Jülich - Jülicher Reaktor: Glaubenskrieg der Wissenschaft

Jülicher Reaktor: Glaubenskrieg der Wissenschaft

Von: René Benden Und Guido jansen
Letzte Aktualisierung:
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Unter Fachleuten: Christian Küppers, der Vorsitzende der Expertenkommission, stellte sich mit seinem Team den Fragen der rund 150 Gäste im Jülicher Technologiezentrum. Nicht alle wollten seiner Sichtweise folgen.
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Fast schon eine Glaubensfrage: An vielen Punkten entzieht sich der hitzige Streit um den Jülicher Reaktor einer wissenschaftlichen Argumentation. Foto: Guido Jansen
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Eine der wichtigsten Fragen kann bis jetzt nicht beantwortet werden: Wie lange soll der Hochtemperaturreaktor noch in Jülich lagern? Foto: Guido Jansen

Jülich. Es herrscht wissenschaftlicher Glaubenskrieg in Jülich. Waren die Experimente am Hochtemperaturreaktor (HTR) in Jülich riskante, letztlich wertlose Forschung, die nachfolgende Generationen noch viel Geld kosten wird? Oder war die Entwicklung eines eigenen deutschen Reaktorkonzepts in Jülich die logische Konsequenz aus politischer Absicht und wissenschaftlicher Neugier?

Auf der einen Seite stehen die Gegner dieser Forschung – Wissenschaftler, die Anti-AKW-Bewegung und besorgte Bürger, die im Jülicher HTR den Beweis sehen, dass die Interessen der Forschung über dem Sicherheitsbedürfnis der Allgemeinheit stehen. Auf der andern Seite stehen Wissenschaftler, die an der HTR-Technologie arbeiteten. Sie kämpfen dagegen an, dass ihr berufliches Lebenswerk zerstört wird.

Dazwischen steht eine Expertenkommission um Christian Küppers vom ÖKO-Institut in Darmstadt. Seine Gruppe hatte die Vergangenheit der HTR-Forschung in Jülich aufgearbeitet und zentrale Defizite beim Betrieb des Versuchsreaktors dokumentiert. In einer von unserem Redakteur Volker Uerlings moderierten Veranstaltung trafen die Gruppen aufeinander. Hier ihre zentralen Aussagen:

Die Expertenkommission: „Verwundert“ sei die Kommission gewesen, wie wenig die Jülicher HTR-Forscher über ihren Reaktor wussten. Geltende Bestimmungen des Strahlenschutzes seien missachtet worden. Die Temperatur der Brennelemente sei über große Zeitabschnitte nicht erfasst worden. Das habe einerseits zur Folge gehabt, dass die Radioaktivität des Reaktors stark angestiegen sei. Zudem sei ein katastrophaler Unfall am Reaktor, inklusive dem Austritt von Radioaktivität, nicht auszuschließen gewesen. Denn: Alle sicherheitsrelevanten Berechnungen gingen von weit niedrigeren Temperaturen aus.

Die Atomaufsicht habe diese Vorgänge wissend geduldet. Die Gefahr eines katastrophalen Szenarios beim Störfall von 1978, bei dem 27.000 Liter Wasser in den Reaktorkern eindrangen, bestand laut Kommission nicht. Auch könne kein Zusammenhang zwischen Leukämie-Fällen in der Region und dem Reaktorbetrieb hergestellt werden.

Die HTR-Gegner: Nachdem Probleme mit dem Jülicher Versuchsrektor über Jahre verheimlicht und Zwischenfälle verharmlost wurden, sind sich die HTR-Gegner sicher, dass längst noch nicht alle Fakten zur Vergangenheit der Jülicher Kernforschung auf dem Tisch liegen. Die Rolle der Aufsichtsbehörden, müsse von offizieller Seite aufgearbeitet werden. Zudem schließen sie nicht aus, dass eine Häufung von Leukämie-Fällen in den 90er Jahren doch mit dem Reaktorbetrieb in Jülich in Verbindung stehe. Sie fordern eine wissenschaftliche Untersuchung.

Die HTR-Befürworter: Die ehemaligen Forscher am Jülicher Reaktor sehen sich als Opfer einer veränderten Wahrnehmung von Atomkraft. Die Politik habe seinerzeit den Auftrag erteilt, die HTR-Forschung voranzutreiben. Den haben sie umgesetzt. Allerdings sei die Politik bis heute ein Endlager für radioaktive Abfälle schuldig geblieben. Sie wehren sich gegen die Ansicht, ihre Forschung sei erfolglos gewesen. Der Jülicher Reaktor sei nie für den Serienbetrieb gedacht gewesen. Mit ihm seien die Grundlagen für Hochtemperaturreaktoren erforscht worden. Das sei gelungen. Die HTR-Technologie sei immer noch modern und könne für die deutsche Exportwirtschaft zum Erfolg werden.

Fazit: Die Lager der Gegner und Befürworter stehen sich unversöhnlich gegenüber. Mit bisweilen skurrilen Methoden versuchen sie die Inkompetenz des jeweils anderen nachzuweisen. Der Streit hat sich an vielen Punkten einer wissenschaftlichen Argumentation entzogen und ist zur Glaubensfrage geworden.

Positiv: Karsten Beneke, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, verspricht mehr Transparenz beim Forschungszentrum Jülich.

Negativ: Nachdem der Rückbau des Jülicher Reaktors immer neue Probleme bereitet, suggerierte Dieter Rittscher, Geschäftsführer der AVR, dass das Projekt absolut planmäßig verlaufe und mit der Herstellung der so genannten „grünen Wiese“ abgeschlossen sei. Wie lange der Reaktor allerdings noch in Jülich lagern wird und was das kostet, ist völlig offen.

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