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„In Deutschland müsste niemand mehr an Aids sterben“

Von: Katrin Fuhrmann
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Sozialpädagoge Walter Brüsseler glaubt, dass mehr Offenheit in der Gesellschaft HIV-Betroffenen helfen könnte. Foto: Katrin Fuhrmann

Aachen. In Deutschland sind nach einer Schätzung des Robert-Koch- Instituts 84.700 Menschen von dem HI-Virus betroffen. Geschätzt etwa 12.600 davon wissen aber nicht einmal, dass sie das Virus in sich tragen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Walter Brüsseler (58), Sozialpädagoge und seit 2008 Geschäftsführer der Aids-Hilfe Aachen, warum viele Menschen lieber in Ungewissheit leben, als einen Aids-Test durchzuführen.

Und was langfristig getan werden muss, damit Menschen, die von HIV betroffen sind, von der Gesellschaft nicht mehr ausgegrenzt werden.

Herr Brüsseler, ist die Erkrankung mit HIV in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, oder hat sich daran etwas verändert?

Brüsseler: Ich denke schon, dass das Thema präsenter geworden ist. Aber in den Köpfen der Menschen herrscht immer noch das alte Bild von Aids vor. Viele Menschen glauben immer noch, dass die Diagnose von HIV den vorzeitigen Tod bedeutet. Außerdem wissen viele Menschen immer noch nicht, dass eine Ansteckung nicht durch normale soziale Kontakte wie beispielsweise einen Handschlag oder eine Umarmung möglich ist.

Früher hatten Menschen, die von HIV betroffen waren, eine geringere Lebenserwartung. Wie sieht das heute aus?

Brüsseler: Die Kombinationstherapien sind mittlerweile so gut, dass Menschen, die frühzeitig von ihrer HIV-Infektion erfahren und zeitnah mit einer Therapie beginnen, eine genauso hohe Lebenserwartung haben wie jeder andere Mensch auch. Die Medikamente sind mittlerweile sehr gut. Eine funktionierende ART (antiretrovirale Therapie) ist in der Lage, die Viruslast im Körper eines Menschen, der HIV-infiziert ist, unter die Nachweisgrenze zu drücken.

Inwiefern?

Brüsseler: Bei jemanden, der in einer funktionierenden Therapie ist, wird die Viruslast im Körper von den Medikamenten so stark reduziert, dass Viren im Blut nicht mehr nachweisbar sind. Würde man mit der Medikamenteneinnahme aufhören, erhöht sich die Viruslast im Körper innerhalb kurzer Zeit wieder. Wird die Therapie aber konsequent durchgezogen, kann man damit sehr gut leben und ist auch nicht mehr infektiös. Das heißt, das Virus kann beim Geschlechtsverkehr nicht mehr weitergegeben werden. Heutzutage müsste niemand mehr an Aids sterben. Die Menschen müssen nur frühzeitig einen Test machen und darüber Zugang zur Therapie bekommen.

Wie kann man denn erreichen, dass Menschen einen Aids-Test machen?

Brüsseler: Indem man ihnen die Angst nimmt und ihnen Mut macht, sich testen zu lassen. Menschen haben Angst vor einer HIV-Diagnose, weil sie befürchten, dass sie von der Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert werden, sich die Freunde abwenden und sie vielleicht auch den Partner verlieren könnten. Wenn sie wüssten, dass ein Test oder die Diagnose keinerlei Konsequenzen für ihr soziales Leben hätte, würden sie sich auch eher testen lassen. Viele leben jedoch lieber in Ungewissheit als mit der Klarheit der Diagnose. Wir müssen die Stigmatisierung von HIV-Betroffenen beenden. Wir brauchen von der Gesellschaft mehr Offenheit. Das ist aber nicht einfach.

Warum nicht?

Brüsseler: Viele Menschen erreichen wir einfach nicht. Sie verschließen die Augen vor HIV. Dem müssen wir mit gezielter Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit entgegenwirken, damit sich Betroffene angesprochen fühlen. Wichtig ist, dass die Menschen wissen, dass HIV eine behandelbare chronische Infektion geworden ist. Niemand muss mehr Angst haben vor Aids. Ein Hauptproblem ist aber, dass von den geschätzten 84.700 Menschen, die in Deutschland von HIV betroffen sind, 12.600 nicht wissen, dass sie das Virus in sich tragen, weil die Symptomatik unterschiedlich ist. Oft merken Betroffene nicht einmal, dass sie infiziert sind. Die Folge ist, dass diejenigen, die von ihrer Infektion nichts wissen, nicht in Therapie kommen. Außerdem tragen sie das Virus weiter. Letztlich profitieren alle davon, wenn der Umgang mit HIV offener und transparenter wird.

Wie viele Neuinfektionen gibt es jährlich?

Brüsseler: Die Zahlen werden immer Ende des Jahres vom Robert- Koch-Institut bekannt gegeben. 2015 gab es in Deutschland 3200 Neuinfektionen, genauso viele wie 2004. Die Neuinfektionsrate stagniert also. Hingegen steigt die Gesamtzahl der Menschen, die mit HIV leben. Noch vor einigen Jahren war die Neuinfektionsrate deutlich höher. Wir sind im Grunde also auf einem guten Weg. Im weltweiten Vergleich haben wir in Deutschland mit die niedrigste Infektionsrate. Wir haben heutzutage theoretisch alle Möglichkeiten, Aids zu bekämpfen.

Wie wird Betroffenen in Aachen konkret geholfen?

Brüsseler: Wir haben in Aachen eine gut funktionierende Schwerpunktpraxis, die eingebunden ist in einen landesweiten Verbund von Praxen, die sich auf das Thema HIV spezialisiert haben. Mehr als 700 Personen werden in Aachen bezüglich ihrer HIV-Infektion medikamentös behandelt. Die Angebote der Aids-Hilfe Aachen in den Bereichen Beratung und Begleitung sind bislang von mehr als 400 HIV-infizierten Menschen in Anspruch genommen worden.

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