Aachen - Jan, Frederik und die ganz große Gemeinschaft

Jan, Frederik und die ganz große Gemeinschaft

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
Mittendrin: Frederik (Mitte) e
Mittendrin: Frederik (Mitte) erfährt an der Viktor-Frankl-Schule, dass er ein Schüler unter vielen ist. Seine Behinderung spielt hier keine Rolle. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Jan sollte einen anderen Weg gehen. Seine Mutter suchte einen integrativen Schulplatz, da kannten nur wenige Experten das Wort Inklusion. Er hatte eine integrativen Kindertagesstätte besucht, die integrative Schule wäre für Lilly Genten der nächste, der logische Schritt gewesen.

Die Förderschule war damals für sie keine Alternative. Nicht für ihren Jan. Doch dann musste Genten erleben, wie ihrem Sohn ein Platz auf Probe an der Grundschule angeboten wurde. „Das fand ich demütigend”, sagt sie. An einer anderen Schule hatte sie mehr Glück, bekam einen Platz. Und hatte dann doch Pech. Jan fand sich nicht zurecht. Jan verlor die Lust.

Wenn Lilly Genten ihren Jan jetzt beobachtet, dann sieht sie einen Jungen, der jeden Morgen fröhlich zur Schule geht. Sie sieht einen Förderschüler, denn an der Viktor-Frankl-Schule in Aachen hat er sein Glück gefunden. Gelbe Türe, grüne Fensterrahmen, Linoleumboden, wie er in hunderttausend Schulen verlegt worden sein mag. Hier, in der 5b sitzt Jan - stark entwicklungsverzögert und mit autistischen Zügen - über seinem Arbeitsbuch. Die nächste Aufgabe ist immer die schwerste. Aber er nimmt sie an. Er wird sie schaffen. Draußen auf dem Flur zieht eine andere Klasse los zum Schwimmunterricht. „Eigentlich hätte er diese Schule von vornherein gebraucht”, sagt Lilly Genten.

Wenn in diesen Tagen über Inklusion, also den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung an Regelschulen, diskutiert wird und die Landesregierung einen Referentenentwurf für ein entsprechendes Gesetz ankündigt, in dem die Rechte der Eltern gewahrt werden sollen, dann geht es auch um die Zukunft der Förderschulen. Auch auf Nachfrage wollte Jörg Harm von der Pressestelle des Schulministeriums mit Verweis auf diesen Referentenentwurf den Förderschulen keine Bestandsgarantie aussprechen. Auch wenn Beate Jahn, Leiterin der Viktor-Frankl-Schule in Aachen, nicht befürchten muss, dass es bald schon keine Förderschulen mehr geben wird. Ihre Zahl wird ganz gewiss abnehmen. Aktuell gibt es in Nordrhein-Westfalen 724 mit 105 545 Schülern und 20 435 Lehrern.

Ärger über Vorwürfe

Dabei kann niemand genau sagen, wie viele Kinder wirklich eine Förderschule brauchen und wie viele Förderschüler möglicherweise und bei entsprechender Begleitung eine andere, eine Regelschule besuchen könnten. Lilly Genten sagt, dass Jan die Viktor-Frankl-Förderschule brauche. Andere sagen, dass man die Förderschule so nicht mehr brauche. „Es wird immer diskutiert, dass die Kinder hier im Prinzip nichts lernen”, sagt Schulleiterin Beate Jahn - dabei gebe es alle „normalen” Fächer plus praktischer Angebote wie Hauswirtschaft. Einige Schüler meistern sogar die zentralen Prüfungen, die alle Schulformen ablegen müssen. Ihr Ärger über die Vorwürfe ist hörbar. Sie hat eine Mappe in der Schreibtischschublade mit Artikeln, die genau diese Geschichte erzählen. Einer trägt die Überschrift „Die unverdünnte Hölle” und stammt aus einem großen, deutschen Nachrichtenmagazin. Sie hat einenb ganzen Ordner mit Geschichten, in denen steht, wie schrecklich so einer Förderschule ist. Jahn widern solche Schlagzeilen an. Polemik hat in ihrer Schule nichts verloren. „Mir geht es nicht darum, die Förderschulen zu erhalten. Mir geht es um glückliche Kinder. Die Kinder sollen das Paket bekommen, das sie brauchen.” Was sie nicht sagt, ist: Es gibt Kinder, die werden an einer Regelschule nie glücklich werden können. Aber sie erzählt von einem behinderten Mädchen, dass in der Realschule von den anderen Kindern geschnitten wurde und irgendwann das Sprechen einstellte. Oder von einem zwergwüchsigen Mädchen, dass ständig schikaniert wurde. An der Förderschule spielt ihre Größe keine große Rolle.

In der 4b sitzt Frederik und schreibt. Es soll ein Wunschzettel werden. Seine Mutter Beate Schollwird ihn später lesen und sich freuen, dass ihr Junge diese Aufgabe prima gemeistert hat. Sie wünscht sich vor allem eines: „Inklusion muss in den Köpfen beginnen. Wir müssen aufhören, Menschen mit Behinderung als anders zu empfinden.”

Die Therapien

Frederik kommt aus Eschweiler. Jeden Morgen und jeden Abend ist er eine halbe Stunde unterwegs. Würde er keine Förderschule besuchen, an denen er seine Therapien - Ergotherapie und Logopädie - erhält, er müsste sie nach 17 Uhr nachholen. Undenkbar ist das für seine Mutter. Der CDU-Fraktionsvositzende im Landtag, Karl-Josef Laumann wünscht sich für Kinder wie Frederik eine wohnortnahe Schule im Zuge der Inklusionsbemühungen von CDU und rot-grüner Landesregierung. Scholl ist wichtiger, dass die Therapien an den Schulen sicher gestellt bleiben. „Man kann die Debatte nicht auf Kosten der Förderschulen führen”, sagt Beate Jahn.

