Kopfrechen-Großmeister hat Verständnis für Mathe-Muffel

Von: Timo Steinhaus, dpa
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Rechenkünstler Gert Mittring schreibt am 13.02.2009 in Bonn eine mathematische Formel an eine Glasscheibe. Zum siebten Mal in Folge hat der 44-Jährige den Weltmeistertitel im Kopfrechnen errungen. Bei der 14. Denksport-Olympiade in London ließ der Diplom- Informatiker und promovierte Psychologe in Disziplinen wie Primfaktorzerlegung, Wurzelaufgaben und Potenzrechnen die internationale Konkurrenz hinter sich. Foto: dpa

Bonn. Wer Gert Mittring zu Hause besuchen will, der muss genau 82 Treppenstufen hinaufsteigen. Wenn ihn jemand als Einjährigen hier hochgetragen hätte, wäre es durchaus möglich gewesen, dass der Knirps die Stufen gezählt und sich gefreut hätte.

Schon im zweiten Lebensjahr hatte Mittring Spaß daran, Sachen abzuzählen. Mittlerweile ist er 44 Jahre alt und beschäftigt sich immer noch mit Zahlen, die Dimensionen haben sich allerdings geändert: Er ist Großmeister im Kopfrechnen, hält mehrere Weltrekorde und ist regelmäßig zu Gast in Fernsehsendungen.

Wenn Mittring über Mathe spricht, glänzen seine wachen, leicht nervösen Augen. „Ohne Mathematik wären wir heute noch in der Steinzeit. Überall im Alltag begegnet sie uns. Wettervorhersagen, Brückenbau, all das wäre gar nicht möglich”, sagt er und zeigt auf die Bonner Kennedybrücke, die vom Fenster aus zu sehen ist. Aber braucht man Mathe als Ottonormalverbraucher überhaupt noch? Heute ist doch in jedem Handy ein Taschenrechner. Mittring lacht.

Gegen technische Hilfsmittel habe er überhaupt nichts, man dürfe jedoch dabei nicht den Gesamtüberblick verlieren, sagt er. Heutzutage fehle den Leuten häufig das Gefühl, Zahlen richtig einzuordnen und abzuschätzen, ob die Größenordnung ungefähr passe. Verständnis für Mathe-Muffel hat er dennoch, denn dass Mathematik auch weniger Spaß machen kann, hat er in der Schule selbst erfahren.

„Ich hatte mir mit drei Jahren den Zahlenraum bis 1000 erschlossen und dachte immer, die anderen Kinder können das auch. Dass das nicht so ist, wurde mir erst in der Grundschule bewusst”, erzählt er im Plauderton. Während die Klassenkameraden noch über ihren Aufgaben brüteten, war er längst fertig und langweilte sich. „Ich wollte mehr Aufgaben, die gab es aber nicht. Deshalb machte ich anders auf mich aufmerksam.” Das Kind kasperte herum, korrigierte die Lehrerin, wenn sie etwas vorrechnete.

Seine Eltern - ein Pastor und eine Kirchenmusikerin - hätten zwar erkannt, dass er über eine gewisse Veranlagung verfüge, mehr aber auch nicht. „Sie wollten immer das Beste, aber es gab damals einfach noch nicht die Rahmenbedingungen für ein Förderprogramm”, sagt Mittring und spricht zum ersten Mal etwas langsamer als sonst.

Im Matheunterricht ließ er Zwischenschritte weg, weil er keinen Sinn darin sah, sie aufzuschreiben. Sein Denken habe einfach den Erwartungshorizonten nicht entsprochen. Der Mann, der in 11,8 Sekunden ohne Hilfsmittel die 13. Wurzel aus einer 100-stelligen Zahl zieht, machte sein Abitur mit 3,7. Er studierte nicht Mathematik, sondern promovierte in Pädagogik und Psychologie.

„Mathematik bringt viele Vorteile im Lebensalltag, das wird im Unterricht leider nicht vermittelt. Unter den aktuellen Umständen verstehe ich vollkommen, dass viele keinen Bock darauf haben. Die Schüler können ja den Nutzen und Sinn, der dahintersteckt, überhaupt nicht verstehen”, sagt Mittring. Damit das anders wird, fördert er selbst hochbegabte Kinder und veranstaltet die Deutsche Meisterschaft im Kopfrechnen für Kinder und Jugendliche. Mathe soll Spaß machen, meint er.

Mittring möchte seine Begeisterung teilen, nicht als komischer Zahlen-Kauz gesehen werden. Und tatsächlich deutet in seiner Wohnung außer ein paar verräterischen Sudoku-Heften auf dem Tisch nichts darauf hin, dass sein IQ jenseits des Messbaren liegt. In seiner Freizeit liest er am liebsten leichte Kost: Das Rechenwunder ist ein großer Fan von Harry Potter.
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