Aachen/Hellenthal - Jugendheim in Hellenthal: Staatsanwaltschaft ermittelt

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Jugendheim in Hellenthal: Staatsanwaltschaft ermittelt

Von: Marlon Gego und Claudia Schweda
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Das ist das Jugendheim in Hell
Das ist das Jugendheim in Hellenthal, das am Dienstag von der Aufsichtsbehörde geschlossen wurde. Sind hier wirklich Jugendliche systematisch misshandelt worden? Betreuer und Verwandte von Heimbewohnern glauben das nicht. Foto: Hilgers

Aachen/Hellenthal. Zwei Tage nach der Schließung der Hellenthaler Jugendhilfeeinrichtung ist die Situation nicht mehr gar so eindeutig, wie sie am Mittwoch noch zu sein schien.

Aufgrund der Berichterstattung in unserer Zeitung hat die Aachener Staatsanwaltschaft wegen des Missbrauchsverdachts in einer Jugendhilfeeinrichtung in Hellenthal am Freitagmorgen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Wie Staatsanwalt Jost Schützeberg mitteilte, richteten sich die Ermittlungen wegen Körperverletzung im Moment noch gegen keine bestimmte Person. Die Aufsichtsbehörde der Hellenthaler Einrichtung, der Landschaftsverband Rheinland (LVR), hatte angekündigt, Teile des Heimpersonals anzeigen zu wollen; bis Freitag lag der Aachener Staatsanwaltschaft eine solche Anzeige aber nicht vor.

Unterdessen gab der Landschaftsverband Rheinland bekannt, es habe ein regelrechtes Strafsystem in dem Haus „Corsten Jugendhilfe GmbH” in Hellenthal-Reifferscheid gegeben. Dabei seien Jugendliche tagelang isoliert worden.

Wer in dem Haus nicht gespurt habe, soll bis zu fünf Tage und manchmal auch mehr von den anderen isoliert und nur mit dem Notwendigsten versorgt worden sein. Diese Strafe sei hausintern „AOK - alles ohne Komfort” genannt worden, sagte ein LVR-Sprecher. Eine frühere Mitarbeiterin, die den LVR informierte, habe sich auf die Schilderungen von Mitarbeitern und Jugendlichen berufen. Die Frau habe eine eidesstattliche Versicherung abgegeben.

Daneben sollen Mitarbeiter die Jugendlichen unter anderem provoziert und geschlagen haben. Nach Angaben der Aufsicht war das Haus überbelegt und Mitarbeiter waren nicht qualifiziert. Im Haus lebten 45 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 18 Jahren aus schwierigen Familienverhältnissen. Nach der Schließung wurde ein Großteil der Jugendlichen zu ihren Eltern gebracht. Die übrigen kamen in andere Einrichtungen.

Das Jugendamt des LVR hatte nach Hinweisen „einer glaubwürdigen Person aus dem Umfeld der Einrichtung”, einer unangekündigten Inspektion und der Befragung von 18 Jugendlichen Heimbewohnern die Einrichtung wegen des Verdachts systematischer Übergriffe von Personal auf die Jugendlichen geschlossen. Dem Betreiber des Heims, dem Mönchengladbacher Pädagogen und Unternehmer Tobias Corsten, wurde die Betriebserlaubnis entzogen.

„Ein Alptraum”

Am Donnerstag nun kritisierten in der Einrichtung beschäftigte Betreuer und Verwandte von dort lebenden Jugendlichen im Gespräch mit unserer Zeitung die Entscheidung des LVR. Klaus Pietsch aus Herzogenrath etwa ist der Onkel eines 15-Jährigen, der bis Dienstag in dem Haus der Corsten-Jugendhilfe in Hellenthal lebte. Er kann die geäußerten Vorwürfe in dieser Form nicht nachvollziehen. „Ich will nicht komplett ausschließen, dass dort etwas vorgefallen ist”, sagte Pietsch am Freitag. Doch vor etwa zwei Monaten habe ein „etwas diktatorisch arbeitender Erziehungsleiter” das Haus verlassen.

Seitdem hätten die Erzieher und Gruppenleiter befreit gewirkt. Unbenommen davon habe sein Neffe nie von Übergriffen durch die Betreuer berichtet. Im Gegenteil, betont Pietsch: „Man hat sich dort intensivst um meinen Neffen gekümmert.” Er habe sich dort sehr positiv entwickelt und trotz der Hyperaktivitätsstörung ADHS den Weg aufs Gymnasium geschafft. „Der Junge war dort perfekt aufgehoben.”

Ähnlich äußerten sich Marlene und Ralf Unger aus Aachen, deren Sohn einstmals als „nicht beschulbar” galt. In Hellenthal sei er zu einem „akzeptierten Mitglied der Gesellschaft” gereift. Die Schließung der Einrichtung bezeichneten sie als „einen Alptraum”.

Einer der in Hellenthal angestellten Betreuer sagte Freitag, solche Eindrücke stünden stellvertretend für die meisten anderen Eltern. Er bezeichnete die Recherche des LVR vor der Schließung des Hauses als „vollkommen unprofessionell”, die Befragung der 18 Jugendlichen sei „stark suggestiv gewesen”. Der Betreuer erklärte, vielen der Jugendlichen seien im Heim „zum ersten Mal in ihrem Leben Grenzen gesetzt worden”, was für ihre Entwicklung unerlässlich sei.

Die Jugendlichen täten sich in der Regel dennoch schwer damit, dies zu akzeptieren. Eine Befragung wie die des LVR am Dienstag böte nun einigen Jugendlichen Gelegenheit, eine Art Rache an den Betreuern zu nehmen, um sich für das Setzen von Grenzen zu revanchieren. Ohne zu ahnen, was die Konsequenz dieser Revanche sein würde.

Ein Beleg dafür, dass die Jugendlichen sich in der Einrichtung fast ausnahmslos wohlgefühlt hätten, sei die Reaktion nach der Schließung gewesen: „Die meisten haben geweint, einige sind weggelaufen, die anderen sind völlig ausgerastet”, sagte der Betreuer. So sehr, dass am Dienstagnachmittag die Polizei habe gerufen werden müssen. „Wenn wir nicht eingeschritten wären, wäre die Situation eskaliert”, sagte der Betreuer.

Der LVR hingegen bleibt bei seiner Sicht der Dinge. In dem Heim hätten Betreuer Jugendliche mit dem Ziel unter Druck gesetzt, einen Gewaltausbruch zu provozieren, um eine Rechtfertigung dafür zu bekommen, die betroffenen Jugendlichen „über einen Zeitraum zu fixieren, der außerhalb jedes Toleranzbereiches” liege. Das sei aber nur eine von verschiedenen Demütigungspraktiken gewesen, sagte LVR-Sprecher Till Döring am Freitag.

Überdies habe der Betreiber der Einrichtung, Tobias Corsten, gegenüber Medien erklärt, das Erzeugen von psychischem und physischem Druck gehöre zu seinem pädagogischen Konzept. Dies allein sei Grund genug, „die Einrichtung umgehend zu schließen”. Der LVR plane, Strafanzeigen gegen Mitarbeiter und Leitung des Heimes zu erstatten. Nach Recherchen unserer Zeitung hatte eine ehemalige Praktikantin den LVR über angeblich unhaltbare Zustände in dem Heim informiert.
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