Keine Ruhe in Hellenthals heiler Welt

Von: Marlon Gego
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In Hellenthal-Reifferscheid is
In Hellenthal-Reifferscheid ist die Welt noch in Ordnung - oder doch nicht? Um das am 12. Juli wegen Misshandlunsgvorwürfen geschlossene und zwei Wochen später per Gerichtsbeschluss wieder geöffnete Kinder- und Jugendheim gibt es nach wie vor erheblichen Ärger. Foto: imago/Werner Otto

Aachen/Hellenthal. Tobias Corsten könnte jetzt jubeln und feiern, schließlich hat er den ersten Gerichtsprozess gewonnen. Die gegen ihn und seine Mitarbeiter erhobenen Misshandlungsvorwürfe sind erst mal vom Tisch.

Was wirklich in dem von Corsten betriebenen Kinder- und Jugendheim in Hellenthal-Reifferscheid geschehen ist, wird sich, wenn überhaupt, erst in einem weiteren Prozess nächstes Jahr klären. Bis dahin darf er sein am 12. Juli zunächst geschlossenes, dann aber am 28. Juli per Gerichtsbeschluss wieder geöffnetes Heim weiter betreiben, wie vorher. Doch wenn einmal Missbrauchsvorwürfe gefallen sind, lassen sie sich nicht einfach per Gerichtsbeschluss aus der Welt räumen, in den Köpfen vieler Menschen bleiben sie hängen. Das muss jetzt auch Tobias Corsten erfahren.

Bis zur Schließung des Heimes betreuten er und 40 Mitarbeiter 43 Kinder und Jugendliche aus teils problematischen Familienverhältnissen, die bis zur Wiedereröffnung des Heimes in verschiedenen anderen Einrichtungen untergebracht waren. Aber weil die Missbrauchsvorwürfe nun mal im Raum standen, kommen nicht alle ehemaligen Bewohner wieder ins Heim nach Hellenthal zurück. Nach Informationen unserer Zeitung haben die Jugendämter Düsseldorf, Moers, Trier und Essen sich zunächst geweigert, ehemalige Bewohner des Heimes wieder nach Hellenthal zurückzuschicken.

Wer sagt die Wahrheit?

Einige Eltern von aktuellen oder ehemaligen Bewohnern des Hellenthaler Heimes wittern darin eine Rache der Aufsichtsbehörde, des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), der die Schließung des Heimes durchgesetzt hatte, dann aber das Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Aachen gegen Corsten verlor. Diese Eltern haben den Verdacht, dass der LVR besagte und andere Jugendämter inoffiziell angewiesen habe, keine Jugendlichen mehr nach Hellenthal zu schicken.

Diesen Verdacht weist Dieter Göbel, Fachbereichsleiter Jugend beim LVR, weit von sich. Zwar habe er am Mittwoch ein Schreiben an alle betroffenen Jugendämter geschickt, in dem er seine Gründe für die damalige Schließung des Heimes in Hellenthal darlegt; doch „da die Betriebserlaubnis ja weiterhin besteht, werde ich den Jugendämtern keine Empfehlungen geben”. Schon deswegen nicht, weil der LVR Regressforderungen Corstens zu befürchten habe, sollte er auch den folgenden Prozess gegen den LVR gewinnen und das Gericht entscheiden, es habe weder psychischen noch physischen Missbrauch in Hellenthal gegeben.

Das Misstrauen der Jugendämter könnte für Corsten und das Heim in Hellenthal zu einem größeren, möglicherweise existenzbedrohenden Problem werden. Zwar sind im Moment Sommerferien und viele der Bewohner noch zu Hause, aber wenn die Ferien vorbei sind, könnte es sein, dass statt der ehemals 43 Kinder und Jugendlichen nur noch 30 von den Jugendämtern in Nordrhein-Westfalen zurück nach Hellenthal geschickt werden. Ob Tobias Corsten dann den Betrieb in Hellenthal wird aufrecht erhalten können, bleibt abzuwarten, sehr sicher wird er es nicht mit 40 Mitarbeitern tun können, die bis zum 12. Juli dort gearbeitet haben.

Wenn die Jugendämter Kinder trotz der bekanntgewordenen Missbrauchsvorwürfe zurück nach Hellenthal schicken, setzen sie sich natürlich selbst unter Druck, sagt Dieter Göbel. Tobias Corsten hingegen sagt, die allermeisten Eltern der ehemaligen Heimbewohnern drängten die Jugendämter dazu, ihre Kinder zurück nach Hellenthal zu schicken. In der Tat gibt es eine Elterninitiative, die vorgefertigte Schreiben unter den Eltern der ehemaligen Bewohner verbreitet, in dem den Jugendämtern gerichtliche Schritte für den Fall angedroht werden, dass sie sich weigern, ihre Kinder wieder nach Hellenthal zu überführen. Das Schreiben liegt unserer Zeitung vor.

Tobias Corsten sagte am Mittwoch auf Anfrage, der LVR habe ihm zur Auflage gemacht, vier Mitarbeiter solange nicht wieder im Hellenthaler Heim arbeiten zu lassen, bis die Aachener Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen wegen Körperverletzung abgeschlossen hat. Einer von den vier betroffenen Mitarbeitern ist Corsten selbst. Corsten sagt, dass er gegen diese Auflage notfalls gerichtlich vorgehen werde; er kann ein Fehlverhalten trotz der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht erkennen, sagte er am Mittwoch gegenüber unserer Zeitung. Entlassungen werde es im Moment deshalb nicht geben. Der LVR erklärte am Mittwoch hingegen, Corsten habe ihm schriftlich mitgeteilt, vier Mitarbeiter „aus betrieblichen Gründen” entlassen zu haben.

Wer sagt nun die Wahrheit?

Auch wenn der LVR den Jugendämtern nicht vorschreiben möchte, in welche Heime sie welche Kinder schicken oder eben gerade nicht, setzt er weiterhin alles daran, Corstens Heim die Betriebserlaubnis zu entziehen. Der LVR ist sicher, im sogenannten Hauptsacheverfahren, das dem gerade abgeschlossenen Eilverfahren folgen wird, das mutmaßliche Fehlverhalten von Corsten und seinen Mitarbeitern belegen zu können. Doch bis dahin kann es dauern: Der Sprecher des Aachener Verwaltungsgerichtes geht nicht davon aus, dass dieses Hauptsacheverfahren vor Frühjahr 2012 wird beginnen können.

Auch deswegen sind Tobias Corsten und seine Mitarbeiter nicht in Jubel ausgebrochen, gewonnener Prozess hin oder her. Corsten sagt, die Stimmung in der Belegschaft sei „wechselhaft. Niemand weiß genau, wies weitergeht”.
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