Düsseldorf - In NRW bleibt‘s beim Turbo-Abi: Landesregierung spricht nicht offen

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In NRW bleibt‘s beim Turbo-Abi: Landesregierung spricht nicht offen

Von: Madeleine Gullert
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Schulstreit in Nordrhein-Westfalen: Die vom Schulministerium einberufenen Arbeitsgruppen wollen überwiegend bei G 8 bleiben. Ein Zurück zu G 9 ist lediglich das Anliegen zweier Initiativen.

Düsseldorf. In acht oder neun Jahren zum Abitur? Noch bis zum Herbst tagen die drei Arbeitsgruppen, die den Schulstreit um das Turbo-Abitur in Nordrhein-Westfalen lösen sollen. Landes-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hatte die Gruppen nach einem Runden Tisch im Mai einberufen.

Das Ergebnis, das sie im Herbst präsentieren werden, ist ein verbessertes Abitur nach acht Jahren. Die Zeichen stehen nicht auf eine Rückkehr zu G9, wie diverse Teilnehmer an den Arbeitsgruppen im Gespräch mit unserer Zeitung sagten. „Die Mehrheit der Teilnehmer überlegt, wie man G 8 optimieren kann“, sagt Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands in NRW. Es gebe hier weniger eine Grundsatzdebatte als beispielsweise in Bayern oder Niedersachsen.

Genau das kritisieren die Initiativen „G9 jetzt NRW“ und „Gib 8“, die sich für eine Rückkehr zum Abi­tur nach neun Jahren einsetzen. „Die Landesregierung ist nicht bereit, offen über das Thema zu sprechen“, bemängelt Marcus Hohenstein, Sprecher von „G9 jetzt NRW“. Die versprochene ergebnisoffene Diskussion finde nicht statt. Man habe die Ministerin beim Wort genommen und sei nun enttäuscht. „Sylvia Löhrmann ist stets ergebnisoffen in diese Arbeitsgruppen gegangen“, sagt Barbara Löcherbach, Sprecherin des Schulministeriums.

„Die Diskussion gestaltet sich wegen der Initiativen als schwierig“, sagt Eberhard Kwiatkowski, Vorstand der Landeselternkonferenz. Die Gruppen, die statt je zwei mit bis zu acht Vertretern teilnehmen, störten die intensiven Gespräche etwa durch Zwischenrufe. Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW, hat Verständnis für die Initiativen, sagt aber, dass sie in den Arbeitsgruppen „fehl am Platz“ sind. „Sie sind es, die nicht ergebnisoffen diskutieren. Das einzige Ziel für die Initiativen ist eine Rückkehr zu G9.“

Das, so sind sich Philologenverband, GEW und Landeselternkonferenz einig, wäre aber nicht leicht. „Ein neues G9 kann nie das alte G9 sein“, sagt Kwiatkowski, obwohl er in seinen Reihen auch Befürworter für das längere Abitur hat. Die Eltern wollen den Druck von den Kindern nehmen. Doch es müssten komplett neue Lehrpläne erarbeitet werden, und erneut müssten die jetzigen G8-Schüler und G9er parallel unterrichtet werden. „Das kann man den Kindern nicht zumuten“, sagt Kwiatkowski, der eine Wahlmöglichkeit für G8 oder G9 anstrebt, und zwar an Gymnasien. Bisher können Schüler in NRW das Abitur nach neun Jahren lediglich an den 300 Gesamtschulen und den neuen Sekundarschulen absolvieren. GEW-Chefin Schäfer betont, dass diese Wahlmöglichkeit reicht.

Einig sind sich die Arbeitsgruppen – abgesehen von den Initiativen –, dass für Gymnasiasten der Weg zum Abitur verbessert werden muss. Und zwar im bestehenden System, wie Schäfer betont. „Mein Herz schlägt für eine substanzielle Optimierung von G8 ohne Qualitätsverlust“, sagt Silbernagel. FDP-Bildungsexpertin Yvonne Gebauer steht ebenfalls zu G8 und betont, dass es „im Rahmen des Zentralabiturs beim doppelten Abiturjahrgang keine schlechteren Ergebnisse des G8er-Jahrgangs am Gymnasium gegeben“ hat.

Ein Knackpunkt in der Debatte ist der Ganztag: Während die GEW auf den Ausbau des gebundenen, also des verpflichtenden Ganztags setzt, betont der Philologenverband, dass G8 nicht nur im Ganztag möglich ist. „Viele Eltern gerade in ländlichen Gegenden wollen keinen Ganztag.“ Den offenen Ganztag sehe man aber positiv, ein Ausbau werde sicher in den Optimierungspakt niedergeschrieben. Die Landeselternkonferenz betont auch, dass das Nachmittagsangebot verbessert werden müsse. Außerdem sollten anstrengende Fächer nicht am späten Nachmittag stattfinden. Kwiatkowski sagt: „Mathe um vier Uhr, das muss nicht sein.“

In vielen anderen Punkten sind sich die Interessenvertreter komplett einig: Unterricht und Freizeit sollen in Ausgleich gebracht werden. Das liegt auch den an der Diskussion beteiligten Musikschulen und Sportvereinen am Herzen. Für Landeselternkonferenz, Philologenverband und GEW steht fest, dass Hausaufgaben in den Schulablauf integriert, also zu Schulaufgaben werden müssen. Silbernagel fordert, dass Gymnasiasten von der 7. bis zur 9. Klasse nur an einem Nachmittag pro Woche Unterricht haben. „Mit der richtigen Planung ist das möglich.“

Schäfer und die GEW fordern zudem eine Überarbeitung der Lehrpläne. Die Schüler seien für bestimmte Themen zu jung, da die Oberstufe ein Schuljahr früher beginnt. „Sie besprechen nun Dinge mit 15, die sie vorher mit 16 Jahren durchgenommen haben“, erklärt Schäfer. Das müsse altersgerechter gestaltet werden.

Silbernagel sieht in diesen Punkten große Einigkeit und ist hoffnungsfroh, dass man sich bis Herbst einigen werde, unter der Bedingung, dass es nicht bei Absichtserklärungen bleibt. „Es müssen Änderungen festgeschrieben werden.“ Die Initiative „G9 jetzt“ plant weiter das Bürgerbegehren. Ein Drittel der notwendigen Unterschriften sei vorhanden.

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