alemannia logo frei Teaser Freisteller

Keltisches Glas und eine römische Villa im Elisengarten

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
elisen_az_auf

Aachen. Die Geschichte der Kaiserstadt muss in weiten Teilen ergänzt beziehungsweise neugeschrieben werden. Dies ist das erste Fazit der monatelangen Ausgrabungsarbeiten im Aachener Elisengarten. «Während der Arbeiten sind wir zu völlig neuen Erkenntnissen gelangt», sagte Stadtarchäologe Andreas Schaub am Freitag.

„Sensationsfunde” nannte sie Oberbürgermeister Jürgen Linden am Freitag trocken, die „für die Bevölkerung und für mich als noch Ober-Öcher” eine faustdicke Überraschung seien. Archäologische Funde unter dem großflächigen weißen Zelt im Elisengarten meinte er damit, Funde, die „Aachens Geschichte neuschreiben” werden und laut Stadtarchäologe Andreas Schaub „großes Aufsehen” bereits in den Nachbarländern und bei Kollegen im geschichtlich ebenso gesegneten Xanten erregt haben.

16 „Wühlmäuse” der Goldschmidt-Archäologie und Denkmalpflege (Düren) buddeln unter Grabungsleitung von Gary White, einem Engländer aus Portsmouth, momentan dort Dinge aus, die Fachwelt, Touristen und ebenso die Bürger der Stadt noch lange beschäftigen werden.

Triumphierend hielt Schaub im Rathaus beispielsweise ein kleines, beinahe quadratisches blaues Glasstück zwischen Daumen und Zeigefinger, übergab es dem OB, der wissend lächelte: „Das ist ein Stück eines Glasarmbandes, das hat sicherlich eine junge Keltin getragen.” Oder ihre Schwiegermutter, fügte er schulterzuckend hinzu.

Jenes Stück Glas soll aus dem 3. Jahrhundert vor Christi Geburt sein, würde aber auch in einem hippen Modeschmuckladen nicht weiter auffallen. Doch das Glasstück hat historisch immense Bedeutung. Über die Kelten im Aachener Talkessel sei eher wenig bekannt, dozierte Schaub über den Keltenfund. Nun wisse man, dass sie hier direkt in der Mitte wohnten, vielfache „Siedlungskeramik”, wie es fachlich richtig heißt, stammt aus dieser Zeit und untermauert die Bedeutung des blauen Glases.

Doch: Im Grabungsviereck könne man ebenso glatte 3000 Jahre zurückspringen, in die Jungsteinzeit. Denn die Experten von Goldschmidt fanden zwei Feuersteinhämmer, deren Material wie bekannt aus den steinzeitlichen Gruben am Lousberg stammt. Dass jene Hämmer von den Öcher Verwandten der „Feuersteins”, wie die beliebte Comic-Steinzeit-Familie heißt, direkt im Zentrum des Talkessels zwischen den heißen Quellen mehr als 3000 Jahre vor der Römersiedlung Aquisgrana behauen und zu Werkzeug geformt wurden, daran hatte bislang niemand gedacht.

Reiche Römer

Gehämmert und auch anderweitig handwerklich gearbeitet wurde somit über die Jahrtausende hinweg neben der späteren karolingischen Kaiserpfalz. Was allerdings der Aachener Seele wie eine lang entbehrte und jetzt strahldick sprühende Balsam-Dusche gut tut, ist die Erkenntnis: „In der Römerzeit war Aachen nicht nur ein kleines unbedeutendes Heilbad”, so frohlockte Archäologe Schaub.

Keineswegs hätten ein paar Römer hier in freier Natur quasi vor sich hin geplanscht, im Gegenteil, zog der Archäologe einen tief sitzenden Stachel aus dem Öcher Fleisch. Die Grabungen zeigen überraschend die Fundamente eines „35 bis 50 Meter langen Gebäudes aus der Römerzeit”.

Die Front des herrschaftlichen Hauses mit Nebengebäuden zeigt zur Ursulinerstraße, die Rückfront reicht beinahe bis zum heutigen Elisenbrunnen, Grundmauern wurden in bis zu drei Meter Tiefe gefunden. Im gesamten, übrigens öffentlich zugänglichen Grabungsareal, gibt es ein für Laien unübersichtliches Gewirr von Steinmauern und Holzgründungen, die zeitlich über 5000 Jahre reichen.

Die römische Besiedlung Aachens ist jetzt endlich datiert. Im Bereich nahe der Ursulinerstraße/Ecke Mayersche Buchhandlung - dort wird ein etwa 60 Quadratmeter großes archäologisches Fenster als Punkt im Rahmen der „Route Charlemagne” angedacht - fand man eine Silbermünze aus der Zeit von Kaiser Augustus, die Besiedlung begann wohl um Christi Geburt.

Daneben grub man die Mauern eines „kleinen römischen Heiligtums” aus, gegenüber direkt die Anlage eines Hypokaustum, einer raffinierten antiken Fußbodenheizung, die die Stadtvilla aus dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt im Winter so richtig gemütlich machte. Gary White beschrieb: „Hier müssen betuchte Römer gewohnt haben”. Denn aufwändiger Estrich, ein Bodenbelag, wurde freigelegt, es gab kleinere Räume für „Mägde und Knechte” sowie fließendes Wasser und eine Klospülung.

Dunkle Spätantike

Die römische Besiedlung lässt sich im Elisengarten weiterverfolgen bis in die geschichtlich eher dunklen Jahre der Spätantike, der Merowingerzeit und bis hin zu Karl dem Großen. Und auch das Spätmittelalter gab seine Spuren frei. In den Mauergrenzen der reichsfreien Abtei Stavelot-Malmedy aus dem Spätmittelalter, die auf die römischen Mauern gebaut wurde, fanden sich zahlreiche Spuren von Handwerk, wie Gerberelöcher oder Trockenräume für Tierhäute, sogar Lederhandschuhe und Schuhe wurden „sichergestellt”, aber auch einzelne Kindergräber enthüllten ihren Inhalt.

Die Archäologen und der OB haben mit den Funden noch großes vor. Die Grabungen sind Anfang März beendet, dann wird gesichtet und eine sicherlich Aufsehen erregende Ausstellung im Krönungssaal vorbereitet - Europa kann sich darauf freuen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.