„Ich hatte nie einen anderen Berufswunsch“

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Seine Art zu lesen: Georg Hage vertieft in einer Partitur, hier in seinem Büro. Noten liest er im Urlaub sogar am Strand.
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Bewegung und Konzentration. Georg Hage bei den Proben mit dem Aachener Bachverein.

Region. Ein Westfale in Aachen. Georg Hage fühlt sich hier wohl. Und er leitet mit großem Erfolg den Aachener Bachverein. Sogar am Strand liest er Partituren.

Herr Hage, Sie sind ein Westfale im Rheinland. Wo sind Sie aufgewachsen?

Georg Hage: Geboren bin ich 1979 in Werther. „Werther’s Original“ kommt daher, die hießen aber früher noch „Werthers Echte“. Ich bin also ein Werthers Echter. Aufgewachsen bin ich im benachbarten Halle/Westfalen.

Stammen Sie aus einem musikalischen Haus?

Hage: Absolut. Meine Eltern sind keine Profimusiker, aber meine Mutter ist begeisterte Laienmusikerin, Geigerin, Chorsängerin. In der weiter zurückliegenden Verwandtschaft finden sich immer wieder musikalische Berufe.

Wann sind Sie ernsthaft mit Musik, also mit Unterricht, konfrontiert worden?

Hage: Schon meine früheste Kindheit stand unter dem Einfluss von viel Musik. Der französisch-schweizerische Komponist Frank Martin hat gesagt, er habe sich von Anfang an sozusagen in Musik getaucht gefühlt. Das beschreibt das ganz gut. Musikalische Früherziehung, Kinderchor in der Kantorei: So ging es los.

Wann haben Sie am Klavier gesessen?

Hage: Ich vermute, mit fünf oder sechs.

Wer war Ihr erster Lehrer?

Hage: Ich hatte eine Lehrerin, Frau König. Bei ihr hatte ich Unterricht bis zu meinem 19. Lebensjahr ungefähr. Eine Dame von altem preußischem Schlag. Ich verdanke ihr unglaublich viel. Ihre Strenge hat mir nicht geschadet. Sie war herzlich, aber streng.

Hatten Sie schon früh eine Neigung zur klassischen Musik oder zu bestimmten Komponisten?

Hage: Diese strengen Formen bei Bach haben mich immer schon in den Bann gezogen, mehr als Haydn, Mozart, Beethoven. Ich bin selbst ein sehr strenger und geordneter Mensch, und dann fühlt man sich leicht von dieser kontrapunktischen Ordnung Bachs angesprochen.

Sie beschreiben sich als streng, was heißt das?

Hage: Ich bin ein absolut geordneter, ritueller, liturgischer Mensch.

Wo kommt das her?

Hage: Vielleicht weil meine Eltern Lehrer sind? Außerdem war ich als Kind begeisterter Schachspieler, und später hat mich die Logik der lateinischen Sprache fasziniert.

Steht Ihnen diese Mentalität manchmal im Weg?

Hage: Eine gewisse Gradlinigkeit nützt mir in meinem privaten und beruflichen Leben. Wenn man das mit Kreativität verknüpfen kann, ist das ziemlich ideal.

Ihre Chormitglieder loben Ihre Gabe zur Motivation. Sie sagen, dass ihnen Musik mit diesem Chorleiter Spaß macht. Also sind Sie nicht nur streng, sondern offensichtlich auch unterhaltsam.

Hage: Mit Strenge meine ich eher Ordnung und Regelmäßigkeit, weniger den Charakter.

Sie haben Klavierunterricht bekommen, dann Orgel gespielt.

Hage: Ja, mit zwölf durfte ich meine ungeliebte Geige gegen die Orgel eintauschen.

Wann stand für Sie fest, dass Sie Berufsmusiker werden wollen?

Hage: Immer. Ich habe darüber nie nachgedacht. Ich hatte nie einen anderen Berufswunsch.

Waren Sie ein außergewöhnliches Kind, haben Sie nie Fußball gespielt?

Hage: Doch. Ich habe beides gebraucht, auf der einen Seite die Musik, auf der anderen Seite war ich ein ganz normaler Jugendlicher wie jeder andere auch.

Wo haben Sie studiert?

Hage: Ich bin nach Freiburg gegangen. Das hatte zwei Gründe: Ich wollte weit weg von meiner Heimat, und ich wollte eine möglichst breite Ausbildung haben. In Freiburg konnte ich zwei Studiengänge gleichzeitig studieren, Kirchenmusik und gymnasiales Lehramt. Das sind die umfangreichsten Studiengänge, die es in der Musik überhaupt gibt.

Und danach?

Hage: Habe ich mehrere Aufbaustudien gemacht, Gesang, Dirigieren, Orgel, unter anderem in Wien. Jedes Semester, das man studieren darf, ist ein Geschenk. Es tun sich immer neue Dimensionen und Horizonte auf.

Haben Sie sich während des Studiums für die kirchenmusikalische Laufbahn entschieden?

Hage: Damals war ich hin- und hergerissen, weil ich auch mit dem Gesang liebäugelte. Das war die einzige wirkliche Konkurrenz.

Sind Sie als Sänger aufgetreten?

Hage: Ja. Ich singe auch heute noch gerne, solistisch leider aus Zeitgründen immer weniger, im Ensemble immer noch gerne.

Was hat den Ausschlag für die Kirchenmusik gegeben?

Hage: Der Beruf des Kirchenmusikers ist sehr vielseitig. Man hat an der Orgel zu tun, in der Chor- und Orchesterarbeit, und hinzu kommen Organisation, Konzertplanung, Kreativität.

Und Kirchenmusik ist auch in Ihrer mittelfristigen Planung weiterhin Ihre Zukunft?

Hage: Ja. Durch die Kirchenmusik erreicht man die Menschen. Und Kirchenmusik ist nicht zuletzt Verkündigung. Wobei sich diese in der Musik auf einer anderen Ebene vermittelt.

Ihre Liebe zur Musik ist also gekoppelt mit einer tiefen Religiosität?

Hage: Ja, das ist sie. Ich kann keine Matthäus-Passion aufführen, ohne dass mir die theologische Dimension dieser Musik und das Ereignis der Passion an sich bewusst sind.

Sie sind vor und bei Konzerten nicht nervös, spüren Sie überhaupt keine Anspannung?

Hage: Nur eine positive Anspannung. Ich trage eine gewisse Ruhe ohnehin in mir. Immer.

Angeboren oder antrainiert?

Hage: Angeboren. Aus dieser Ruhe schöpfe ich meine Kraft. Ich sehe einfach klar meine Aufgabe bei einer solchen Aufführung. Bei mir laufen die Fäden zusammen. Dabei mache ich selbst genau genommen am wenigsten Musik. Ich lasse ja musizieren. Meine Aufgabe ist die Koordination – und was den Chor angeht, eine gewisse Motivation.

Hat es Situationen gegeben, in denen während eines Konzertes etwas grundlegend nicht funktioniert hat?

Hage: Es kann hier und da den Fall geben, dass irgendeiner der Musiker, der eine kleine Phase der Unkonzentriertheit hat, „ausbüchst“.

Haben Sie noch nie eine Panne erlebt?

Hage: Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube, dass ich das wirklich im Griff habe. Ich habe schon als Achtjähriger bei „Jugend musiziert“ eine „Horde“ von Blechbläsern begleitet. Am Klavier ist man in der Verantwortung, dass man denjenigen, die eigentlich als Solisten spielen, durch das Konzert leitet. Ich musste das zum Glück schon sehr früh machen.

Muss ein Dirigent autoritär sein?

Hage: Nein.

Was muss er sein?

Hage: Es gibt das schöne Bild des Dirigenten als des Primus inter pares. Das finde ich sehr gut. Es geht ums Zusammenführen, ums Vermitteln. Eine autoritäre Herangehensweise ist da ganz falsch.

