Im Prozess gegen Boere droht ein Gutachterstreit

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
SS-Prozess / Heinrich Boere
Mit Heinrich Boere steht einer der letzten NS-Kriegsverbrecher vor einem deutschen Gericht. Foto: Markus Schuldt

Aachen. Der Mordprozess gegen den ehemaligen SS-Soldaten Heinrich Boere, 88, aus Eschweiler könnte in einem Gutachterstreit enden. Diese Perspektive eröffnete der neunte Verhandlungstag vor dem Aachener Landgericht.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidiger Boeres erklärten gegenüber dieser Zeitung, möglicherweise gutachterlich klären lassen zu wollen, ob Boere sich 1944 in einem sogenannten Befehlsnotstand befunden haben könnte, als er im Rahmen von Vergeltungsmaßnahmen drei Menschen erschoss.

Aus dem zu Beginn recht turbulenten Kriegsverbrecherprozess ist mittlerweile ein Urkundenprozess geworden, in dem die drei Richter der Schwurgerichtskammer Vernehmungsprotokolle bereits gestorbener Zeugen verlesen. Der Vorsitzende Richter Gerd Nohl hat zunächst 21 Zeugen ausgewählt, von denen gleich mehrere, oft viele Jahrzehnte auseinanderliegende Protokolle verlesen werden. Boeres Anwalt Gordon Christiansen sagte am Freitag jedoch, dass diese Zahl bei weitem nicht ausreichen werde, dass die Zahl der Zeugen „auf bis zu 100” anwachsen könnte. Aus dem Prozess würde dann eine Art Vorlese-Marathon.

Ziel dieser Vorgehensweise ist, einen Einblick in Absicht und Befehlsstruktur des SS-Sonderkommandos Feldmeijer in den Niederlanden zu erhalten, in das Boere um 1944 versetzt wurde. Das etwa 15 Mann starke Sonderkommando hatte unter anderem die Aufgabe, Repressalmaßnahmen gegen Widerständler oder Widerstandssympathisanten durchzuführen.

Die bislang verlesenen Aussagen von vorgesetzten und Boere gleichrangigen Soldaten deuten an, dass eine Befehlsverweigerung Boere und seine Kameraden „mit einem Bein ins Konzentrationslager, und mit dem anderen Bein ins Grab” gebracht haben könnte, hieß es übereinstimmend. Sowohl der Führer des Sonderkommandos, SS-Standartenführer (Oberst) Karl Feldmeijer, als auch der Sicherheitskommissar der Niederlande, Hanns Albin Rauter, haben dies den Soldaten des Sonderkommandos den Zeugenaussagen zufolge eingeschärft. Auch Boere selbst hatte dies zuvor ausgesagt.

Fraglich ist, ob Boere sich damit während der drei Erschießungen, derer er angeklagt ist, in einem Befehlsnotstand befunden hat, ob er also keine Wahl hatte, diesen Befehl zu verweigern, weil er sonst standrechtlich getötet worden wäre. Der Bundesgerichtshof hat dies in früheren Urteilen ähnlicher Fälle selten bejaht - auch weil es offenbar nur wenige Soldaten gab, die aufgrund von Erschießungsbefehlsverweigerungen getötet wurden. Der Prozess wird am Dienstag um 11.30 Uhr fortgesetzt.
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