Knasttüren aufgeschlossen, Waffen rausgegeben

Von: Heiner Hautermans
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Pfortebild
Wie die beiden Verbrecher genau entkommen konnten und ob sie die Pforte nutzten oder das Tor - das ist bislang unklar. Foto: AN

Aachen. So langsam verzieht sich der Nebel und es wird klar, wie die beiden Schwerverbrecher aus der bis dahin als absolut sicher geltenden Justizvollzugsanstalt in der Aachener Soers ausbrechen konnten.

Nicht die äußeren Sicherheitssysteme haben nach derzeitigen Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden versagt, sondern einer der Menschen, die sie bedienen.

Der 40-jährige Wärter, der bereits am Freitag festgenommen worden war, hat den Geiselgangstern nicht nur Türen aufgeschlossen, sondern ihnen auch schussbereite Waffen samt Munition übergeben und sie aus der letzten Schleuse herausgelassen. Dies ergibt sich aus Videoaufnahmen der zahlreichen Überwachungskameras, die sich im Innern des weitläufigen Gefängniskomplexes befinden.

Bis zu fünf Jahre

Der Justizbedienstete wurde am Samstag dem Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Aachen vorgeführt, der auf Antrag der Staatsanwaltschaft Haftbefehl erließ und Untersuchungshaft anordnete.

Das Gefängnis, das er jetzt von der anderen Seite kennenlernt, wird er aller Voraussicht nach so schnell auch nicht wieder verlassen: Ihm wird unter anderem Gefangenenbefreiung im Amt, Beihilfe zur Freiheitsberaubung und Verstoß gegen das Waffengesetz zur Last gelegt. Allein für die Gefangenenbefreiung droht ihm Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren.

Auch Klaus Jäkel, Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, rätselte über die Hintergründe: „Zunächst einmal gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Aber die Beweislast scheint erdrückend zu sein. Wenn das so stimmt, dann muss mit aller Härte vorgegangen werden.”

Geld habe der Mann von Schwerstkriminellen kaum bekommen können, das hätten diese nicht gehabt. Eine Erpressung dürfte ebenfalls ausscheiden, deshalb hat ein Gedanke Klaus Jäkel nicht mehr losgelassen: „Könnte es sich um einen Hilferuf gehandelt haben?”

Schließlich ist in den letzten fünf Jahren immer weiter Personal in der JVA Aachen abgebaut worden, lag die Krankenquote zuletzt bei rund 18 Prozent, schöben manche Beschäftigte bis zu 600 Überstunden vor sich her. Dazu könnte auch passen, dass die zuerst eintreffenden Kollegen und Polizisten den Zustand des Mannes als „verwirrt” bezeichneten.

Dennoch dürfte der Vollzug für den 40-Jährigen ziemlich ungemütlich werden, da er in der Knasthierachie sicher an unterer Stelle stehen wird, ähnlich wie Kinderschänder. Ein Insider: „Wenn er verurteilt werden sollte, hat er sicherlich noch einiges vor sich.”

Vorsichtshalber wurde der Mann deshalb auch in eine Anstalt außerhalb von Nordrhein-Westfalen verlegt. Über den persönlichen Hintergrund des 40-Jährigen, etwa die Frage, ob er verschuldet ist, wurde gnichts bekannt. Oberstaatsanwalt Robert Deller: „Er hat noch keine Angaben zur Sache gemacht.” Außerdem lasse sich der Mann anwaltlich vertreten.

Zumindest ungefähr ist damit aber inzwischen klar, was sich am Donnerstagabend in der Soers abgespielt hat. Michael Heckhoff, Bankräuber, Geiselnehmer und 1992 schon einmal erfolgreicher Ausbrecher aus der JVA Werl (dabei wurden zwei Bedienteste mit Benzin übergossen und angezündet, sie trugen schwerste Verletzungen davon), und Peter Paul Michalski, Räuber und Mörder (er erschoss 1993 im Hafturlaub einen Mittäter), können sich nach Auskunft der Behörden in ihrer Abteilung im ersten Stock der relativ nahe am Ausgang gelegenen Schleuse frei bewegen.

Gegen 20 Uhr gelangen sie über eine Treppe ins Erdgeschoss und in den Freiraum der Haftanstalt, wobei mehrere Türen - entweder per Nachschlüssel oder durch den 40-Jährigen - geöffnet worden sein müssen. An der Außenschleuse greifen sie dann einen weiteren Bediensteten an, der gerade von einer Kontrollfahrt zwischen der sechs Meter hohen Außenmauer und einem weiteren Zaun wenige Meter dahinter zurückkommt.

Der Mann wird von hinten mit einer Waffe bedroht, niedergeschlagen und mit seinen eigenen Handschellen gefesselt.

Ob die Männer dann durch die Außenschleuse oder die eigentliche Pforte entkommen konnten, steht noch nicht fest. Der JVA-Bedienstete erleidet leichtere Verletzungen und trägt einen schweren Schock davon. Er kann das Krankenhaus aber am Wochenende wieder verlassen.

Das Taxi jedenfalls, das die Ausbrecher draußen kaperten, kam eher zufällig vorbei. So wie es aussieht, glich die gesamte weitere Flucht eher einer Irrfahrt als einer geplanten Aktion, worauf auch die Festnahme des über und über mit Nazi-Symbolen tätowierten und als brandgefährlich eingestuften Michael Heckhoff am Sonntagvormittag in Mülheim hindeutet.

Beide Männer hatten nichts mehr zu verlieren und angedeutet, dass sie nicht hinter Gitter zurückkehren würden.
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