Frederiks Behinderung fällt kaum ins Auge. Auf den ersten Blick sieht man ihm nicht an, dass er schlecht verarbeiten kann, was er vor Augen hat. Deswegen hatte sich Beate Scholl auch Regelschulen angeschaut. „Aber mir wurde schnell klar, dass er dort nur Misserfolge haben würde.” Sie hatte nicht das Gefühl, dass die Schulen auf ihren Jungen vorbereitet waren. Genau das will die Landesregierung sicherstellen. Wie es gelingen soll, wird noch in diesem Jahr bekannt gegeben. Lilly Genten findet es zumindest schon mal gut, dass so viel diskutiert wird. „Man muss sich mit dem Thema ortsnahe Schule beschäftigen. Ich möchte aber nicht, dass die Eltern, die ihr Kind an einer Förderschule anmelden, damit leben müssen, dass sie nun endgültig an den Rand gedrängt werden”, sagt sie.

Traurig. Frustriert.

Jan werde da abgeholt, wo er stehe. In anderen Schulen würde er dagegen immer merken, dass er nicht kann, was andere können. „Das macht ihn traurig. Er wäre nur wieder frustriert.” Er malt beispielsweise nicht gerne, weil er es nicht gut kann. Und er findet Unterstützung, die an einer Regelschule erst noch geregelt werden muss. Schulbegleiter, also Erwachsene an der Seite der behinderten Kinder, können da helfen, das Modell wird jedenfalls diskutiert. Aber können sie dafür sorgen, dass sich Kinder mit einer Behinderung sorgenfrei an einer Regelschule behaupten können. Jahn ist da skeptisch. Auf der einen Seite sieht sie die Hilfe, die der Schulbegleiter im Unterricht sein kann. Auf der anderen Seite sieht sie den Schatten, der das Kind im Schulalltag begleiten wird, der das Kind immer von allen anderen Kindern abheben wird. „Das ist keine Inklusion. Ein Kind muss auch mal keinen Schatten haben können. Wenn ich mir vorstelle, meine Schüler spielen und es stehen zehn Schulbegleiter daneben? Das geht doch gar nicht.”

Welche Rolle kann und wird ein Schulbegleiter also - etwa im Zusammenspiel mit Lehrern und Sonderpädagogen - wie sie Eltern und Politiker fordern - spielen, wenn es den angekündigten Referentenentwurf des Ministeriums gibt? Das ist eine von vielen Fragen, die sich nicht nur Beate Jahn stellt. Oder wie können Kinder, die wegen einer Epilepsie oder Ähnlichem immer eine Krankenschwester in ihrer Nähe haben müssen, eine Regelschule besuchen, auf die sie im Sinne der UN-Charta Anspruch haben?

Frederik ist Epileptiker und muss Medikamente nehmen - regelmäßig. Er bekommt keine schlimmen Krämpfe, seine Gesichtszüge verändern sich kaum. Das würde in einer großen Klasse gar nicht auffallen. Muss es aber, damit ihm geholfen werden kann. Und gibt es ausreichend Räume für Kinder wie Jan, die auch mal Ruhe brauchen. Auch Frederik muss sich manchmal hinlegen, wird schnell müde. In der Förderschule zählt jede Klasse zwei Räume. In vielen weiterführenden Schulen muss angebaut werden, weil der Platz für Ganztagsangebote und Mensen fehlt. Und sind an anderen Schulen die Klassen klein genug, um Kindern wie Jan und Frederik gerecht zu werden? An der Viktor-Frankl-Schulen sind es höchstens zwölf Kinder pro Klasse. Und immer zwei Lehrer. In dieser Gruppe ist viel Platz für Erfolgserlebnisse, die der Alltag den Kindern nicht allzu oft bieten kann. „Hier erfährt Frederik endlich nicht nur Misserfolge”, sagt Beate Scholl.

In Italien wurden mit einem Schlag alle Förderschulen abgeschafft. Befürworter dieser Maßnahme verweisen nun darauf, dass 80 Prozent der Förderschüler eine Regelschule besuchen. Mit welchen Noten, Leistungen und vor allem unter welchen Bedingungen und mit welchen Gefühlen wurde noch nicht erhoben. Aber es gibt Berichte von Kindern mit Behinderung, die in Nebenzimmern abseits ihrer Mitschüler unterrichtet werden, weil Fachräume für sie unerreichbar sind. Und Kritiker fügen hinzu, dass 20 Prozent der ehemaligen Förderschüler nun überhaupt keine Schule mehr besuchen. „Das kann doch nicht die Lösung sein”, sagt Lilly Genten.

Beate Jahn denkt sogar in die entgegengesetzte Richtung. „Ich würde hier gerne Regelkinder aufnehmen”, sagt sie. Doch das wird in Zusammenhang mit Inklusion bislang nicht angesprochen. Ebenso wenig über die Frage, warum ausgerechnet an Schulen Inklusion vorangetrieben wird und nicht schon an den Kindergärten, wo sich Kinder erstmals kennenlernen und viel selbstverständlicher Vorurteile abbauen können. „Inklusion kann eigentlich gar nicht in Schule anfangen. Wir versuchen es hier ausgerechnet an der Stelle, wo der Leistungsgedanke hinzukommt”, sagt sie. Und doch läuft die Arbeit am Inklusionsplan für Schulen weiter. Lilly Genten sagt: „Unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert