Radarfallen Blitzen Freisteller

Kölner Oberbürgermeister übt scharfe Kritik an Baufirmen

Von: dpa
Letzte Aktualisierung:
Ein Jahr nach Einsturz des Kölner Stadtarchivs
Ein Jahr nach Einsturz des Kölner Stadtarchivs gedenkt die Stadt der Opfer der Katastrophe. Kölns Oberbürgermeister Roters (SPD) hat Hinterbliebene, Archiv-Mitarbeiter und betroffene Anwohner zu einer Gedenkfeier ins Historische Rathaus eingeladen. Beim Einsturz des Archivs am 3. März 2009 waren zwei junge Männer unter den Trümmern gestorben. Bedeutende Archivgüter wurden verschüttet, auch angrenzende Häuser stürzten ein. Foto: dpa

Köln. Trauer um zwei junge Männer, Entsetzen auch ein Jahr nach der Katastrophe. Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3.3.2009 ist für viele ein Trauma. Am Jahrestag gedenkt die Stadt der Opfer. Zugleich werden Schuldzuweisungen und Vorwürfe erhoben.

Die Aufklärung sei zu schleppend, es fehle Transparenz, kritisieren die Bürgerinitiative „Köln kann auch anders” sowie Autoren um „Aura 09” und „Kölner Komment”. Aber auch Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) spricht bei der Gedenkfeier am Mittwoch Klartext - und entzieht den Baufirmen und den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) sein Vertrauen.

Nun erhebt auch Roters den Vorwurf, Betrug und Manipulation sei bei den Baufirmen für den U-Bahn-Bau im Spiel gewesen. Dem Technischen KVB-Vorstand Walter Reinarz rät er klar zum Rückzug aus seinem Spitzenamt.

Roters schlägt in dieselbe Kerbe wie viele Kölner, die unzufrieden sind mit der Aufarbeitung des Unglücks. „Wir fragen weiter nach der Verantwortung für die Katastrophe. Wir sind nicht beruhigt”, betonen die Bürgerinitiativen. „Dass bis heute, ein Jahr nach der Katastrophe, noch immer niemand die politische Verantwortung oder Teilverantwortung für das Desaster übernommen hat, kommt einer zweiten Schuld und einer Verhöhnung der Opfer gleich”, meinen die Gruppen. Reinarz müsse weg, sagt Frank Deja, Vorsitzender von „Köln kann auch anders”.

Auch die Politik steht im Visier der Kritiker. „Wir wollen nicht die Schuldfrage klären, das macht die Staatsanwaltschaft. Aber wir sind entsetzt, dass es keine Bauaufsicht gab”, meint Deja. Hier sei auch ganz klar die Stadt in der Pflicht. Ähnlich sieht es René Böll, Sohn des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll: Die Hauptschuld an dem Einsturz trage die Stadt, die den Auftrag zum U-Bahn-Bau an die KVB gegeben habe, dann aber nicht kontrolliert habe, erklärt Böll im „Deutschlandradio Kultur”.

Schriftsteller Günter Wallraff sagt der dpa: „Es sind zu viele involviert, von Firmenseite und von Seiten der Stadt. Viele hängen mit drin und haben ein Interesse daran, dass Aufklärung nicht stattfindet”. Die Justiz hält der Journalist für „überfordert”. Die Ursache für den Einsturz ist noch unklar, ein Zusammenhang mit den unterirdischen Bauarbeiten für die Nord-Süd-Stadtbahn gilt aber als sicher. Der 17-jährige Azubi Kevin und der Student Khalil (24) waren vor einem Jahr ums Leben gekommen, viele Anwohner verloren ihre Wohnungen, kostbare Archiv-Bestände wurden zerstört.

Die KVB zahlte bisher 4,4 Millionen Euro Entschädigung. „Die Menschen hatten kein Dach über dem Kopf. Es musste geholfen werden, und die KVB als Bauherr hat geholfen. Wir möchten, dass die Menschen nach dem Unglück nicht schlechter gestellt sind als vorher”, sagt KVB-Sprecherin Gudrun Meyer. Das Unternehmen ist dabei in Vorleistung gegangen. Denn erst wenn die Unfallursache ermittelt ist, steht auch fest, wer als Verantwortlicher den finanziellen Schaden ausgleichen muss. Meyer zufolge haben 259 Menschen Ansprüche angemeldet - Hausbesitzer, Bewohner oder Gewerbetreibende.

Die Kritiker tragen ihren Protest am Jahrestag auf die Straße. Kölner Schauspieler und Kabarettisten lesen aus Ratsprotokollen der 90er Jahre, in denen die Vorzüge der U-Bahn angepriesen und der Bau beschlossen wurde. „Realsatire aus heutiger Sicht”, meint Deja. Am Abend wollte ein „Zug der Fassungslosigkeit” zur Unglücksstelle marschieren. Kerzen und Blumen sind dort niedergelegt, Kränze der Stadt am Baugitter angebracht. Kevins Familie hat ein schwarzes Plakat aufgehängt, mit der Aufschrift „Der Pfusch vom 3.3.09”. Und ein Unbekannter fordert: „Es wird langsam Zeit, dass die Wahrheit raus kommt (...), damit keine anderen Menschen so ein Ende haben wie Kevin und Khalid.”

Die Homepage wurde aktualisiert