Kämpfen lernen, um nicht mehr zu kämpfen

Von: Bernd Schneiders
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Coolness-Test: Die Kursteilneh
Coolness-Test: Die Kursteilnehmer werden körperlichen und verbalen Provokationen ausgesetzt. Foto: Schneiders

Aachen. München, Hamburg, Berlin oder eben auch Aachen: Brutale Überfälle, Prügel-Orgien, bei denen die Opfer schwer, lebensgefährlich verletzt oder gar getötet werden. Gewalt hat es immer gegeben, professionelle Beobachter aber stellen fest, dass immer häufiger ohne jede Hemmschwelle zugetreten und -geschlagen wird.

Selbst, wenn das Opfer bereits wehr- oder besinnungslos auf dem Boden liegt. Die Mechanismen anschließend sind die üblichen: Die öffentliche Empörung ist ebenso groß wie der Ruf nach härteren Strafen. Und ebbt genauso schnell wieder ab. Zurück bleiben die Opfer - und eben auch die Täter. Bis zum nächsten Gewaltausbruch.

Es gibt Organisationen, die sich um die Opfer kümmern. Da Wegsperren nur vordergründig eine Lösung ist, gibt es auch Experten, die sich um die Täter kümmern. Denn Prophylaxe muss eben bei ihnen ansetzen, um zu verhindern, dass es zu immer neuen Straftaten mit immer neuen Opfern kommt.

Auf den ersten Blick wirkt es da wie ein Schock, wenn einer dieser Experten Kampfsport als „eine hervorragende Möglichkeit” ansieht, der Gewalt im wahrsten Sinne des Wortes Herr zu werden. Für den Täter wohlgemerkt, nicht für das Opfer. „Kampfsport hat viel mit Katharsis, auspowern, Disziplin und Regeln zu tun”, sagt Siegfried Schölzel, Leiter des Pädagogischen Trainingszentrums (PTZ) in Aachen. Oder, wie Frederick Jungheim, Trainer der Kampfsportkunst Tai-kien, es ausdrückt: „Kämpfen lernen, um nicht mehr zu kämpfen.”

Der Kampfsport ist eingebettet in ein Bündel von Ansätzen, die verhindern sollen, dass die jugendlichen Gewalttäter wieder zuschlagen oder -treten. „Der heiße Stuhl”, Coolness-Training sind weitere Methoden bei der Arbeit am Täter mit dem einzigen Ziel, beim nächsten Mal die Faust in der Tasche zu halten. Anti-Gewalttraining - aber auf die harte Art. Nicht nur Siegfried Hölzel ist davon überzeugt, dass mit „Verständnispädagogik” nicht erfolgreich gerarbeitet werden kann. „Es darf nicht darum gehen, Taten weichzuspülen.” Den Tätern sollen die Rechtfertigungsstrategien entrissen werden, etwa auf dem heißen Stuhl, auf dem sie von den anderen Teilnehmern der Therapiegruppe knallhart und schonungslos mit ihren Gewaltexzessen konfrontiert werden. Den Straftätern sollen Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, sich anders zu verhalten. „Der beste Opferschutz ist, mit den Tätern zu arbeiten”, sagt der Heilpädagoge.

Das macht auch Frederick Jungheim. Und das mit den ganz harten Jungs. Die Vermittlung von Respekt, Disziplin, Techniken und körperlicher Fitness soll dazu befähigen, den größten Kampf zu gewinnen, den Kampf gegen sich selbst. Die Befriedigung, nicht zugeschlagen zu haben, cool geblieben zu sein, wohlwissend, dass man es hätte tun können, ist der Lohn.

Die Arbeit der Pädagogen ist erfolgreich, nur 30 Prozent der Teilnehmer werden rückfällig, sagt Siegfried Schölzel. Ein Problem ist die Finanzierung. Selbst wenn die Jugendrichter ein Anti-Gewalttraining anordnen, fehlen häufig die Mittel zur Finanzierung. Das PTZ muss häufig Sponsoren finden, wie etwa den Aachener Verein „Herzkönige”. Dabei könnten die Jugendrichter die Finanzierung etwa durch Bußgelder sichern

Frederick Jungheim aber muss noch einen weiteren Kampf austragen. Den mit dem teilweise schlechten Ruf von Kampfsportschulen. Die positiven Effekte dieses Sports sind abhängig von der menschlich-fachlichen Qualität der Trainer. Das reine Vermitteln von Kampftechniken ohne pädagogisch-geistigen Überbau ist gewaltfördernd. „Ein gut ausgebildeter Kampfsportler, und dazu zähle ich auch die charakterliche Ausbildung durch unseren Sport, hat viel eher die Selbstkontrolle, einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Weil er sie als Anerkennungs-Plattform gar nicht nötig hat”, sagt Jungheim. „Ich wehre mich deshalb gegen Verallgemeinerungen: Wenn jemand für ein Paar Wochen oder Monate Kampfsport gemacht hat, ist er kein echter Kampfsportler, aber denunziert durch sein Verhalten alle wahren Kampfsportler, die sich nichts zu schulden kommen lassen.”
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