Aachen - Juli-Krise 1914 in der Region: Das abrupte Ende eines leichten Sommers

Juli-Krise 1914 in der Region: Das abrupte Ende eines leichten Sommers

Von: Guido Jansen, Udo Kals und Ulrich Schirbach
Letzte Aktualisierung:
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Extra-Blatt zur Mobilmachung: Diese Titelseite vom 1. August 1914 ist derzeit in der Ausstellung „Schock – Angst – Euphorie“ im RWTH-Hauptgebäude in Aachen zu sehen. Foto: Michael Jaspers
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Eindrücke des Kriegsalltags: Studenten um den Aachener Historiker Rüdiger Haude haben die Schau „Schock – Angst – Euphorie“ konzipiert, die derzeit im RWTH-Hauptgebäude zu sehen ist. Foto: S. Rauh (3), M. Jaspers
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Eindrücke des Kriegsalltags: Studenten um den Aachener Historiker Rüdiger Haude haben die Schau „Schock – Angst – Euphorie“ konzipiert, die derzeit im RWTH-Hauptgebäude zu sehen ist. Foto: S. Rauh (3), M. Jaspers

Aachen. Es ist nachmittags, gegen 17 Uhr, als an diesem Samstag in Alsdorf auch die letzten Hoffnungen auf eine Fortsetzung des so wunderbaren Sommers im Frieden sterben. Am 1. August 1914 sind es die Polizisten, die auf Fahrrädern durch die Straßen radeln und des Kaisers Befehl verkünden: Mobilmachung!

Die großen – und vielfach auch letzten – Stunden der Hurra-Patrioten brechen an.

Als die Menschen am Sonntagmorgen zur Kirche gehen, sind die überall angeklebten roten Plakate mit der Bekanntmachung bald dicht umringt, berichtet der Zeitzeuge Albert Kraemer in „Alsdorf. Geschichte einer Stadt“. Sofort werden Reservisten, Landwehr- und sturm zu den Waffen gerufen. „Jeder gediente Mann hatte sich Ort und Stunde seines Gestellungstages herauszusuchen“, schreibt Kraemer. Mit wehenden Fahnen und Musik ziehen die Menschen durch die Straßen. „Immer wieder erschollen die Vaterlandslieder“, vor allem „Die Wacht am Rhein“.

Auch in Düren, Heinsberg oder Jülich sind die Lieder zu hören, natürlich ebenso in Aachen. Der dortige Pfarrer Walther Wolff notiert etwa: „Da! Mobil! Endlich! Es ist ein Aufatmen, wie ein neues, ganz tiefgreifendes Atemholen. Alles sieht anders aus. Nun ist die Pflicht da, die große Stunde.“ Die Begeisterung scheint an diesem Tag bei Jung und Alt kein Ende zu finden, schreibt Kraemer. Zumindest nicht an diesem 1. August.

Heute vor 100 Jahren ist der Stellungskrieg mit dem millionenfachen Morden auf den Schlachtfeldern Belgiens und Frankreichs noch weit entfernt. Obwohl das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in den nächsten Tagen die Titelseiten der Aachener Zeitungen beherrscht, nehmen die Anzeigen zum bevorstehenden Sommerschlussverkauf – damals noch Saison-Räumungs-Verkauf genannt – mehr Platz ein. Und Krieg? Die Menschen haben in den vergangenen Jahren so viele Krisen kommen und gehen sehen; mit Krieg rechnet Anfang Juli niemand. Auch die Aachener Radfahrer-Union nicht, deren 29. Kongress vom 4. bis 8. August 1914 mit einer fünftägigen Parisreise gekrönt werden soll. Frankreich, der Erbfeind? Ach was. Mit Leichtigkeit und viel Amüsement schwingt sich die Stadt durch den heißen Sommer: im Waldschlösschen gibt‘s ein Konzert, das Bavaria-Kino am Elisenbrunnen zeigt „Der Mann im Keller“, im Eden-Theater gastiert die Wiener Operette, gegeben wird „Hoheit tanzt Walzer“.

