Im Prozess gegen Ex-Chefarzt Arnold Pier kommen zwei Sachverständige zu Wort

Von: Manfred Kutsch
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Mönchengladbach. Das Leiden und Sterben der Patientin Margarete W. (80): Es beherrscht am Donnerstag die Stimmung im Mönchengladbacher Schwurgerichtssaal. Beim Prozess gegen den Wegberger Ex-Chefarzte Arnold Pier beendet das Landgericht im ersten von 18 angeklagten Fällen die Beweisaufnahme mit der Vernehmung von zwei Gutachtern.

Qualvolle Details kommen zu Tage, als der gerichtlich bestellte Sachverständige Professor Bernward Ulrich (Düsseldorf) schließlich feststellt, es sei zumindest „nicht auszuschließen”, dass die Behandlung „unter Beachtung des medizinischen Standards einen besseren Heilungsverlauf genommen” hätte.

So sei es bei den geltenden „chirurgischen Leitlinien” unerlässlich, erst nach einer antibiotischen Behandlung einen Darm zu entfernen. Nach der dramatischen Verschlechterung des Zustandes der Patientin sei sie mindestens um einen Tag „zu spät” ein zweites Mal operiert worden. Schwere Atmung, Brust- und Wundschmerzen, starke Rötungen, Austritt übel riechenden Sekrets hätten Pier früher reagieren lassen müssen.

Ob Margarete W. dann überlebt hätte, könne er allerdings nicht sagen. Er kritisiert aber auch den Verlauf dieser zweiten OP. Unter anderem bemängelt Ulrich, dass das mit Fäulnis befallene Bauchfell so verschlossen worden sei, „dass die Gefahr eines Platzbauches drohte”. Immer wieder spricht der Gutachter von „fehlenden Standards chirurgischer Kunst” und verurteilt dabei die Benutzung von frisch gepresstem Zitronensaft aus dem Kühlschrank der Stationsküche zur Wundausspülung.

Er könne nicht davon ausgehen, dass der „steril” gewesen sei: „Und frisch vernähtes Bauchfell ist nicht flüssigkeitsfest.” Selbst der von der Verteidigung beauftragte Lübecker Sachverständige Dr. Thomas Jungbluth geht da auf Distanz, bezeichnet die Desinfektionsmethode als „einen Heilversuch, den man aber mit einem Patienten abstimmen” müsse. Jedoch sei dies für die eingetretene Fäulnis nicht ursächlich gewesen: „Weil die schon vorhanden war, als der Zitronensaft erstmals zum Einsatz kam.”

Im übrigen bezeichnet Jungbluth die Behandlung mit Antibiotika vor der Operation als „kein Muss, sondern Empfehlung”. Er räumt aber ein: „Ich hätte auch davon Gebrauch gemacht.” Ansonsten widerspricht er seinem Düsseldorfer Kollegen in der Gesamteinschätzung. Die Indikation für die sofortige, erste Operation sei gegeben gewesen. Der Verlauf des Leidensweges von Margarete W. und schließlich ihr Tod könne nicht auf eine falsche Behandlung zurückgeführt werden.

Am kommenden Donnerstag wird der Auftritt von zwei weiteren Sachverständigen erwartet. Als Hygieniker werden sie eine der Schlüsselfragen dieses Verfahrens beantworten: Wie steril und medizinisch geeignet ist Zitronensaft?
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