soziale Kapital der Stadt. Es gibt Forschungen in den USA, die besagen, dass die Summe der Nachbarschaftskontakte entscheidend dafür ist, wie sich die Kriminalität in einer Region entwickelt. Je geborgener und zugehöriger man sich in seinem sozialen Kontext fühlt, je größer zum Beispiel der Einfluss der Kirche ist, desto positiver ist das.

Gibt es dazu gesicherte Erkenntnisse oder sind das Annahmen?

Pfeiffer: Wir können nachweisen: Die Kirche hat einen stabilisierenden Einfluss. Je gläubiger Jugendliche sind, umso anständiger verhalten sie sich. Es gibt eine zivilisierende Wirkung der Religion. Das gilt jedenfalls für die Christen. Bei den Muslimen zeigt sich das im Hinblick auf Alkohol. Andererseits ist aber die Akzeptanz der Machokultur umso stärker ausgeprägt, je gläubiger junge Muslime sind.

Hinzu kommt ein anderer Aspekt: Je stärker junge Muslime in ihrer Religion verankert sind, umso weniger sind sie in unserer Gesellschaft im Hinblick auf Schulbildung, Zahl der deutschen Freunde und die gefühlte Zugehörigkeit integriert. Hierzu ein Beispiel aus unserer Befragung von 20.000 niedersächsischen Jugendlichen: Von den türkischstämmigen 14- bis 16-Jährigen, die nicht religiös oder wenig religiös sind, identifizierte sich fast jeder zweite mit Deutschland, von den sehr religiösen dagegen nur elf Prozent – und dies, obwohl sie zu über 90 Prozent in Deutschland geboren sind.

Wie erklären Sie das?

Pfeiffer: Die Imame in den Ditib- Moscheen sind türkische Staatsbeamte. Sie werden für eine begrenzte Zahl von Jahren nach Deutschland abgeordnet, können deshalb kaum Deutsch und predigen primär das, was die türkische Religionsbehörde ihnen vorgibt: türkischen Patriotismus und eine Verherrlichung der Zustände in ihrem Land. Je gläubiger junge Türken sind, umso stärker identifizieren sie sich deshalb mit dem Heimatland ihrer Eltern und fühlen sich fremd in unserem Land. Die Frage stellt sich deshalb, ob und wie sich die Moscheegemeinden aus der Bevormundung und der Finanzierung durch die Türkei befreien können.

Bleiben wir in Aachen. Welche zentralen Erkenntnisse hat Ihre Studie gebracht?

Pfeiffer: Die sozialen Netzwerke in Aachen sind stark. Aachen vermittelt offenkundig eine positive Gemeinschaftserfahrung. Dieses Element des Zusammenhalts ist in der Stadt ein wichtiger Faktor. Den müssen Sie in Aachen fördern, in jedem Karnevalsverein, in jedem Sportverein. Das ist die Chance, Zugehörigkeit zu schaffen und zu entfalten. Da ist Aachen auf einem guten Weg. Das gilt auch für die Familien. Dazu werde ich im Vortrag einiges sagen können. Es geht jetzt darum zu überlegen, wo man diese Qualität der Stadt weiter fördern und die Außenseiter noch besser integrieren kann. Zugehörigkeit zu organisieren, ist der zentrale Ansatzpunkt zur Prävention.

Leserkommentare

Leserkommentare (7)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert