Interview: Herr Stermer, seine Flucht und seine Sorgen heute

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Ahmed Mohammed Stermer: Im Gespräch mit FH-Studierenden berichtet er über seine eigene Flucht vor 33 Jahren und seinen sorgenvollen Blick nach Syrien heute. Foto: CMD

Aachen. In seiner Heimat sterben Menschen, vielleicht vor einer halben Stunde, vielleicht grade in diesem Moment. Ob Maschinengewehre oder Nervengas, Gewalt ist an der Tagesordnung. In einer beschaulichen Wohnsiedlung in Herten, in der Nähe von Recklinghausen, zwitschern die Vögel, hin und wieder schiebt sich eine Wolke vor die Sonne.

Ahmed Mohammed Stermer prüft, ob die Rosen schon Knospen schlagen, setzt sich an seinen mit bunten Kacheln besetzen Gartentisch, serviert Kaffee. Bevor er anfängt zu sprechen, rückt er die Brille grade, fährt sich kurz durch das leicht gräuliche Haar.

Herr Stermer kommt aus Syrien. Aus dem Land, in dem seit Beginn des Arabischen Frühlings ein blutiger Konflikt zwischen Revolutionären und dem Assad-Regime herrscht. Der Arabische Frühling bezeichnet dabei jene Revolution, die im Dezember 2010 in Tunesien begann und sich über viele Länder Nordafrikas und den Nahen Osten ausbreitete – Proteste, Aufstände und Rebellion gegen die autokratischen Systeme in dieser Region.

Während in Ägypten und Tunesien die Regierungen gestürzt werden konnten, befindet sich Syrien immer noch im Bürgerkrieg. Präsident Assad hält strikt an seiner Macht fest. Seit 2011 haben so mehr als 100 000 Menschen ihr Leben verloren, Millionen sind auf der Flucht.

Herr Stermer berichtet von seiner eigenen Flucht aus Syrien. 1980 nutzte er die Gelegenheit und floh, um nicht gegen seine Ansichten im libanesischen Bürgerkrieg für das Regime kämpfen zu müssen. Damals fiel es ihm nicht leicht, seine Verwandten zurückzulassen, doch er hat es geschafft, in Deutschland ein neues sicheres Leben zu beginnen.

 

Heute, 33 Jahre später, ist für ihn die Bedrohung trotz der Ferne nah. Er ist immer in Alarmbereitschaft, muss jederzeit davon ausgehen, dass auch seinen Angehörigen etwas Grausames widerfährt.

Er versucht so oft es geht an neue Informationen zu kommen. Dabei hilft es, dass viele seiner Angehörigen nahe der türkischen Grenze leben – so können sie auf das türkische Mobilfunknetz zurückgreifen. Neben dem Austausch über Facebook ist das der einfachste Weg, um über die tägliche Gewalt auf dem Laufenden gehalten zu werden, der einfachste Weg, um zu erfahren, ob es noch allen gut geht.

Weiter im Inland ist die Lage jedoch deutlich undurchsichtiger. Hier haben zwar Hilfsorganisationen einige Satellitentelefone angeschafft, doch das reicht längst nicht aus, um einen kontinuierlichen Informationsaustausch zu ermöglichen. Vielen bleibt daher nur das völlig überlastete Mobilfunknetz, das ohnehin vom Regime überwacht wird.

Unbürokratische Hilfe

„Was das Abhören betrifft, das ist eine regelmäßige Geschichte.“ sagt Stermer. Stolz betont er, dass sich etwas in dem Bewusstsein der Menschen geändert habe und sie ihre Ängste vor dem Regime allmählich ablegen: „Die Menschen gehen ihren Weg, auch wenn der Preis für diese Freiheit ziemlich hoch ist.“

Um die Menschen in seinem Heimatland zu unterstützen, ist Ahmed Mohammed Stermer Mitglied im Deutsch-Syrischen Verein. Viele Flyer liegen auf dem Tisch, als er uns vom Engagement junger syrischer Studenten, die hier in Deutschland leben, berichtet. Sie fahren immer wieder mit LKW in das Krisengebiet, um Sachspenden des Vereins zu überbringen. Einmal haben sie sogar sieben Krankenwagen ins Land gebracht.

Doch der Verein leistet mehr als unbürokratische Hilfe in der Krisenregion. Für viele Syrisch-Stämmige hier in Deutschland ist der Verein zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden. So erzählt uns Herr Stermer wie gut es ihm tut, regelmäßig Menschen zu treffen, die gerade Gleiches durchleben und seine Gefühle nachvollziehen können.

Umso wichtiger ist ihm, dass hier in Deutschland ein Bewusstsein für die Missstände in seinem Heimatland geschaffen wird. Doch vermag die mediale Berichterstattung dies zu leisten?

Er erzählt uns von Hamah, einer Stadt im Westen des Landes. Dort haben vor Wochen syrische Regierungstruppen mit Unterstützung von Hisbollah-Milizen aus dem Libanon ein Massaker an Revolutionären und Zivilisten verübt. Über 1500 Menschen seien verletzt, viele auch getötet worden. Rettungsmaßnahmen der Hilfsorganisationen seien durch die Anhänger des Regimes verhindert worden. Über eine Woche habe es gedauert, bis die Leichen von den Straßen geholt und Verletzte versorgt werden konnte, erzählt Herr Stermer.

„Es tut weh, dass die Medien hier in den sogenannten Demokratien so etwas nicht wahrnehmen“, sagt er. Seine Augen sind getrübt. Er fragt sich, wieso erst ein deutscher Journalist bei seiner Arbeit angeschossen werden müsse – gemeint ist Jörg Armbruster – bevor das Thema die volle mediale Aufmerksamkeit erhalte. Gleichzeitig betont er aber auch, wie sehr er das Engagement Armbrusters zu schätzen weiß. „Solche Menschen helfen dem Volk, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen.“

Was ist das Top-Thema?

Es drängt sich die Frage auf, warum nicht intensiver über die Lage in Syrien berichtet wird. Auch wenn in Deutschland mittlerweile klar sein dürfte, dass Krieg in Syrien herrscht, ist immer wieder zu beobachten, dass vermeintlich harmlosere Themen in den Fokus der Berichterstattung geraten. Ist zum Beispiel die Steueraffäre um Uli Hoeneß wirklich so relevant, dass sie tagelang das Top-Thema zu sein scheint? Oder liegt die immer wieder aussetzende Berichterstattung an der undurchsichtigen Situation in Syrien, da kaum gesicherte Informationen nach Außen dringen?

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