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Kopftuch, Islam, Terror: „Vorurteile eingewachsen”

Von: Elke Silberer, dpa
Letzte Aktualisierung:
Abdurrahman Kol
Der Gemeindevorsteher der türkisch-islamischen Gemeinde, Abdurrahman Kol steht in Aachen in der Moschee der Gemeinde. Verdacht, Misstrauen, Ablehnung - die Anschläge vom 11. September 2001 markieren für Muslime in Deutschland eine neue, härtere Zeit. Manch einer hält das nicht aus, packt seine Sachen und geht. Foto: Oliver Berg dpa

Aachen. Es sind diese unscheinbaren Ereignisse, die ein Klima verändern können. Süleyman Yücel lebt seit 24 Jahren in Aachen. Er schätzt seine Arbeitskollegen, kommt mit ihnen gut zurecht. Aber wenn er über seinen anstehenden Moscheebesuch spricht, schauen die ihn „komisch” an.

Yücel spürt diese Blicke, auch wenn die Deutschen nichts weiter sagen. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 reichen Kleinigkeiten, und das Misstrauen ist da.

„Für die Muslime ist der 11. September eine Zeitenwende”, sagt Aiman Mazyek. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime bemerkt, dass nach den Anschlägen in den USA mit 3000 Toten die Trennschärfe zwischen Extremismus, Terrorismus und Islam verwischt sei. Unmittelbar nach den Anschlägen hätten Politiker noch einen moderaten Ton angeschlagen. „Aber nach zwei, drei Jahren, wo die Angst vor Terroranschlägen allgegenwärtig war, gingen die rationalen, besonnen Töne zurück”, sagt Mazyek.

Muslime würden mittelbar in Zusammenhang mit Extremismus und Terrorismus gebracht, sagt der Chef des Dachverbands mit rund 300 Vereinen. Der Terror werde automatisch bei Muslimen angesiedelt. „Es bleibt bei der Binsenweisheit, dass Ungerechtigkeit letztlich ein Nährboden ist für ein Gedeihen von Terror.”

Besuch bei der türkisch-islamischen Gemeinde in Aachen. Es gibt provisorische Räume in einem Baucontainer. Daneben eine große Baugrube. Die Gemeinde baut eine neue Moschee, ein elegantes Gebäude mit einem Minarett. Alles läuft harmonisch: Die Stadt lobt die Gemeinde, die Gemeinde lobt die Stadt.

Der Konfliktstoff äußert sich unterschwellig und auf anderen Ebenen. Schon Äußerlichkeiten wie Kopftuch und langer Bart wirkten spürbare befremdlich auf Deutsche, meint Yücel. „Wir fühlen uns von den Medien ins Abseits geschoben”, sagt Ali Savran: Wenn es im Zusammenhang mit dem Islam etwas Negatives zu berichten gebe, „machen die aus einer Mücke einen Elefanten”.

„Die Vorurteile sind eingewachsen. Die negative Einstellung hat sich etabliert”, meint Gemeindevorsteher Abdurrahman Kol. Erst auf diesem Nährboden sei Thilo Sarrazins Buch mit Attacken gegen Muslime möglich geworden. „Vor dem 11. September 2001 wäre das undenkbar gewesen.” Muslime fühlten sich nicht mehr wohl. Er kenne einige, die schon ihre Sachen gepackt und Deutschland verlassen hätten.

Für Kol gibt es aber auch eine positive Seite dieser Entwicklung: Moscheen öffnen sich, sind um Transparenz bemüht. Bei der Grundsteinlegung für die neue Moschee waren Vertreter aller Religionen dabei. „Erstklassig”, kommentiert er das. Auch untereinander seien die Moscheen enger zusammengerückt.

Als 19 islamistische Terroristen mit vier entführten US-Flugzeugen Symbole amerikanischer Macht angriffen, war Gba Zerik von der deutsch-türkischen Gesellschaft Eurotürk gerade mal elf Jahre alt. Auf dem ersten Blick hat ihr Problem nichts mit den Anschlägen zu tun: Das Kopftuch. Sie und ihre Freundinnen fühlen sich angeglotzt. Bewerbungen mit Kopftuch-Fotos würden aussortiert. „Wir werden direkt vorverurteilt”, sieht die junge Frau dann doch eine Verbindung zu den Anschlägen. „Wenn die Deutschen Leute mit Kopftuch sehen, dann denken sie: Kopftuch, Islam Terrorismus.”
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