Düsseldorf - Keine Kahlschläge mehr im Nationalpark

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Keine Kahlschläge mehr im Nationalpark

Von: Marlon Gego
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„Im Nationalpark muss sich dringend etwas tun“: Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel. Foto: stock/Metodi Popov
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Sollte so der Nationalpark Eifel aussehen wie zum Beispiel hier in Pafferscheid? Umweltminister Johannes Remmel findet: nein. Foto: Archiv/Adrian

Düsseldorf. Pünktlich zur Geburtstagsfeier des Nationalparks Eifel am Wochenende (siehe Box) verkündet der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) eine große Überraschung. Nach gewaltiger öffentlicher Empörung über großflächige Kahlschläge im Schutzgebiet will Remmel nun einen Kurswechsel.

Und stellt erstmals öffentlich in Frage, ob der bisherige Weg, den Nationalpark schnellstmöglich in einen Buchenurwald umzubauen, richtig war.

Herr Remmel, Sie könnten sich am zehnten Geburtstag des Nationalpark Eifel am Wochenende in Schleiden-Gemünd entspannt feiern lassen, wenn es da nicht diese zwei ewigen Streitthemen gäbe. Werden Sie trotzdem in die Eifel fahren?

Remmel: Ich fahre sogar sehr gern hin. Zehn Jahre ist zwar ein Kindergeburtstag, aber trotzdem ein Geburtstag, und dann auch noch der unseres ersten Nationalparks in Nordrhein-Westfalen. Und wenn wir jetzt die Streitthemen mal beiseite lassen, dann ist der Nationalpark auch ein Erfolg, besonders für die Eifel und den Naturschutz in unserm Land.

Bei aller Freude müssen wir trotzdem über die Streitthemen sprechen: die großen Kahlschläge und die Jagd. Einverstanden?

Remmel: Natürlich, gern.

Als Landtagsabgeordneter haben Sie Ihren Vorgänger Eckhard Uhlenberg (CDU) scharf dafür kritisiert, dass er die 2007 geschlossenen und de facto nicht zu erfüllenden Holzlieferverträge nicht öffentlich gemacht hat. Heute, da Sie selbst Umweltminister sind, halten Sie diese Verträge weiterhin unter Verschluss. Warum?

Remmel: Ich halte die Verträge nicht unter Verschluss, sie sind für die Abgeordneten des Landtags einsehbar. Dritte dürften die Verträge nur dann einsehen, wenn unsere Vertragspartner sich damit einverstanden erklären würden.

Der Nationalpark ist in mindestens einem dieser Verträge explizit als Liefergebiet aufgelistet. Können Sie sich das erklären?

Remmel: Ich vermute, ohne es näher einzugrenzen, dass es darum ging, mögliche Transportkosten abzuschätzen, die von den jeweiligen Landesflächen aus zu erwarten waren, und man deswegen alle Liegenschaften des Landes, zu denen der Nationalpark zählt, erwähnt hat. Einen näheren Bezug zum Nationalpark kann ich in den Verträgen allerdings nicht erkennen.

Der Bezug ist, dass Holz aus dem Nationalpark an Ihre Vertragspartner geliefert wurde. Verstehen Sie vor diesem Hintergrund, dass manche Menschen Schwierigkeiten damit haben, Ihnen zu glauben, dass die großen Kahlschläge im Nationalpark weniger der Ökologie als vielmehr der Ökonomie geschuldet sind?

Remmel: Es ist nun aber nachweisbar, dass aus dem Nationalpark kein Holz an die Klausner-Gruppe geliefert worden ist . . .

. . . aber an zwei andere Sägewerke, mit denen das Land zur selben Zeit Lieferverträge geschlossen hat wie mit Klausner . . .

