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Kompromisse? Durchaus. Verbiegen? Niemals.

Von: Madeleine Gullert
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Wolfgang Bosbach ist seit 20 Jahren Abgeordneter im Bundestag. Viel habe sich im Politikbetrieb geändert, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich vermisse leidenschaftliche Diskussionen.“ Foto: Andreas Herrmann
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CDU-Politiker Wolfgang Bosbach (3. v. l.) bei seinem Besuch des Sozialwerks Aachener Christen. Mit seiner fröhlichen rheinischen Art sorgte der 62-Jährige für gute Stimmung bei dem Gespräch.

Aachen. „Jeder auf der Straße erzählt mir, was man mit dieser Waschmaschine gemacht hat“, sagt Wolfgang Bosbach. Diese Waschmaschine, das ist die „WM66“ aus der DDR. Danach gefragt wurde der Bundestagsabgeordnete aus Bergisch Gladbach jüngst in der Quiz-Show „Wer wird Millionär“. Sein Joker, die Kanzlerin höchstselbst, ging nicht ans Handy. Bosbachs Auftritt aber begeisterte: Er wirkte sympathisch, unterhaltsam.

Bosbach gehört zu jenen Politikern, die von vielen Menschen unabhängig von parteipolitischen Präferenzen geschätzt werden. Das macht ihn stolz. „Es ist ein tolles Kompliment“, sagte er unserer Zeitung am Rande eines Besuches beim Sozialwerk Aachener Christen. Ein Grund mag Bosbachs Haltung sein: „Ich spiele keine Rolle, ich lasse mich nicht verbiegen.“ Authentisch, so wirkt auch sein Auftreten – egal, ob im Fernsehen oder bei der Veranstaltung in Aachen. Mit leicht rheinischem Einschlag spricht er über Politik, erzählt aber auch gern private Anekdoten, die Pointe stets an der richtigen Stelle platziert. Er schaut den Menschen dabei in die Augen, lächelt viel, das macht ihn nahbar. Nur wenn über ihn gesprochen wird, er gelobt wird, dann senkt er mitunter beinahe etwas verlegen den Blick.

Häufig wird Bosbach als „Rebell“ beschrieben. Als solcher sieht sich der 62-Jährige aber nicht. „Ich sage nur, was ich denke“, betont er und kritisiert gleichzeitig, dass einige Kollegen im Bundestag nur noch versuchten, nirgendwo anzuecken. Das führe zu Politikerverdrossenheit. „Ecken und Kanten gibt es immer weniger.“

Bosbach hat diese Ecken und Kanten. Sein Lebenslauf: Realschulabschluss, Supermarktleiter, Abiturient an der Abendschule, Jurist, Politiker, Vorsitzender des Innenausschusses im Bundestag – auf der Karriereleiter ging es für Bosbach immer nach oben. Sein Prüfer beim zweiten juristischen Staatsexamen warf ihm vor, „einige Haken geschlagen“ zu haben. Dass er es so weit geschafft hat, führt Bosbach auf seinen Willen zurück. „Ich mache keine halben Sachen.“ Was sein Arbeitsethos angeht, sei er Preuße, obwohl er sonst durch und durch Rheinländer ist. Er ist ein Workaholic, einer der den Großteil der jährlich 10 000 Zuschriften von Bürgern selbst beantwortet.

Nach Diagnose mit Gott gehadert

Seit vier Jahren geht es in den Mails und Briefen nicht mehr nur um Bosbachs Politik, sondern um ihn und seine Krankheit. Der 62-Jährige ist unheilbar an Prostatakrebs erkrankt. „Ich versuche, das Beste daraus zu machen“, sagt er ganz sachlich. Auch wenn er zugibt, mit Gott etwas gehadert zu haben. „Ich war doch Messdiener und zahle so viel Kirchensteuer“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Ich habe in meinem Leben so viel Glück gehabt, da muss man auch etwas Pech haben.“ Sein Glaube hilft ihm genauso wie das Wissen, in seinen drei Töchtern – Natalie, Caroline und Viktoria – weiterzuleben. „Hätte ich keine Kinder, wäre es schwerer für mich.“ Mit ihnen und Ehefrau Sabine spricht er kaum über seine Krankheit, in die Öffentlichkeit geht er mit dem Thema Krebs und Tod aber offensiv. „Das darf jedoch nicht überhand nehmen.“ Bosbach will in erster Linie Politiker sein – nicht der unheilbar Kranke.

