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Knast-Projekt: Licht und Farbe für die Gemüter schwerer Jungs

Von: Elke Silberer, dpa
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Mit Farbe den Alltag im Knast etwas freundlicher gestalten: Dieses Projekt setzen jugendliche Strafgefangene in der Aachener JVA gerade um. Foto: dpa

Aachen. Rosa geht gar nicht. Die Jungs sind sich einig. Über andere Farben kann man ja diskutieren. Aber Rosa...! Das Leben der 19 jungen Männer ist tendenziell trist und eintönig wie die Flure im Aachener Gefängnis.

Ein blassgelbes Einerlei, ein wenig grau, erleuchtet vom kalten, weißen Licht der Deckenleuchten. Das macht selbst einen so freundlichen Menschen wie Innenarchitektin und Farbdesignerin Anja Schmidt aggressiv. „Die Decke fällt mir auf den Kopf und ich glaube, ich muss gegen die Wand treten”, sagt sie und tut es dann doch nicht.

In diesen Tagen läuft Schmidt mit einem dicken Packen Farbschablonen herum und diskutiert mit den Gefangenen. Zusammen mit dem Lichtdesigner Christoph Zippel macht sie, was im Knast vor ihnen wahrscheinlich noch nie jemand gemacht: Mit Licht und Farbe gestalten sie Hafträume nach psychologischen Wohlfühl-Aspekten. Sie machen das ehrenamtlich. Die Farbe spendiert ein Unternehmen.

In Aachen sitzen insgesamt 800 Gefangene, vor allem schwere Kaliber. Auch wenn sie nach außen hin stark sind, geht vielen das Eingesperrtsein ans Gemüt. „Viele Häftlinge sind gemütsmäßig angeschlagen. Wenn die Farben eine harmonisierende Wirkung entfalten, dann haben wir schon viel erreicht”, sagt die stellvertretende Anstaltsleiterin Brigitte Kerzl-Steinkellner.

Kassou (27) hat vier Brüder und eine Schwester. Unlängst bekam er einen Anruf. Seine Schwester wollte heiraten. „Da heiratet deine einzige Schwester und du bist nicht dabei”, haderte er. Er kam ganz schlimm ins Grübeln. „Kino im Kopf” nennen das die Jungs. Normalerweise hört das nicht auf. Jetzt ist das anders.

„Dann kommt man hierher und ist gleich wieder ganz anders drauf”, sagt der Marokkaner und ist von der Wirkung der neuen Farben und des Lichts überzeugt. Den anderen gehe das ähnlich. Kassou ist Gruppensprecher von 19 jungen Häftlingen der Wohngruppe, in der das Farb-Licht-Projekt schon teilweise umgesetzt ist.

Ein 25 Meter langer Gang war vorher eine „einzige gelbe Suppe”, berichtet Innenarchitektin Schmidt. Der Gang ist Teil des Freizeitbereichs mit Kicker, Kraftraum und Billard. Lebensraum, der jetzt Lebendigkeit ausstrahlt: Mit leuchtendem Grün als Symbol für Wiese, Blau wie der Himmel, Gelb für das Sonnenlicht.

„Die Leute hier sind aufgeblüht. Die sind freundlicher, erzählen auch mal was”, erzählt Gefängniswärter Heinz Klüser. Sogar der Umgang mit ihm habe sich verändert: „Da fragt auch mal einer: "Na, Herr Klüser, wie geht es ihnen?"”, eine ganz neue Erfahrung für ihn. Er selbst freut sich über das Licht und die Farben, es ist schließlich auch sein Arbeitsraum. „Das wirkt auf mich sehr belebend.”

Hermann Scheige sitzt seit elf Jahren in Aachen ein: „Die Monotonie ist ein ernsthaftes Problem. Alles, was die Monotonie aufbricht, ist wohltuend.”
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