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Institutsleiter: „Gros der Ärzte war zur Kooperation bereit”

Von: Robert Flader
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Aachen. Je mehr abscheuliche Details ans Licht kamen, desto mehr weiteten sich die Augen der gut 200 Zuhörer im Hörsaal 6 des Uniklinikums. Was jahrzehntelang nicht oder nur in Teilen in Teilen an die Öffentlichkeit gelangte, dass leitende Aachener Ärzte während der NS-Zeit massenhaft Zwangssterilisierungen durchführten, wurde in den vergangenen beiden Jahren durch eine Forschungsgruppe des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin um den Historiker Richard Kühl aufgedeckt.

Die Ergebnisse, die nun auch in Buchform vorliegen, wurden am Dienstagabend, beim Festakt der Medizinischen Gesellschaft Aachen (MGA), moderiert von AZ-Redakteurin Sabine Rother im Uniklinikum vorgestellt. Diskussionsbedarf gab es reichlich, zu erschütternd wirkten die Schlussfolgerungen Kühls und des Institutsleiters und Initiators des Projekts, Professor Dominik Groß. Dieser sagte: „Auch wenn es Ausnahmen gab: Das Gros der Ärzte erklärte sich zu Zugeständnissen, zur Kooperation mit der NSDAP bereit.”

Schweigen, verharmlosen, durchstarten: Keine akademische Berufsgruppe habe den Nazis so nahe gestanden wie die Ärzteschaft, und niemand habe nach dem Krieg meist noch solche Karrieren hingelegt, trotz teils aktiver NS-Vergangenheit und Mittäterschaft, erklärte Groß. Auch Ärzte des 1966 gegründeten Uniklinikums und der Medizinischen Fakultät seien nicht auszunehmen.

Aber nicht jeder im Plenum konnte den Forschungsergebnissen in Gänze folgen. Zur Rolle Eduard Borchers im Zuge der Zwangssterilisierungen bemerkte ein Zuhörer, dass er für den ehemaligen Chefchirurg des Luisenhospitals „die Hand ins Feuer legen würde”, dass Borchers nicht als Täter anzusehen sei. Tatsache ist allerdings, nach dem Ergebnis der Forschungen, dass Borchers einige Sterilisierungen vornahm, nach dem Krieg aber eine Methode für Refertilisierung entwickelt hat.

Doch nicht nur Chirurgen standen im Fokus des Abends, auch Psychiater waren während der NS-Zeit beteiligt an Verbrechen. „Die Psychiatrie während des Dritten Reiches ist für unseren Berufszweig das dunkelste Kapitel überhaupt”, sagte Professor Frank Schneider vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Er nutzte den Festakt noch einmal zu einer bereits im November in Berlin vorgetragenen Entschuldigung für die Taten während der Hitler-Diktatur: „Die Entschuldigung kommt spät, aber nicht zu spät.”

Mehr als 100.000 Psychiatrie-Patienten und Menschen mit Behinderung wurden allein zwischen 1940 und 1941 im Rahmen des Euthanasie-Programms (Aktion „T4”) ermordet. Schneider: „Viel zu lange wurde geschwiegen. Erst heute hat die Psychiatrie aus ihrem Versagen gelernt.” Es sei wichtig, dass auch mit Blick auf Gedenkstätten mit einer Stimme gesprochen werde. Mahnende Worte richtete Schneider an die Politik: „Wir reden heute immer über Kostensenkung im Gesundheitswesen. Die Geschichte lehrt uns, dass wir nicht vergessen dürfen, in erster Linie für unsere Patienten da zu sein.”

Richard Kühl: Leitende Aachener Klinikärzte und ihre Rolle im „Dritten Reich”, Kassel University Press, 29 Euro, ISBN 3-86219-014-0.
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