Kleine Brauer zapfen das globale Milliardengeschäft an

Von: Robert Esser und Jürgen Lange
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In seiner kleinen hochmodernen Privatbrauerei braut Braumeister Carsten Stein das neue Jülicher Bier: obergäriges „Brünett”. Foto: hfs.

Region. Täglich ein 0,3-Liter-Glas Bier trinkt jeder Bundesbürger - genau 493 Jahre nach dem Erlass des deutschen Reinheitsgebots. Obwohl die Statistik des Deutschen Brauer-Bundes keinen Unterschied zwischen Kleinkindern und Quartalssäufern kennt, offenbart sie eindeutige Trends.

Der Jahreskonsum ist pro Kopf in sieben Jahren um mehr als zehn Liter gesunken, globale Bierfabriken haben die meisten mittelständischen Brau-Unternehmen geschluckt - aber die Zahl der Brauereien steigt. Seit 2002 von 1289 auf immerhin 1319 im vergangenen Jahr.

Auch in der Aachener Region kämpfen familiäre Brauereien um die Nischen im Milliardengeschäft. Denn nicht nur der Aachener Chef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Dirk Deutz, kritisiert die „geschmackliche Gleichmacherei” bei populären Biersorten. Kenner des Gerstensafts schwören auf Genuss mit Lokalkolorit. Das ist zumindest die Hoffnung mutiger Brau-Pioniere.

In Aachen etwa eröffnet am 15. Mai Diplombraumeister Elmar Ortmanns seine Privatbrauerei. Er setzt auf eigene Rezepte und Markennamen, die mit der Kaiserstadt verknüpft sind - wie „Klenkes” und „Frankenberger”. 130 Liter könnte er täglich brauen. Kein Vergleich zum früheren Absatz von Degraa, der letzten Großbrauerei Aachens, die vor genau 20 Jahren vom Markt verschwand. „Ich glaube, dass es genug Liebhaber gibt, die einen unverwechselbaren Biergeschmack zu schätzen wissen”, sagt der 31-jährige Unternehmensgründer.

Beispiel Stolberg: Als dort 1985 das letzte Ketschenburger Bier gebraut wurde, hätte keiner einen Pfennig darauf gesetzt, dass ein Vierteljahrhundert später der alte Slogan „Trink ein Ketsch” in der Kupferstadt wieder zum Renner wird. Doch heute legt das Untergärige nach altem Rezept eine Renaissance hin. 2008 erwarb der Zahnarzt Rüdiger Fröschen die Braurechte der 1817 gegründeten Traditionsmarke. Ende November servierte Fröschen seine ersten „Ketsch”.

Heute fließen 40 Hektoliter im Monat aus den Hähnen - mit steigender Tendenz. Man gibt sich trendbewusst und mixt „Ketsch” mit Tequila, um die Jugend zu gewinnen. Gebraut wird bislang in Bayern. Geplant ist, in Stolberg gegenüber dem alten Stammsitz der Ketschenburg - hier residiert heute der Energieversorger EWV - die Brauerei neu zu eröffnen.

„Die Finanzierung für die Brauerei steht noch nicht”, bekennt Fröschen: „Ich bin lediglich Zahnarzt und mache das nur aus Spaß.” Jeder erwirtschaftete Euro wird in das Stolberger Bier reinvestiert. „Vielleicht gründen wir eine Aktiengesellschaft, mit der sich die Stolberger selbst ihr Bier brauen können”, überlegt Fröschen. Denn der Siegeszug führt zu neuem Selbstbewusstsein der Kupferstadt: Der Stolberger trinkt wieder „Ketsch”.

Auch Jülich setzt auf die eigene Marke: Brauer Carsten Stein brachte sein „Jülicher Bier” im Herbst 2008 auf den Markt. Gelernt hat er sein Handwerk in Welz bei Linnich. Dort kämpft die Brauerei Jacob Rainer und Sohn mit dem „Lambertus”-Pils um Marktanteile. „Ist doch klar, dass meine 50 Tonnen Braumalz pro Jahr mehr kosten als zigtausende Tonnen, die von den Großen geordert werden”, sagt der Chef.

„Aber Bier muss Charakter haben. Und wer den als Anwohner einer kleinen Brauerei hat, der sollte sein Bier eben nicht nur im Großmarkt holen.” Und er sollte mehr als 0,3 Liter pro Tag trinken. Sonst geht´s Rainer wie Brauer Röhr in Düren. Da war 1997 nach 104 Jahren Schluss.

Deutsche trinken zehn Liter Bier weniger

5000 verschiedene Biermarken zählt der Deutscher Brauer-Bund. 2008 waren hierzulande 1319 Braustätten in Betrieb. Doch der Absatz sinkt: Vor sieben Jahren wurden 107,8 Millionen Hektoliter Bier abgesetzt, 2008 waren es 102,9 Millionen. Im gleichen Zeitraum sanken die Umsätze von 9,3 Milliarden auf 8,1 Milliarden Euro.

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier sank seit 2002 (121,9 Liter) um mehr als zehn Liter. 29.600 Menschen sind in der Bierbranche beschäftigt (2002: 35.400).

Am Donnerstag laden viele Brauereien zum Tag der offenen Tür. Am 23. April 1516 hatten bayrische Herzöge mit dem deutschen Reinheitsgebot (Wasser, Hopfen, Hefe, Malz) das älteste Lebensmittelgesetz der Welt verabschiedet.
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