In Ostbelgien herrscht gute Laune trotz Dauerkrise

Von: Marco Rose
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Zufrieden: Ostbelgiens Ministe
Zufrieden: Ostbelgiens Ministerpräsident Lambertz.

Eupen. Karl-Heinz Lambertz streicht sich zufrieden über den Bauch. Die Sonne scheint durch die kleinen Fenster im Dachgeschoss seines Amtssitzes in Eupen und taucht das dunkle, rustikale Dekor in ein freundliches Licht. Draußen geht das Leben seinen ruhigen Gang.

Menschen sitzen vor den Cafés und Restaurants der Oberstadt. Hier und da stehen ein paar ältere Damen gemeinsam an der Haustür. Es wird geredet und gelacht. Belgien zum Wohlfühlen.

Das ist auch das Thema der Runde im Ministerium. „Man kann hier gut leben.” Diesen Satz wirft ein Projektor an die Wand, in dicken schwarzen Buchstaben. Die folgenden Zahlenkolonnen, vom Deidesheimer Forschungsinstitut Polis Sinus erhoben, sollen das belegen. Intakte Natur, kulturelle Vielfalt, offene und freundliche Menschen, wenn auch ein bisschen provinziell: Ja, in Ostbelgien lässt es sich aushalten! Und das sagen nicht nur die Meinungsforscher aus Deutschland, die vermutlich gleich noch die kulinarischen Geheimnisse Eupens erkunden werden. Nein, es sind die Menschen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) selbst, die fast nur Gutes über ihre Heimat zu berichten wissen.

„Die Ostbelgier sind außergewöhnlich optimistisch - sowohl was ihre persön- liche Situation anbelangt, als auch die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Region”, sagt Demoskop Walter Ruhland. Dies sei ein „außergewöhnliches Meinungsbild, das wir in dieser Form aktuell nirgendwo feststellen können”. Mehr als 1000 Ostbelgier hat sein Institut im Auftrag der Deutschsprachigen Gemeinschaft befragt. Man habe einmal wissen wollen, wie der Ostbelgier überhaupt über seine Heimat denkt, sagt Ministerpräsident Lambertz. Das Ergebnis ist durchaus bemerkenswert: Zwar halten die deutschsprachigen Belgier nichts, aber auch gar nichts von der Politik in Brüssel - nur zehn Prozent äußerten sich zufrieden, man habe „mehrfach nachgerechnet, um einen Irrtum auszuschließen”.

Dennoch ist die Mehrheit mit der Situation in ihrer Heimat zufrieden und möchte am Status quo eigentlich nichts ändern. Knapp 40 Prozent der repräsentativ Befragten hat dabei überhaupt keine Ahnung, was die deutschsprachige Gemeinschaft macht, für was sie zuständig ist oder welche Dienstleistungen sie anbietet. Lambertz spricht von einem „politischen Paradoxon”, das er so beschreibt: „Die Menschen wissen nicht genau, was in der Politik passiert, sind aber ganz zufrieden.”

Doch wie ist diese Unkenntnis zu erklären? Auch in Eupen oder südlich von Malmedy steigt zum einen die Zahl derer, die sich überhaupt nicht mehr für Politik interessieren, gerade bei den Jüngeren. Es gibt aber offenbar auch ein spezifisch ostbelgisches Bildungsproblem: „Immer mehr Menschen informieren sich nur noch im Fernsehen - und in Ostbelgien werden hauptsächlich deutsche Sender eingeschaltet”, sagt der Ministerpräsident. Lambertz sieht sich und seine Arbeit durch die Umfrage bestätigt. Tatsächlich stützen die Befragten im Wesentlichen seine Positionen, etwa zur Autonomie der DG.

Rolle der Deutschland-Pendler

Andererseits zeigt die Studie die nicht unerheblichen Strukturprobleme der Region auf. So gibt es zum Teil sehr deutliche Unterschiede zwischen dem stark Richtung Deutschland orientierten Norden (Eupen, Kelmis, Raeren) und der belgischen Eifel im Süden. Dort gibt es viele Pendler, die Richtung Luxemburg weite Strecken zur Arbeit zurücklegen.

Interessant ist auch die Rolle der Deutschland-Pendler. Zwar hat sich die Studie noch nicht näher mit der Integration der aus Deutschland Zugezogenen beschäftigt. Dennoch lassen sich Rückschlüsse ziehen, immerhin besitzt fast jeder fünfte Ostbelgier die deutsche Staatsangehörigkeit, im Norden sind es sogar 28 Prozent. Und wer nach Deutschland pendelt, hat meist auch einen deutschen Pass. Diese Bevölkerungsgruppe arbeitet nicht nur in Deutschland. Sie konsumiert auch dort, geht dort zum Arzt, ins Theater oder ins Museum.

„In weiteren Umfragen werden wir uns mit dieser Problematik näher beschäftigen”, kündigt Lambertz an. Denn bei dem jetzt gewonnenen Bild soll es nicht bleiben. In Zukunft will man in Eupen regelmäßig das heitere Gemüt des Ostbelgiers erkunden. „Spektakulär geht es hier nicht zu”, sagt Demoskop Ruhland noch einmal zum Schluss. „Aber die Menschen leben gut.”
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