Keine Erinnerung an den tödlichen Stoß

Von: Wolfgang Schumacher
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Wollte sich in der Neuauflage des Prozesses nicht so richtig erinnern: Der Westbahnhof-Schubser, hier mit seinem Rechtsanwalt. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Inzwischen ist Diplom-Informatiker Thomas F. 35 Jahre alt. Der Mann aus Meschede im Sauerland sitzt nun seit mehr als eineinhalb Jahren in Haft, verurteilt Mitte 2008 vom Aachener Landgericht wegen Totschlags.

Am Morgen des 27. Dezember 2007 hatte er die Freundin seiner chinesischen Lebensgefährtin vom Bahnsteig des Aachener Westbahnhofs vor einen einfahrenden Regionalzug gestoßen. Motiv: Trennungsangst.

Am Mittwoch startete die Neuauflage des Verfahrens, weil die Bundesrichter in Karlsruhe das alte Urteil, zehneinhalb Jahre Haft wegen Totschlags, aufhoben. Geklärt werden muss nun, ob die Tat nicht doch ein heimtückischer Mord war.

Vor der 2. Aachener Schwurgerichtskammer (Vorsitz Richter Wolfgang Diewald) sagte Thomas F. mit langen Pausen des Nachdenkens bis zum Nachmittag über sein Leben mit der damals 32-jährigen Hung aus, jener vor allem vor seinen Eltern im Sauerland geheim gehaltenen Freundin.

Abwägend, in für Zuhörer ermüdender Langsamkeit, versuchte er sich zu erinnern. Warum nur hat er, als seine Hung ihn zum wiederholten Male verlassen wollte und mit der Unterstützung der Landsmännin zum nahen Bahnhof schlich, den verhängnisvollen Schritt von hinten auf die beiden zu getan. Und warum hat er die Freundin brutal is Gleisbett gestoßen?

Die Antworten des Informatikers, der zur Tatzeit seit fünf Jahren an seiner Doktorarbeit schrieb und gerade seinen Job als wissenschaftlicher Assistent an der RWTH verloren hatte, waren verhalten. Auf die Frage, was er denn noch wahrgenommen habe in dem Moment auf dem Bahnsteig, antwortet er ausweichend, zögernd, stets in den Tiefen seines Inneren suchend.

„Ich habe keine direkte Erinnerung an den Stoß”, sagte er dann leise. „Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund für meine Tat”. Nein, er habe die Freundin seiner Hung nicht als Gefahr gesehen für die Beziehung. Er hing immer noch an einer alten, bereits beendeten Liebe in Hamm.

Doch die Chinesin, die in Deutschland E-Technik zu Ende studiert hatte , musste befürchten, im Februar 2008 ausgewiesen zu werden - ihr Visum lief ab. Da helfe doch schlicht eine Heirat, meinte der Vorsitzende Diewald. Ob das Paar nicht darüber gesprochen habe. Sie schon, noch am letzten Tag in Anwesenheit des späteren Opfers. Längst hatte sie ihre Heiratsunterlagen aus China zusammen. Doch der Wissenschaftler handelte in dieser Angelegenheit nicht.

Und da war die Sache mit dem Sex. Etwa zwei Stunden verwandte das Gericht darauf, die Grundlagen einer intimen Paarbeziehung zu ergründen, bei der „das Letzte”, wie es der Richter umschrieb, grundsätzlich ausgeschlossen war. Ein Widerspruch, den der 35-Jährige nicht erklären konnte.

Wie im ersten Verfahren ist der Witwer der Getöteten als Nebenkläger von weit her angereist. Aufmerksam verfolgt der Chinese das Verfahren, ein Dolmetscher übersetzt leise und schnell. seine Miene ist unbewegt, die Familie hatte alles für die Ausbildung von Hung in Deutschland gegeben. Der Prozess geht am Montag weiter.
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