Dass bald die Marschmusik den Takt bestimmen könnte, schwant den Menschen erst Ende Juli. „Man spürte, es wurde ernst. Mit einemmal wehte ein kalter Wind von Angst über den Strand und fegte ihn leer“, schreibt Stefan Zweig über seinen Aufenthalt in der Sommerfrische an der belgischen Küste. Er bricht den Urlaub kurzerhand ab. Mit dem letzten Ostende-Express verlässt er das kleine Seebad Le Coq, um am damals ersten deutschen Bahnhof in Herbesthal festzustellen: „Kein Zweifel, das Ungeheuerliche war im Gang.“ Der deutsche Einbruch in Belgien stand bevor.

Der von Zweig beschriebene Temperatursturz – ob metaphorisch oder meteorologisch – erreichte auch Aachen. Das Thermometer sackte am 28. Juli auf 15,4 Grad – just an dem Tag, als der erste patriotische Umzug durch Aachen zog. „Gegen ½ 12 formierte sich ein Zug zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, an dem wohl mehrere Tausend Personen teilnahmen. Von dort ging es unter Vorantragen einer Fahne zum Rathaus, zur Kaserne I und II, zum Kriegerdenkmal und zum italienischen Konsulat. Überall wurden patriotische Ansprachen gehalten und Lieder gesungen“, berichtet die Zeitung „Echo der Gegenwart“.

„Zwar sind die Angaben, dass sich Tausende daran beteiligt hätten, stark übertrieben“, sagt der Aachener Historiker Markus Maaßen, dessen Buch „Aachen im Juli und August 1914“ in wenigen Tagen erscheint. Doch wie in anderen Städten werden auch in Aachen die Konventionen der starren preußischen Gesellschaft durchbrochen. Bemerkenswert. Es folgen nächtliche Umtriebe, die auch den Polizeipräsidenten auf den Plan rufen. Die Studenten sind – sehr zum Wohlwollen des TH-Rektors Adolf Wallichs – ein wichtiger Teil der Kriegsbegeisterung in Aachen, auch wenn so mancher Bürger über die „mangelhafte Ernsthaftigkeit und Würde“ des „karnevalesken Treibens“ die Nase rümpft.

„Die Mobilmachung wird von vielen als Befreiung empfunden gegenüber der vorhergehenden Ungewissheit“, sagt der Aachener RWTH-Historiker Rüdiger Haude. Zudem wird der Waffengang in weiten Teilen als Verteidigungskrieg angesehen. Die Propaganda wirkt. Der Burgfrieden an der Heimatfront steht. „Man drückt uns das Schwert in die Hand“, sagt Kaiser Wilhelm II.: „Neider überall zwingen uns zur gerechten Verteidigung.“ Doch eine allgemeine Kriegseuphorie, ein alle Bevölkerungsschichten vereinendes August-Erlebnis, das gibt es dann doch nicht, sagt Haude.

Kriegsbegeisterung ist auch für Jülich und andere Städte das falsche Wort für die Stimmung am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Zu hören sind die Parolen derer, die sich am Glauben an die deutsche Überlegenheit in die Schlacht stürzen wollen. Die, die Angst und Zweifel haben, verstummen, handeln stattdessen leise. Anti-Kriegsdemonstrationen wie in Berlin gibt es in der Provinz nicht. „Zwiespältig und zerrissen waren die Gefühle der Deutschen, widersprüchlich, oft sprunghaft und zuweilen unberechenbar“, schreibt der Hamburger Historiker Tillmann Bendikowski.

Vor allem auf dem Land bei den Bauern ist bereits 1914 nach Kriegsbeginn von einer breiten Kriegseuphorie wenig zu spüren. Es überwiegen schnell die Sorgen, wer die Ernte einfahren soll, wie die tägliche Arbeit auf den Höfen erledigt werden soll, sagt Josef Mangold, Leiter des LVR-Freilichtmuseums Kommern: „Das waren für viele Menschen etwa in der Eifel oder im Heinsberger Land die zentralen Fragen, nicht die Weltpolitik.“ Und als Frontstadt, sagt Andreas Düspohl, Leiter des Internationalen Zeitungsmuseums, erfahren die Aachener schon früh die Folgen des Krieges. Aachen ist Garnisonsstadt und als strategisch wichtiger Posten über Wochen ein Heerlager für die später nach Belgien marschierenden Truppen. Zudem rollen die ersten Züge mit Verwundeten über Aachen ins Deutsche Reich, schon bald werden Lazarette im Quellenhof oder im Aachener Westpark eingerichtet.