Seine Reisetätigkeit aber musste der CDU-Mann einschränken. Ab und zu sagt er sich inzwischen sogar: „Morgen ist auch noch ein Tag.“ Das sei vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen für den Mann, der immer Vollgas gibt. Leider auch auf der Autobahn. 14 Punkte in Flensburg hatte Bosbach zeitweise. „13 davon habe ich um Mitternacht bekommen. Man ist auf einer Veranstaltung, will dann nur noch nach Hause und fährt zu schnell, weil die Straßen frei sind.“ Beim Aufbauseminar zum Punktabbau – im Volksmund „Idiotentest“ – hätten die anderen Teilnehmer ihn zunächst für einen Referenten gehalten, erzählt er auf seine humorvolle rheinische Art.

Mit dem Karneval ist er groß geworden, 22 Jahre war er in seiner Heimat Bergisch Gladbach Präsident des Karnevalsvereins und auch schon Karnevalsprinz. Den Unterschied zwischen der rheinischen Mentalität und der Art der Kanzlerin aus der Uckermark – die beiden sind enge Vertraute – erklärte er Angela Merkel einmal so: „Bei Deinem Geburtstag war der Höhepunkt der Vortrag eines Gehirnforschers, bei meinem ein Auftritt der Höhner.“

Doch eins verletzt ihn, wenn rheinische Fröhlichkeit mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt wird. Ja, er sitzt gern in TV-Shows, ja, er hetzt von einem Termin zum nächsten, aber unterschätzen darf man Bosbach nicht. Spricht er in einer Minute noch von seinem Lieblingskarnevalslied „Unsere Stammbaum“ der Bläck Fööss, das von den vielen Nationen im Rheinland handelt, schlägt er umgehend die Brücke zur Flüchtlingsproblematik in Europa. Die liege ihm zurzeit nämlich besonders am Herzen.

Der Karneval hat ihm aber auch bei seiner Karriere geholfen: Er war in der Region sehr bekannt. „Da hören einem die Leute schon mal eher zu.“ Bei der Bundestagswahl 2013 holte er 58,48 Prozent der Stimmen im Rheinisch-Bergischen Kreis. „Der Rückhalt dort gibt Politikern Macht“, sagt Bosbach und mahnt, dass dieses Vertrauen auch schnell verspielt sei, wenn man nicht zu seinen Aussagen stehe. In 20 Jahren im Deutschen Bundestag hat er deshalb drei Mal gegen die Parteilinie der Union gestimmt, zuletzt, als es um den Euro-Rettungsschirm ging. „Ich will nicht die Kuh sein, die quer im Stall steht, aber ich will vor allem nicht gegen meine Überzeugung abstimmen.“ Mit der Kanzlerin habe er darüber sachlich sprechen können – andere kritisierten ihn harsch. „Es dringt zu selten nach außen, dass es auch innerhalb einer Partei Meinungsverschiedenheiten gibt“, kritisiert Bosbach. Der Grund: Angst vor negativen Schlagzeilen.

Dass es in der Politik und auch im Bundestag heute ruhiger zugeht, führt Bosbach auch darauf zurück, dass dort eine neue Generation vertreten ist. „Menschen, die Bedrohungen wie den Kalten Krieg nicht miterlebt haben.“ Leidenschaftliche Debatten gebe es nur noch selten, etwa beim Thema Patientenverfügung. Das sei für die Bürger schade. „Man kann immer unterschiedlicher Meinung sein“, sagt Bosbach, doch ihm sei es wichtig, Kompromisse einzugehen. So versteht er auch seine Aufgabe im Innenausschuss. Dort sei die Stimmung sehr kollegial. „Natürlich kommen wir aus unterschiedlichen Richtungen, aber wir arbeiten auf der selben Baustelle.“

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