Islamunterricht: „Dieses Modell ist eine Brücke, keine Krücke”

Von: Margot Gasper
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Vortrag in der Aachener Bilal-
Vortrag in der Aachener Bilal-Moschee: Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) erläuterte das Konzept des geplanten Islam-Unterricht in NRW. Ab dem Schuljahr 2012/13 soll der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht in den Schulen eingeführt Foto: Ralf Roeger

Aachen. Bevor die Schulministerin ans Mikro durfte, mussten zuerst weitere Stühle herein­getragen werden. Denn der Andrang war groß in der Aachener Bilal-Moschee.

Viele wollten von Sylvia Löhrmann aus erster Hand erfahren, wie der geplante Islam-Unterricht in Nordrhein-Westfalen aussehen soll. Die Ministerin folgte einer Einladung des Islamischen Zentrums und der Aachener Grünen.

Diskutiert wird das Thema Islamunterricht in NRW schon seit fast 20 Jahren. Nun wird die Sache konkret. Ab dem Schuljahr 2012/13 soll der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht schrittweise in den Schulen eingeführt werden.

Im Februar unterzeichneten die Landesregierung und der Koordinationsrat der Muslime (KRM) eine gemeinsame Erklärung, damit der Islam zum Schulfach werden kann. Das Papier wurde von beiden Seiten als Meilenstein gefeiert. Allerdings ist das neue Unterrichtsfach zunächst nur mit einer Behelfskonstruktion und einer Änderung des NRW-Schulgesetzes möglich.

Denn der Staat, erklärte Sylvia Löhrmann, erlässt zwar die Lehrpläne und hat die Aufsicht über den Unterricht. Die Inhalte eines Religionsunterrichts aber legt immer eine staatlich anerkannte Glaubensgemeinschaft fest. Und aus Sicht des Bundes und der Länder gibt es diese bei den Muslimen in Deutschland bisher nicht. Es geht also im Kern um die Frage, wer in Deutschland für die Muslime sprechen darf.

Für die Einführung des Islam-Unterrichts wird deshalb in NRW ein achtköpfiger Experten-Beirat installiert. Er ist Ansprechpartner für die Landesregierung, und er darf unter anderem mitbestimmen über die Entsendung der Lehrkräfte und die Zulassung der Lernmittel. Je vier Vertreter im Beirat sollen von den muslimischen Verbänden und vom Schulministerium entsandt werden.

„Dieses Beiratsmodell ist eine Brücke, keine Krücke”, versicherte Löhrmann. „Es erlaubt uns, einen vollwertigen Religionsunterricht anzubieten. Es ist ein klares Signal, dass es uns ernst ist mit der Einführung des islamischen Religionsunterrichts.”

Der Beirat werde auch keine Dauerlösung sein. Und die Anerkennung einer muslimischen Glaubensgemeinschaft werde man nicht aus den Augen verlieren, versprach die Grünen-Politikerin.

Den Gesetzentwurf zur Einführung von islamischem Religionsunterricht haben SPD, Grüne und CDU gemeinsam eingebracht. Derzeit durchläuft er das parlamentarische Verfahren. Ob jedoch tatsächlich schon zum Schuljahr 2012/13 die ersten islamischen Religionslehrer vor den Klassen stehen, dafür will auch die Ministerin nicht die Hand ins Feuer legen: „Aber spätestens im übernächsten Schuljahr können wir anfangen”, erklärte Löhrmann gegenüber den „Nachrichten”.

Zentrum für islamische Theologie

Die künftigen Lehrkräfte für den Islamunterricht sollen an der Universität Münster studieren. Dort wird derzeit in Zusammenarbeit mit der Universität Osnabrück ein Zentrum für islamische Theologie gegründet. Bis die ersten Lehrer fertig ausgebildet sind, werden aber mindestens sechs Jahre vergehen. Allerdings wird an 130 Schulen im Land bereits „Islamkunde” im Rahmen eines Schulversuchs unterrichtet. Mit diesen Schulen und den entsprechenden Lehrern könne man starten, schlägt die Ministerin vor.

Für die Gastgeber in der Bilal-Moschee ist der neue islamische Religionsunterricht nichts weniger als ein historischer Schritt. „Dafür haben wir fast 20 Jahre lang gearbeitet”, erklärte Safar Al-Halabi, Vorstandsmitglied des Islamischen Zentrums. „Wir sind sehr optimistisch, dass das Gesetz verabschiedet wird. Es ist ein wichtiger Schritt zur Normalisierung des Alltags.”

Nurhan Soykan, Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland, kritisierte allerdings sehr deutlich, dass mit dem Beiratsmodell zunächst nur eine „Übergangslösung” erreicht wurde. „Wir wollen keine Sonderrolle, sondern die Anwendung der bestehenden Gesetze.” Schließlich verstehen sich die Mitglieder des Koordinationsrats der Muslime bereits als Religionsgemeinschaften. Im Sinne der Schüler muslimischen Glaubens sei es aber wichtig, Misstrauen abzubauen, erklärte Soykan.

Für die Ministerin ist klar: Wenn Religion in den Schulen unterrichtet wird, dann darf den muslimischen Schülern dieser Unterricht nicht verweigert werden. Deshalb warb die Ministerin in Aachens ältester Moschee eindringlich dafür, gemeinsam mutig Neuland zu betreten: „Lassen Sie uns so kurz vor dem Ziel nicht stehenbleiben!”

Wird islamischer Religionsunterricht an einer Schule eingeführt, dann ist er für alle muslimischen Schüler ein Pflichtfach. Allerdings haben Eltern grundsätzlich die Möglichkeit, ihre Kinder vom Religionsunterricht abzumelden. Mit 14 Jahren können Jugendliche diese Entscheidung selbst treffen.

„Gilt für den Islamunterricht auch das Kopftuchverbot?”, wollte während der Diskussion eine junge Frau wissen, „kann man auch mit Kopftuch Islamlehrer werden?” Man kann, erklärte die Ministerin. „Im Religionsunterricht dürfen die Lehrkräfte Zeichen ihres religiöses Bekenntnisses tragen. Diese Ausnahmeregelung ist aber schon jetzt im Gesetz festgeschrieben.”
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