Alsdorf - Immanuel-Kirche: Ein Stück Heimat steht zum Verkauf

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Immanuel-Kirche: Ein Stück Heimat steht zum Verkauf

Von: Siegfried Malinowski
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Es ist einsam und still geworden in der Immanuel-Kirche in Alsdorf-Busch: Aber ganz aufgegeben hat das Küsterehepaar Silke und Gerd Sistermanns „seine“ Kirche noch nicht. Sie ist ein Stück Heimat. Foto: Siegfried Malinowski
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Noch hängt das Hungertuch: Aber auch das wird bald abgehängt werden in der entweihten Kirche in Alsdorf-Busch. Foto: Siegfried Malinowski

Alsdorf. Es ist das Endliche, was Silke Sistermanns an manchen Tagen verzweifeln läßt. Sie sitzt in ihrer Kirche und läßt ihre Gefühle heraus. Und die stürzen aus ihrem Mund wie ein Wasserfall. Die Augen der kleinen und fleißigen Frau wandern durchs Gotteshaus.

Sie halten an Punkten und suchen sich den nächsten. Hier war Silke Sistermanns ein gefühltes Leben lang zuhause. In der Buscher Immanuel-Kirche. Die Küsterin hat gemeinsam mit ihrem Mann das Haus in Schuss gehalten.

Seit dem 28. Dezember 2013 ist die Kirche entwidmet. Sie konnte aus Kostengründen nicht mehr gehalten werden. „Es ist so, als wenn man einen Menschen unter die Erde bringt“, sagt Silke Sistermanns mit standhafter Stimme. Solange er noch über der Erde ist, ist er gegenwärtig. Aber nun ist der „Sarg“, symbolisch betrachtet, eingeerdet. Damit kommt Silke Sistermanns noch nicht klar.

Vor mehreren Wochen hat sie in dieser Kirche noch gesessen und Abschied gefeiert. Da haben Silke und Gerd Sistermanns lautlos geweint. Aber man war ja noch da. Im Hause, das lebte. Nun ist es still und einsam geworden. „Als wir hier das letzte Mal saßen, war mir das alles noch nicht so bewusst“, denn damals hielt Silke Sistermanns „ihre“ Kirche symbolisch betrachtet noch im Arm. Der 52-jährige Gerd Sistermanns ergänzt: „Als alles raus war und ich das Licht ausgemacht habe, da spürte ich, so, jetzt ist Schluss“. Wie damals auch, so bekommt der Mann mit der tiefen Stimme und den kräftigen Händen wässrige Augen. „Man hat ja bis zum Schluss immer noch gehofft, dass es irgendwie weitergeht“. Aber nun ist die Kirche Geschichte. Während Silke Sistermanns erzählt, was sie bewegt, steht sie auf. Nimmt einen Putzlappen und staubt das Eisen des Taufbeckens ab. Die Schale selbst ist schon am neuen Bestimmungsort, der Martin-Luther-Kirche in Alsdorf-Mitte.

Dort gehen die Sistermanns beide regelmäßig hin und helfen, wo sie können. Aber endgültig weggegangen sind sie nie aus ihrer Kirche. Wie in der Silvesternacht 2013. Da hat Silke Sistermanns noch mal die Glocken geläutet. „Ich stand ganz allein in der Kirche. Es war schon ein komisches Gefühl“, beschreibt sie den Moment, als sich alle anderen zuprosteten und die Knaller durch die Gegend schmissen. Den ersten Wunsch, den beide Sistermanns am Neujahrsmorgen hatten? „Dieses Gebäude soll seiner Bestimmung erhalten und eine Kirche bleiben“, sagen sie fast wie aus einem Munde. Für Silke, geborene Wagner, ist das ja auch jedes Mal ein Nachhausekommen.

Ihre Oma hatte sie schon im Grundschulalter regelmäßig mitgenommen und sie mit diesem Sakralbau vertraut gemacht. Seit drei Generationen – beginnend im Kirchweihejahr 1960 – wird der Küsterdienst von den Wagner- und Sistermanns-Familien geleistet. Gerd Sistermanns, ursprünglich katholisch, ließ sich aus Liebe sogar evangelisch umtaufen.

Aber zurück in die Kindertage seiner Frau. „Ich fand das damals alles sehr spannend“, sah Silke Sistermanns keine Pflicht in der Arbeit für Gott und den Glauben. „Oma hat mich die Orgel oder auch die Stühle abstauben lassen und schickte mich schon mal zum Gemeindehaus in Alsdorf-Mitte. „Das war aber sehr unheimlich dort, ich fand das so dunkel“, schmunzelt sie heute über ihre Ängste im Kindesalter, als Oma Käthi und Opa Kurt Wagner noch die Oberpfleger im Hause der evangelischen Kirchengemeinde Busch waren. 1999 lösten „die Sistermanns“ dann Harry und Liesel Wagner ab. Nun stehen sie wieder im Hause, in dem abgebaut und transportiert wird. Noch hängt das bunte Hungertuch, aber bald wird auch dieser Blickfang die kleine und schmucke Kirche verlassen.

Blätter fallen vom etwa vier Meter hohen Ficus herab, der neben dem Altar steht. Silke Sistermanns nimmt wie selbstverständlich Schäufelchen und Handfeger. Denn alles soll ordentlich sein. Manchmal kommen sie auch mit ihrem Hündchen die Straße entlang spaziert.

Da sieht Gerd Sistermanns, der hauptberuflich in der Druckerei der Stadt angestellt ist, „es müßte trotz früher Jahreszeit mal wieder der Rasen geschnitten werden“. Spricht’s und geht zum Kirchturm, wo der Mäher untergestellt ist. Auch Pfarrer Ulrich Eichenberg, jetzt in der Luther-Kirche tätig und vorher Hausherr der Immanuel-Gemeinde, kommt ab und an vorbei. Sie, die leitenden Menschen dieser Christengemeinde, möchten nicht loslassen. Trotz des Wortes: Gott wohnt nicht in einem Haus. Aber hier sind sie ihm eben besonders nah. So nah, dass sie immer noch weinen. Auch Monate später. In ihren Gebeten kommt deshalb wohl auch der Wunsch vor, „Gott, lass es ein Haus von Dir und für Dich bleiben“. Es gibt Verhandlungen der Kirchengemeinde, die darauf hindeuten.

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