Remmel: . . . also gestatten Sie mir, dass ich das kurz erläutere, dann wird es klarer: Die Vermutung, dass überall dort, wo im Land Holz geschlagen wird, ob an den Straßenrändern, in den Wäldern oder eben im Nationalpark, das Holz an Klausner geht, ist einfach falsch, weil zur Zeit gar nicht an Klausner geliefert wird. Wir verhandeln, wie Sie wissen, mit Klausner derzeit vor Gericht. Aber klar ist trotzdem, dass durch diese Verträge bei der Bevölkerung eine große Verunsicherung entstanden ist, und das haben die zu verantworten, die diese Verträge abgeschlossen haben. Dieses emotionale Problem müssen wir versuchen, auf eine rationale Ebene zu bringen.

Und was bedeutet das für den Nationalpark Eifel?

Remmel: Von niemandem wird bestritten, dass das derzeitige Waldmanagement im Nationalpark dem Plan folgt, der seinerzeit von allen Beteiligten in der Region einvernehmlich verabschiedet worden war.

Nur hat natürlich kaum jemand ahnen können, dass dieses Management, wie Sie es nennen, kahlgeschlagene Flächen beinhaltet, die eher nach Kriegsgebiet als nach Wildnis aussehen.

Remmel: Man kann darüber streiten, ob die damalige Planung richtig war. Deshalb werden wir nach vielen Diskussionen und auch Irritationen innerhalb der Bevölkerung, die ich nachvollziehen kann, Konsequenzen ziehen. Es muss sich dringend etwas tun, das Waldmanagement wird sich verändern, so habe ich es in Auftrag gegeben. Ab 2015 werden diese Veränderungen in Kraft treten. Das Motto wird sein: mehr Wildnis wagen!

Das ist ja eine überraschende Wendung. Wie werden die Veränderungen aussehen?

Remmel: Ich könnte mir vorstellen, dass es auf dem Weg dorthin eine Art Bürgerbeteiligung geben wird. In jedem Fall wollen wir, dass die Ausweisung großflächiger Schutzgebiete vorangebracht wird. Bis 2020 sollen die nördlichen Teile des Nationalparks ausschließlich sich selbst überlassen werden. Die Planungen müssen wie üblich noch mit den Betroffenen abgestimmt werden.

Eigentlich war es ja fast ausschließlich der südliche Teil des Nationalparks, in dem Wald auf Flächen von bis zu acht Hektar kahlgeschlagen wurde, was so nicht einmal im Landesforstgesetz vorgesehen ist.

Remmel: Das stimmt. Kahlschläge von mehr als 0,3 Hektar Fläche wird es künftig nicht mehr geben. Ich wollte deutlich machen, dass die Absicht, Natur Natur sein zu lassen, auch den nördlichen Teil des Nationalparks betreffen wird. Ich möchte trotzdem noch einmal betonen, dass die erfolgten Einschläge wissenschaftlich begründet waren und in Einklang mit dem ursprünglichen Waldmanagementplan standen. Dass Einschläge in dieser Dimension in einem Nationalpark schwer vermittelbar sind, wissen wir jetzt, und deswegen ändern wir den Plan.

War der ursprüngliche Plan, für den Ihr Vorgänger Uhlenberg verantwortlich ist, eine politische Fehlentscheidung?

Remmel: Ich würde das nicht ausschließlich einem Minister oder einer Regierung anlasten. Die Pläne sind damals mit allen Beteiligten in der Region auch vor Ort abgestimmt gewesen. Es gab darüber keinen Disput. Nun bin ich nicht dazu befugt, im Nachhinein darüber zu urteilen, wie genau jeder Betroffene die Konsequenzen bedacht hat. Ich halte trotzdem noch einmal fest, dass diese Art, einen Nationalpark zu entwickeln, öffentlich schwer zu kommunizieren ist.

Fachlich ist diese Art inzwischen auch umstritten.

