JVA: Einsam wacht der noch verbliebene Pförtner

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Die Aachener Justizvollzugsanstalt aus der Vogelperspektive: Am Donnerstagabend brachen dort zwei Schwerverbrecher aus. Unten links im Bild ist das Polizeipräsidium zu sehen. Foto: AVIA-Luftbild Martin Jochum

Aachen. Weil der dringende Verdacht besteht, dass er den beiden Schwerverbrechern Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski am Donnerstagabend in der JVA Aachen zur Flucht verholfen hat, ist der Pförtner der Anstalt tags darauf festgenommen worden.

Doch von einem Pförtner sollte in einer Justizvollzugsanstalt vom Kaliber des Aachener Gefängnisses eigentlich nicht die Rede sein - sondern von zweien.

Bis vor ein paar Jahren war das in Aachen nach AZ-Informationen auch so, und zwar rund um die Uhr. Doch dieser Tage werde der zweite Mann am Eingang in der Regel eingespart - vor allem abends und nachts, wenn es keinen Liefer- oder sonstigen Fahrzeugverkehr mehr gibt. Aus Personalmangel.

Motorisierte Streife abgezogen

Gleiches gilt demnach für die Fahrzeugstreife, die 24 Stunden am Tag an der 1,2 Kilometer langen Außenmauer der Anstalt entlangfährt. Oder besser gesagt: fahren soll.

Denn auch dieser JVA-Bedienstete werde mitunter schon einmal abgezogen. Dann kontrolliert niemand die Sicherheit an der sechs Meter hohen Mauer. Aus Personalmangel.

Und auch die Sportangebote sollen hinter Gittern häufiger mal ausfallen, weil nicht genug Personal dafür da ist - was dem vorhandenen Personal das Leben nicht leichter macht. Schließlich ist der Sport für Gefangene auch ein wichtiges Ventil, um Aggressionen abzubauen.

Dass Löcher in der Personaldecke der Aachener JVA den beiden Schwerverbrechern die Flucht ermöglicht haben könnten - diesen Verdacht hat die Anstaltsleiterin Reina Blikslager am Freitag auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter und Aachens Polizeipräsident Klaus Oelze weit von sich gewiesen.

41 Vollzugsbeamte seien in der Schicht im Dienst gewesen, als erstmals ein Ausbruch aus der JVA in der Aachener Soers gelang. Lediglich ein Beamter habe gefehlt, der jedoch - so Blikslager - in einem ganz anderen Bereich hätte arbeiten sollen.

41 Beamte für mehr als 800 Häftlinge, darunter eine hohe Zahl von Schwerverbrechern: Wer das Innere der JVA kennt, ordnet diese Zahl anders ein - enthält sie doch nach AZ-Informationen in der Regel auch sieben bis acht Anwärter auf den Vollzugsdienst, manche reden dabei auch von „Praktikanten”.

Die übrigen Beamten verteilen sich auf die fünf Hafthäuser mit je sieben Abteilungen, in denen zwischen 20 und 22 Häftlinge einsitzen. Das würde bedeuten, dass knapp ein JVA-Beamter für eine Abteilung zuständig ist.

Da jedoch auch noch Kollegen anderswo Dienst tun müssen - zum Beispiel an der Pforte und an der Außenmauer - sieht die Realität anders aus. Es gebe oft Situationen, so heißt es, in denen sich ein Beamter um über 40 Häftlinge kümmern müsse.

Vor dem Hintergrund dieser Zustände in der Aachener JVA gibt es Betroffene, die sagen, „dass es nur eine Frage der Zeit war, bis so etwas passieren musste”.

Ähnlich hat sich nach dem Ausbruch Klaus Jäkel, Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten in NRW, geäußert: Mit den Worten „Aachen ist ein Pulverfass” habe er die Ministerin schon vor Monaten vor der misslichen Lage gewarnt.

Videobilder als Beweis?

Wäre der Ausbruch vermieden worden, wenn zwei JVA-Beamte an der Pforte gesessen hätten? Zumindest wäre er wohl schwieriger geworden. Es gibt auch Leute, die glauben, das Ganze wäre dann nicht passiert.

Die meinen, mit zwei Vollzugsbeamten hätten die Ausbrecher nicht so leicht gemeinsame Sache machen können. Denn das ist es, was dem festgenommenen Pförtner vorgeworfen wird: „Gefangenenbefreiung.”

Gegen den 40-Jährigen, der seit der Eröffnung der JVA 1994 in der Aachener Soers tätig war, ist Haftbefehl erlassen worden. Er sitzt außerhalb von NRW in Untersuchungshaft und soll sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert haben, die offenbar durch Aufzeichnungen der Videokameras untermauert werden: Demnach soll er den Ausbrechern auch die Waffen ausgehändigt haben, die normalerweise von der Munition getrennt in Tresoren lagern.

Warum der dreifache Familienvater, der in Geilenkirchen kürzlich ein Haus erworben haben soll, das möglicherweise tat? Wurde er bestochen? Oder erpresst? Oder gibt es sogar weitere Mittäter?

Schließlich mussten Heckhoff und Michalski mindestens fünf Türen passieren, ehe sie von ihrem Hafthaus 1 in den Einflussbereich des Pförtners gelangten. Der soll übrigens auch in Hafthaus 1 Dienst getan haben.

Hat er ihnen möglicherweise die Türen geöffnet, als er selber zur Pforte ging, um dort einen Kollegen abzulösen? All diese Fragen dürften derzeit die Ermittler beschäftigen.

Und wohl auch das Justizministerium und die Aachener Anstaltsleitung. Gegen letztere werden auch noch andere Vorwürfe laut, die den am Sonntag gefassten Ausbrecher Heckhoff betreffen.

Der seit den 80er Jahren unter anderem wegen versuchten Mordes und Geiselnahmen einsitzende 50-Jährige war 2008 aus Köln nach Aachen verlegt worden.

In Köln habe er bereits einige Hafterleichterungen erfahren - etwa bewachte Ausführungen zu Verwandten, heißt es. In Aachen aber, so der Vorwurf, habe man ihm jegliche Perspektive genommen.

Heckhoff soll sich in dieser Sache zuletzt sogar an den Ombudsmann für den Strafvollzug in NRW gewandt haben. Denn in Aachen seien ihm diese Ausführungen verweigert worden - nach AZ-Informationen aus Personalmangel.
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