Was würden Sie selber – als Solist – gerne singen?

Hage: Ich singe lieber in einem kleinen Ensemble. Das gemeinsame Musizieren ist mir wichtiger, als sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Und in diesem Rahmen singe ich gerne die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts, weil es eine Musik der Klangfülle und einer ganz strengen Ordnung ist, geprägt von polyphonen kontrapunktischen Regelmäßigkeiten. Im Freiburger Dufay Ensemble singe ich nur diese Musik. Ich kenne eine Menge Leute, die unsere CDs am Arbeitsplatz hören, weil das eine gewisse Ordnung in ihre Arbeit bringt.

Man sagt den meisten Dirigenten nach, sie seien furchtbar eitel, wie eitel sind Sie?

Hage: Klar ist man eitel, ich bin es auch. Und wenn es darum geht, eine Vorbildfunktion einzunehmen, dann möchte man das in mehrfacher Hinsicht tun. Wenn ich vor den Chor trete, dann muss ich ordentlich aussehen, zum Beispiel.

Was macht den Aachener Bachverein so faszinierend?

Hage: Der Bachverein steht in der Mitte der Gesellschaft. Wir haben ein unheimlich großes Spektrum in Bezug auf die Altersgruppen, zwischen 15 und Ende 70, Familienmütter und -väter, viele Studenten, verschiedene Berufe. Das ist unheimlich bereichernd. Konfessionell sind wir nicht festgelegt. Und wir haben ein regelrechtes Bachverein-Netzwerk, wenn man irgendetwas braucht, dann ist das manchmal eine richtige Tauschbörse.

Wie werben Sie neue Mitglieder?

Hage: Eigentlich gar nicht, die kommen! Das ist Mund-zu-Mund-Propaganda.

Wie empfinden Sie diese Stadt, die mehr rheinisch als westfälisch, mehr katholisch als protestantisch ist?

Hage: Eine lebenswerte Stadt, aber ich brauche auch den Blick über den Stadtrand hinaus. Auf der einen Seite arbeite ich sehr gerne hier, mag die Mentalität, finde die Aachener offen, ehrlich und lebensfroh, das schätze ich sehr. Auf der anderen Seite sitze ich auch gerne im Zug und fahre in andere Regionen Deutschlands, wo ich mich genauso wohlfühle. Ich mag zum Beispiel weiterhin Freiburg, ich habe zehn Jahre in dieser Stadt gelebt, es ist herrlich dort.

Gestalten Sie Ihre Freizeit ausschließlich mit Musik?

Hage: Beruf und Freizeit haben bei mir eine große Schnittmenge. Ich empfinde es oft so, dass ich eigentlich keine Freizeit habe, weil ich mich in jeder Minute auf irgendeine Weise mit Musik beschäftige.

Also Sie laufen nicht durch den Wald, Sie gehen nicht spazieren und gucken keinen „Tatort“?

Hage: Fernsehen nein, gucke ich nicht. Fernsehen brauche ich in meinem Leben nicht. Aber Sport brauche ich als Ausgleich. Ich laufe, und ich muss etwas für meine Fitness tun.

Wo informieren Sie sich?

Hage: In der Zeitung und im Internet.

Kochen Sie?

Hage: Ich nehme mir zu wenig Zeit dafür.

Also Sie können kochen?

Hage: Ja, ich will nicht zu viel behaupten, aber: ja.

Welche Literatur lesen Sie?

Hage: Ich lese meine Partituren. Meine Frau ist Musik- und Deutschlehrerin und immer um meine Bildung bemüht. Sie hat lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich es im Urlaub bereichernd finde, am Strand eine Partitur zu lesen, und dass es für mich pure Erholung ist.

Sie liegen mit den Noten am Strand?

Hage: Ja. Ich kann mir wenig Schöneres vorstellen, als am Strand, zum Beispiel auf Mallorca, zu liegen und eine Partitur zu lesen.

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