Mönchengladbach - Immer wieder Zitronensaft: Chefarzt droht Gefängnis

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Immer wieder Zitronensaft: Chefarzt droht Gefängnis

Von: Frank Christiansen, dpa
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Pier-Prozess BGH
Arnold Pier, der ehemalige Chefarzt und Besitzer der Wegberger Antoniusklinik, vor Gericht. Foto: Andreas Steindl

Mönchengladbach. Immer wieder ließ Chefarzt Arnold Pier frische Zitronen auspressen, um mit dem Saft die Wunden seiner Patienten zu tränken. Pier vertraute auf seine radikale Außenseiter-Methode.

Sie sollte der Desinfektion dienen. Dabei häuften sich in seiner Klinik die Infektionen.

In einem der größten deutschen Klinikskandale steht die juristische Aufarbeitung vor dem Abschluss. An diesem Montag wird der Vorsitzende Richter Lothar Beckers am Mönchengladbacher Landgericht das Urteil gegen Arnold Pier verkünden, den einstigen Besitzer und Chefarzt des Antonius-Krankenhauses in Wegberg bei Mönchengladbach.

Insgesamt sieben Mediziner hatten zunächst auf der Anklagebank gesessen, doch die Vorwürfe gegen die untergebenen Ärzte entpuppten sich schnell als gering oder nicht haltbar. Aber gegen Pier (54) verdichtete sich ein erschreckendes Bild.

Der Mediziner war Klinik-Besitzer, Chefarzt, ärztlicher Direktor und Operateur in einer Person. Am 1. Januar 2006 hatte er das kleine St. Antonius-Krankenhaus von der Kommune Wegberg für einen symbolischen Preis gekauft, als es vor der Insolvenz stand.

Eine Weile konnte der neue Besitzer schalten und walten, dann schreckte eine anonyme Strafanzeige aus den Reihen des Personals die Behörden auf. Die Ermittlungen kamen ins Rollen und die Anklageschrift ging schließlich von sieben Toten und 60 Fällen von Körperverletzung aus.

Lange Zeit schien kein Ende der zwei seit eineinhalb Jahren dauernden Gerichtsverfahren in Sicht. Doch dann legte der 54-Jährige vor einigen Tagen ein Geständnis ab. Im Gegenzug hatte ihm das Gericht eine Strafe zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahre Haft in Aussicht gestellt - und mehrere Jahre Berufsverbot. Das zweite Verfahren, das vom Bundesgerichtshof nach Mönchengladbach zurückverwiesen wurde, soll eingestellt werden.

Selbstüberschätzung und Beratungsresistenz warf Oberstaatsanwalt Lothar Gathen dem umstrittenen Mediziner in seinem Plädoyer vor. Er habe gesunde Organe entfernt, massiv fehlerhaft behandelt und die Hinzuziehung von Spezialisten regelmässig abgelehnt. Ohne Rücksprache mit Kollegen oder Angehörigen habe er den Stopp der Behandlung einer Patientin angeordnet. Schlagzeilen vom „Herrn über Leben und Tod” habe Pier sich somit selbst zuzuschreiben.

Mehrfache fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge, etliche Fälle von gefährlicher Körperverletzung und vorsätzlicher Körperverletzung: Bei insgesamt 15 Patienten sei Pier dies nachweisbar. Vier Jahre Haft fordert der Ankläger.

Doch monatelang hatte sich Pier als Unschuldiger geriert, hatten seine Anwälte eine Medienkampagne gegen ihren Mandanten ausgemacht, hatten einen Gegengutachter nach dem anderen ins Rennen geschickt. Bis heute bestreitet der 54-Jährige, dass Gewinnstreben das Motiv seiner Taten gewesen sei. Er habe sich einfach übernommen, sei überlastet gewesen, sagt er.

Doch wie erklärt dies völlig überflüssige Operationen und die Entnahme gesunder Organe? Warum überließ Pier komplizierte Mikrochirurgie, für die er nicht einmal die Instrumente hatte, nicht den Experten, wenn er ohnehin zu viel Stress hatte? Der Staatsanwalt beließ es dabei, in diesem Punkt Zweifel am Geständnis anzumelden.

Für die überlebenden Opfer und Angehörigen ist die Höhe der Haftstrafe zweitrangig, machte ein Anwalt der Nebenkläger deutlich: „Wir möchten nicht, dass ein solcher Mann nach ein paar Jahren wieder Menschen behandelt.”

Piers letzte Diagnose entstammt seinem Schlusswort und diesmal hat ihr niemand widersprochen: „Mich bei den Patienten und ihren Angehörigen zu entschuldigen, wird nicht genügen.”
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