Der Waffengang „wurde als eine vaterländische Verpflichtung angesehen in einer Gesellschaft, die auch im Rheinland durch den preußischen Militarismus geprägt war“, sagt Maaßen. „Aachen spielte auch als Hochburg des politischen Katholizismus keine Sonderrolle. Auch hier gab es vor allem im Bürgertum und unter Studenten diese irrationale Begeisterungswelle, die die Vernunft besiegte.“ Zumal die Soldaten fast schon in einer romantischen Verklärung des deutsch-französischen Krieges 1870/71 oder eher: in einer unfassbaren Naivität in den Krieg zogen. „Bis Weihnachten sind wir wieder zurück – das war nicht nur eine Parole. Vielmehr glaubten viele Soldaten noch an die Erzählungen der Veteranen von Weib, Wein und Gesang in Frankreich. Ein Trugschluss, der die technologischen Weiterentwicklungen der Waffentechnik ignorierte. Es war ein völlig anders geführter Krieg, wie sich in den Schützengräben bald zeigen sollte“, sagt Maaßen.

Millowitsch und Mobilmachung

Die Schlachten rücken näher, die Juli-Krise wird immer heißer. Während Demonstrationen ein großstädtisches Phänomen bleiben, setzen Hamsterkäufe allerorten ein, ebenfalls der Sturm auf die Sparkassen, um das Ersparte in Sicherheit zu bringen, und die Flucht in Goldwährung. Krisenstimmung. Kriegsahnung. Die Aufrufe zu Ruhe und Besonnenheit verfangen nicht groß. Im Gegensatz dazu steigern sich die von der Propaganda verbreiteten Gerüchte über ausländische Spione gar zu einer Hysterie. Die „Spionitis“ ist in aller Munde – wie etwa in Alsdorf, wo sich laut Zeitzeuge Kraemer hartnäckig das Gerede von Geldtransporten in Autos hält, die von Frankreich nach Russland unterwegs sind. Mit Ketten und Stricken werden die Straßen gesperrt. Gefasst wird kein Spion, gestärkt jedoch das Gefühl, einen Verteidigungskrieg gegen äußere Feinde zu führen.

In den Juli-Wochen 1914 ändert sich das Leben auch in Jülich. „Jülich wimmelte bald von eingezogenen Soldaten – die Unteroffiziersschule und Vorschule wurden geräumt und mit neuem Militär belegt“, schreibt der Jülicher Bäcker Clemens Bedbur am 1. August in sein Tagebuch. Im Aachener Eden steht am 1. August 1914 das Millowitsch-Theater um Viertel nach acht mit der Gesangsposse „Der Liebesonkel“ auf dem Spielplan, Grillparzers „Medea“ wird um sieben Uhr auf der Freilichtbühne auf dem Lousberg gegeben – zuvor wird die Mobilmachung verkündet. Die Welt von gestern verschwindet am Horizont.

Zwei Wochen später rollt für Clemens Bedbur der Zug in Richtung Front. „Die Brücken, Eisenbahn-Tunnels wurden von einberufenen Landsturmmännern bewacht, alle Auto- und Motorradfahrer wurden angehalten und durchsucht und bei Gegenwehr verprügelt“, schreibt er. Der Bäcker ist kein Kriegsbegeisterter, wird aber mitgerissen. „Diese traurige Stunde werde ich nie vergessen“, notiert er. Er ist am 4. August schon eingezogen worden. Er bekommt ein Gewehr und muss Wehrübungen machen. Unter anderem einen Marsch in voller Ausrüstung. „… es war furchtbar heiß und wir in den neuen Uniformen sind bald gestorben. Viele machten schlapp – wie soll das noch alles anders werden?“

Die Radfahrer-Union sagt ihre Paris-Reise ab.

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