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Jülicher Sportplatz-Überfall: Haftstrafen für drei Schläger

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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Acht Angeklagte, sieben Verurteilungen: Wegen des Sportplatzüberfalls in Jülich am 6. November müssen drei türkischstämmige Männer ins Gefängnis, vier erhalten Bewährungsstrafen. Ein weiterer Angeklagter wurde freigesprochen. Foto: dpa
Sportplatz-Überfall Welldorf-Güsten Jülich Gericht Urteil
Mit dem Urteil bleibt das Gericht unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, die für wenigstens fünf Haftstrafen plädiert hatte. Foto: Guido Jansen
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Die Angreifer sollen auch am Boden liegende Opfer getreten und geschlagen haben, auch mit Baseballschläger und Schlagring. Foto: JZ/JN

Aachen/Jülich. Normalerweise dauert es höchstens so lange wie ein Fußballspiel, wenn ein Richter sein Urteil begründet. Dass Norbert Gatzke, der vorsitzende Richter der 4. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht, sich am Freitag zweieinhalb Stunden Zeit ließ, zeigte, wie wenig normal dieser Fall war, der als Sportplatzüberfall von Jülich-Güsten seit der Tat am 6. November für viele Schlagzeilen gesorgt hat.

„Das war ein nicht alltäglicher Fall, dieser Ausbruch von Gewalt und Brutalität“, sagte Gatzke, bevor er verkündete, dass drei der acht türkischstämmigen Männer aus Düren und Umgebung ins Gefängnis müssen, vier eine Bewährungsstrafe erhalten und einer freigesprochen wird. „Das war eine erhebliche Störung des Rechtsfriedens“, sagte Gatzke über die Tragweite.

Die höchste Strafe von drei Jahren und drei Monaten Haft verhängte das Gericht für Abdurrahman O. (27), Ismail B. (35) soll für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis, Erol S. (31) für zwei Jahre und drei Monate. Aziz O. (42), Dervis O. (21), Ibrahim K. (23) und Zyacan T. (24) erhielten Bewährungsstrafen. Damit wählte die 4. Große Strafkammer einen Mittelweg zwischen den drastischeren Strafen, die die Staatsanwaltschaft gefordert hatte, und den Anträgen der Verteidiger.

In allen Fällen sah das Gericht den Vorwurf der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung als erwiesen an. Sie hatten, teilweise mit Baseballschlägern bewaffnet, mit 17 anderen Männern den Güstener Sportplatz beim Fußballspiel zwischen Grün-Weiß Welldorf-Güsten und den Sportfreunden Düren gestürmt und gezielt Spieler libanesischer Abstammung beider Mannschaften angegriffen. Es sollte ein Racheakt sein für eine Schlägerei auf der Bundesstraße 56 zwischen Düren und Jülich zwei Tage zuvor. Neun Personen waren bei diesem Angriff teils schwer verletzt worden. „Sie haben diesen Überfall vor den Augen Unbeteiligter begangen, um Selbstjustiz zu üben“, führte Gatzke aus. Sebastian S. (23) sprach das Gericht frei, weil die Verhandlung gezeigt hatte, dass er auf dem Sportplatz nicht dabei war.

Den zu Haftstrafen verurteilten Männern wurden ihre Vorstrafen zum Verhängnis. Ismail B. und Abdurrahman O. verbüßten zum Zeitpunkt des Überfalls noch Bewährungsstrafen wegen gefährlicher Körperverletzung. „Ihre jüngste Verteilung war erst fünf Monate her. Da fasst man sich doch an den Kopf, dass Sie mit zum Sportplatz gefahren sind“, sagte Gatzke in Richtung von Ismail B.. Die Tatsache, dass er beim Überfall weniger aktiv war als andere, werde aufgewogen von der Gemeinschaftlichkeit der Tat. Zudem habe er in der Verhandlung den Eindruck erwecken wollen, dass er schlichtend auf die Angreifer einwirken wollte. Der Prozess habe das Gegenteil erwiesen.

Bei der Strafe für Abdurrahman O. hat laut Gatzke neben der Vorstrafe die Tatsache eine Rolle gespielt, dass er wenigstens siebenmal mit einem Baseballschläger hingelangt hat. „Da fällt einem nicht mehr viel ein. Das muss geahndet werden“, erklärte Gatzke. Erol S. hatte wegen eines Drogendeliktes bereits eine Haftstrafe verbüßt. „Sie wissen, wie es ist, im Gefängnis zu sitzen. Und trotzdem haben Sie mitgemacht“, sagte Gatzke. „Da bleibt kein Spielraum für eine Bewährungsstrafe.“

In vier Fällen erachtete das Gericht die Strafe zur Bewährung als angemessen, weil alle Angreifer zu Beginn Geständnisse abgelegt und das Verfahren damit wesentlich erleichtert hatten. Die vier Männer sind Ersttäter, sie seien laut Gatzke von der Untersuchungshaft im Vorfeld der Verhandlung sichtbar beeindruckt gewesen und hätten Reue gezeigt. Zudem hatten sich alle Angreifer mit den Überfallopfern ausgesöhnt. „Sie sind keine typischen unbelehrbaren Rechtsbrecher und haben sich dem Verfahren gestellt“, führte Gatzke weitere strafmildernde Gründe an.

Den Angriff wertete das Gericht nicht als Indiz für eine Parallelgesellschaft. „Solche Vorfälle passieren unabhängig von der Herkunft“, sagte Gatzke und verwies auf die Hooliganszene im Fußball. Ob die Aussöhnung zwischen Tätern und Opfern – geschehen bei einem Grillabend zwei Wochen später – und das Schweigen der Opfer danach ein Hinweis auf eine Art Paralleljustiz seien, könne nicht festgestellt werden.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, wenigstens der Verteidiger von Ismail B. hat angekündigt, in Revision zu gehen.

Die Staatsanwaltschaft Aachen teilte am Freitag auf Anfrage mit, dass mittlerweile gegen acht weitere Personen wegen des Sportplatzüberfalls ermittelt wird. Weitere Angaben machte die Staatsanwaltschaft nicht, auch nicht, ob sich unter den acht Personen diejenige befindet, die im Verfahren immer wieder als „Angreifer 12“ zur Sprache kam. Das Beweisvideo zeigt ihn als den Angreifer, der am heftigsten mit einem Baseballschläger hingelangt hatte.

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