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In den Kinder- und Jugendpsychiatrien der Region fehlen Plätze

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
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Breites Angebot: Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Aachen setzt unter anderem auf Kunst-, Körper- und Musiktherapie. Foto: UK Aachen
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Breites Angebot: Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Aachen setzt unter anderem auf Kunst-, Körper- und Musiktherapie. Foto: UK Aachen
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Breites Angebot: Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Aachen setzt unter anderem auf Kunst-, Körper- und Musiktherapie. Foto: UK Aachen
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Fordert, dass die Kinder- und Jugendhilfe gestärkt wird: Beate Herpertz-Dahlmann.

Aachen. Zwölfjährige, die sich die Pulsadern aufschneiden. 14-Jährige, die so abgemagert sind, dass nur noch ein paar Kilo bis zum Tod fehlen. Solche dramatischen Schicksale in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sorgen für Aufsehen.

Es sind Notfälle, die mit Recht sofort stationär behandelt werden. Aber was ist mit denen, die schnell ein Bett in der Klinik brauchen, damit sie nicht innerhalb weniger Wochen zu einem dieser Notfälle werden?

Oft müssen sie monatelang auf einen Platz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie warten. Ärzte schlagen angesichts dieser chronischen Unterversorgung Alarm. „Auf unserer Warteliste stehen derzeit genau so viele Patienten wie wir in der Klinik behandeln“, sagt Professor Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Aachen. Dort beträgt die Wartezeit auf einen Platz derzeit im Durchschnitt zwei Monate.

Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der unter 18-Jährigen in stationärer Behandlung zwischen 1991 und 2010 um 130 Prozent und damit 20.400 Personen gestiegen. „Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Betten um 33 Prozent gesunken und die Verweildauer der Patienten auf den Stationen ist um fast 70 Prozent zurückgegangen“, erklärt Professor Jörg M. Fegert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. „Das führt natürlich zu einer Behandlungsverdichtung, die extrem ist. Gleichzeitig bemerken wir in allen Kliniken, dass die Notfälle zunehmen, weil man nur für sie akut ein Bett frei hat. Alle anderen müssen sich in die Schlange stellen.“

Auch Beate Herpertz-Dahlmann und ihre Kollegen in Aachen sehen diese Entwicklung. Manchmal gebe es an einem Wochenende so viele Notfall-Aufnahmen, dass sie bei der Visite am Montagmorgen über Matratzen steigen müsse, mit denen behelfsmäßig zusätzliche Plätze geschaffen wurden, sagt die Klinikdirektorin. „Ich sehe viel mehr Suizidversuche als noch vor zehn Jahren.“

Gründe für diesen Anstieg zu nennen, hält sie für extrem schwierig. Zum einen sei es sicherlich so, dass Kinder und Jugendliche mit diesem Thema über die Medien mehr konfrontiert würden als früher. Das gelte auch für selbstverletzendes Verhalten. „Sie wissen, dass man das machen kann und darüber auch endlich Hilfe bekommt. Denn für die allermeisten ist es ja ein Hilfeschrei. Die wenigsten wollen sich wirklich umbringen.“ Sie wollten, dass sich etwas ändert und griffen dafür zu sehr heftigen Mitteln. „Bei einigen ist es aber auch so, dass sie einfach keinen Erwachsenen haben, der ihnen zuhört. Ich sehe bei vielen eine ganz extreme Einsamkeit. Auch die hat zugenommen.“

Für Aachen haben NRW-Regierung und Stadt grünes Licht gegeben, Abhilfe ist in Sicht. Am Freitag erfolgte der Spatenstich: Die Klinik von Beate Herpertz-Dahlmann wird um einen Neubau erweitert und erhält mehr Plätze. Zehn stationäre kommen zu den bislang 38 hinzu, acht weitere ergänzen die bisher sechs Plätze in der Tagesklinik. Auch eine Eltern-Kind-Station und eine neue Jugendstation wird es geben. Vor allem letztere ist dringend notwendig, denn aus Platzmangel werden Jugendliche momentan noch oft in der Erwachsenenpsychiatrie der Aachener Uniklinik untergebracht. „Wir werden definitiv mehr anbieten können“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin. Sie sieht aber auch weiteren Handlungsbedarf.

„Die Kinder- und Jugendhilfe muss dringend gestärkt werden. Dabei brauchen die Kommunen mehr politische Unterstützung. Dass sie dieser Aufgabe ganz alleine gegenüberstehen, halte ich für ein Riesenpro­blem.“ Bei vielen ihrer Patienten gehe es nicht nur um regelmäßige therapeutische Gespräche. „Sie sind zum Teil so krank, dass sie jemanden brauchen, der zu ihnen nach Hause fährt und sich dort vor Ort um sie kümmert.“ Oft müssten die Patienten auch in einem Internat oder einer therapeutischen Wohngruppe untergebracht werden. „Das ist etwas, das einfach unheimlich schlecht funktioniert. Der Anschluss unserer Patienten an Jugendhilfemaßnahmen dauert viel zu lange.“

Das Robert-Koch-Institut kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass bis zu 20 Prozent der Unter-18-Jährigen an einer psychischen Störung leiden. „Davon wird nur ein ganz geringer Teil stationär behandelt. Wir reden jetzt also nur von der Spitze des Eisbergs“, sagt Fegert. Allerdings müssen auch psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche, die nicht stationär aufgenommen werden müssen, mit langen Listen leben: Auch bei den ohnehin recht wenigen niedergelassenen Therapeuten beträgt die Wartezeit wegen der großen Nachfrage oft Monate.

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