Remmel: Ja, so kann man es sagen. Es ist eben schwierig, in aller Kürze und durch menschliches Eingreifen einen Nationalpark hinzuzaubern, der innerhalb weniger Jahre so aussieht, wie alle Beteiligten es sich erhoffen. Uns muss klar sein, dass dieses Stadium, nämlich dass der Nationalpark wieder zum Buchenurwald wird, nicht innerhalb eines Menschenlebens herbeizuführen ist, sondern das wird wahrscheinlich 300 bis 400 Jahre dauern. Der Natur mehr Raum zu geben, das wird künftig Teil der Nationalpark-Philosophie sein.

Der Nationalparkleiter, Henning Walter, hat kürzlich erklärt, der Wildbestand in der Eifel befinde sich „auf einem historischen Höchststand“. Das Konzept „Jagd im Nationalpark“ ist also gescheitert, denn es zeigt sich, dass die Jagd dort keinen Einfluss auf den Wildbestand hat. Da die Jagd in Nationalparks ohnehin grundsätzlich verboten ist, kann man im Nationalpark Eifel mit dem Jagen aufhören, oder?

Remmel: Ich glaube, dass wir die Jagd nicht vollständig ruhen lassen können, denn der Nationalpark ist keine Insel. Um den Schutzzweck des Nationalparks zu erfüllen, wird der Nationalpark wahrscheinlich weiter bejagt werden müssen, aber ich sage auch: Wir überlassen das gern der zukünftigen politischen und fachlichen Diskussion.

Das heißt: Zunächst ändert sich nichts, es wird weiter gejagt.

Remmel: Ich würde nicht von Jagd sprechen, sondern von Wildtiermanagement. Grundsätzlich gilt das gleiche wie für das Waldmanagement, wir sind offen für Diskussionen. Sollten aber die Wildbestände so sehr wachsen, dass durch sie die Entwicklung des Waldes gefährdet wird, dann müssen wir einfach eingreifen, selbst in einem Nationalpark.

Die Jagd im Nationalpark zuzulassen, war damals eine Art Experiment. Könnte man nicht jetzt, nach zehn Jahren, einfach mal in die andere Richtung experimentieren und die Jagd zehn Jahre lang ruhen lassen? Man wird ja sehen, ob das zur dramatischen Erhöhung der Wildbestände führt.

Remmel: Das kann man gern fachlich diskutieren. Die Meinung, die derzeit vertreten wird, ist die, dass das Wild schon sehr genau weiß, wo der Schutz am größten ist und sich deswegen bevorzugt im Nationalpark aufhält, was aber dessen Schutzzweck gefährdet.

Diese beiden großen Diskussionen überdecken leider, dass im Nationalpark auch viel Gutes passiert ist. Das Wegenetz ist vorbildlich erschlossen, die Natur wunderschön, die Beschilderungen sind toll, die Angebote ausgezeichnet. Richtig?

Remmel: Da bin ich Ihrer Meinung, ich sehe mich als Botschafter des Nationalparks, jedenfalls in meinem Bekanntenkreis (lacht). Der Nationalpark zeigt in seiner Umgebung eine deutliche Wirkung, ob es die Nationalparktore sind oder die Entwicklung der Gastronomie. Und darüber hinaus haben wir mit den Angeboten für Menschen mit Behinderung einen Zweig erschlossen, der bei der Nationalparkgründung überhaupt nicht vorgesehen war. Das bestärkt mich in der Überzeugung, dass beim Nationalpark der Weg das Ziel ist.

Wenn wir uns in zehn Jahren zum 20. Geburtstag des Nationalparks treffen, welche Probleme werden wir dann erörtern müssen? Haben Sie heute schon eine Vorstellung?

Remmel: Der Nationalpark wäre dann volljährig, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass vor der Volljährigkeit die schwierige Phase der Pubertät kommt. Darf ich dem Nationalpark etwas wünschen?

Aber sicher.

Remmel: Ich wünsche dem Nationalpark eine weiterhin dynamische Entwicklung, den Beteiligten und Besuchern viele spannende Entdeckungen und außerdem einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester, also einen zweiten Nationalpark in NRW.

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