Im Auftrag des Soul unterwegs

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Ein Leben für den Soul: Daniela Siemes und Stefan Erens aus Aachen lieben die Musik der 60er und 70er Jahre.
Outfits
Daniela in unterschiedlichen Party-Outfits.
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Stefan mit seinem zum Kopfhörer umgebauten alten Telefonhörer.
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Der Plattenschrank, auf dem ein Teil der alten Schätzchen – Vasen der Serie Lava – stehen.

Aachen. Es kamen mal zwei DJs aus England in Aachen an, beide um die 70. Der eine sah fast nichts, weil ihm seine Brille während des Fluges von London zerbrochen war. In einem kleinen Köfferchen hatte er seine extrem raren Soul-Scheiben dabei, die er am Abend in Aachen auflegen wollte.

 Dumm war nur, dass er ohne Brille die Titel der Platten nicht lesen konnte. Also standen am Abend die beiden betagten Männer tuschelnd hinter dem Plattenspieler: Der Sehende las die Songtitel vor, der Blinde legte auf. Es wurde eine prima Party.

Diese Begebenheit ist schon ein paar Jahre her, aber Daniela Siemes erzählt sie immer noch gerne. Denn diese kleine Geschichte erklärt, worauf es ankommt in der Soul-Subkultur: Es ist Originalität, Originalität und noch einmal Originalität. Alter, Status, Herkunft, Beruf, Einkommen; eigentlich fast alles, worauf die Welt rundherum Wert legt, ist für Souler wie Daniela Siemes und Stefan Erens Nebensache. Denn hier zählen vor allem die Rillen im Vinyl. Die Soul-Musik der 60er und 70er, die ursprünglich aus Amerika nach England schwappte und dort ihre ganz eigene britische Prägung erfuhr – den Northern Soul – ist nicht nur etwas für die Ohren, sie ist ein Lebensgefühl. Und das drückt sich eben nicht nur im Musikschrank aus.

Das Pärchen lebt in einer kleinen Wohnung mitten in der Aachener Innenstadt. Dritter Stock eines unscheinbaren Mietshauses mit Blick auf das Kaufhaus gegenüber. An einem normal schmuddeligen Tag laufen unten Menschen in Funktionskleidung herum, meist mit Mp3-Knopf im Ohr. Weder Funktionsjacke noch Mp3-Player wird man bei Stefan Erens und Daniela Siemes finden. Ja noch nicht einmal eine CD: „Sowas habe ich nicht. Das ist ein Medium, das mir überhaupt nicht gefällt“, sagt der 38-Jährige, und es klingt ein bisschen, als hätte er ein ekliges Insekt gesehen.

Nach dem Stil der beiden braucht man nicht lange zu suchen. Er ist einfach überall: In Danielas Frisur, ihrer Kleidung, auf den Regalen mit den rund 150 originalen Scheurich-Lava-Vasen (nochmal 150 lagern im Keller), in den Bildern an der Wand und den gemusterten Vorhängen an den Fenstern, in den Kaffeetassen der Serie Acapulco. Er ist sogar in Stefan Erens rauchiger Bassstimme, die vollkommen tiefenentspannt klingt. So wie eben einer klingen muss, den Soul-Fans zwischen Lüttich und Hamburg nur als DJ Lazy kennen. Die komplette Ausrüstung, bis auf das Timbre in seiner Stimme und die meisten Platten, sind Flohmarktschnäppchen. „Für Soul-Platten, wie ich sie suche, ist der Markt einfach abgegrast. Da gibt es keine Schnäppchen mehr“, sagt Stefan Erens.

Denn was er sucht, ist extrem speziell. Und oft war es das schon zur Zeit der Entstehung. Kleine Labels, eine überschaubare Zahl an Pressungen in den 60ern, unbekannte Musiker: „Von manchen Stücken sind nur noch ein Dutzend übrig. In der Szene weiß man also, welcher DJ welche Platte hat“, sagt Stefan Erens. Solche Scheiben finden sich nicht auf dem Flohmarktstand, sondern im Internet. Händler in Amerika oder in England kommen manchmal durch private Nachlässe an frische Ware, ansonsten muss man die Augen offenhalten und die Foren der Szene und Ebay im Auge behalten.

Der Computer ist einer der wenigen Stilbrüche im Wohnzimmer der beiden Soul-Fans, ein Zugeständnis an das moderne Leben und unabdingbar für die Sammlung. Denn nur über das Internet kam Stefan Erens auch vor ein paar Monaten an seine momentane Lieblingsscheibe „Make My Love A Hurting Thing“ von William Cummings (Label: Bang Bang), für die er lange gespart hat. 1000 Euro hat er bezahlt, um sie zu bekommen. Und auch sie wird es irgendwann einmal nicht mehr geben. Denn bei jedem Allnighter oder Weekender, wie die Soulpartys in der Fachsprache heißen, wird sie ein kleines bisschen mehr verkratzen, bis sie irgendwann unspielbar wird. Trotzdem: Sie in ein digitales Medium zu kopieren, wäre in Stefan Erens Augen ein Frevel. „Das geht gar nicht“, sagt auch Daniela Siemes.

Was daran genau so verwerflich ist, ein Soul-Stück von einer CD abzuspielen, ist für einen Nicht-Souler schwierig zu verstehen. Da geht es wieder um die Originalität. Eine CD hört sich genauso an, es macht für die Tanzenden keinen Unterschied, aber für den Sammler. „Jede Platte hat eine eigene Geschichte, der Sammler hat einen Haufen Bemühungen auf sich genommen und manchmal auch viel Geld bezahlt, um sie dem Publikum vorspielen zu können. Und dann kommt einer und spielt diese seltene Platte ab, indem er einfach auf einen Knopf drückt“. In Soulkreisen wissen die meisten, wie verpönt solche Kopien sind. Aber manchmal passiert es eben doch: Da fährt das Pärchen nach Leipzig zu einer Soul-Party, um aufzulegen und da steht einer mit CD-Spieler. „Um eine CD abzuspielen, brauchen sie mich ja nicht aus Aachen einzuladen“, sagt DJ Lazy sauer.

Nächte durchtanzen

Im Auftrag des Soul sind sie viel unterwegs: In Aachen organisieren Daniela und Stefan den alljährlichen Soul-Allnighter und das Soul-Kränzchen, aber die meiste Zeit sind sie in Hamburg und Berlin, manchmal auch im belgischen Leuven oder in Lüttich unterwegs. „Wir setzen uns am Freitagnachmittag in den Zug, machen dann in Berlin oder Hamburg die Nacht durch und kommen am nächsten Morgen mit dem ersten Zug zurück“, erzählt Daniela Siemes, die bei den Partys in ihren bunten 60er-Jahre-Kleidern und auf schön glatten Ledersohlen tanzt.

Montags gehen dann beide wieder zu ihrer ganz normalen Arbeit bei einem Aachener Autohaus. Aber in Bürodress oder Krawatte wird man Daniela und Stefan dort nicht treffen. „Wir müssen uns nicht verstellen, alle kennen dort unser Hobby und wissen, wie wichtig uns das ist“, sagt die 36-Jährige. So wichtig, dass sie auf so manches verzichten. Kein großer Urlaub, keine teuren Klamotten, die Möbel vom Flohmarkt. „Das ist halt unser Leben“, sagt Daniela. Alles für den Soul.

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