Holt die Würstchen raus, Männer, jetzt wird gegrillt

Von: Christoph Velten
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Die Glut, der Rost, die Wurst:
Die Glut, der Rost, die Wurst: Nichts ist dem deutschen Mann lieber, als bei schönem Wetter seinen Platz am Grill einzunehmen. Warum? Wissenschaftler sagen, es wecke Ur-Instinkte, versetze die Männer in die Rolle des Jägers zurück. Foto: imago/Jochen Tack

Aachen. Mit ernster Miene schwört Harald Hölzer die 150 Jury-Mitglieder auf die Deutsche Grillmeisterschaft 2012 ein. „Ich gelobe, meine Wertung fair und objektiv abzugeben. Der Beste möge gewinnen”, sprechen sie ihm nach und heben die rechte Hand zum Schwur.

Das ist der Jury-Eid der „German Barbecue Association”, des deutschen Grillverbandes, wenn man so will. Es ist eine ernste Angelegenheit, Anfang Mai in Schwäbisch Hall, und am Ende steht unumstößlich fest: Der Deutsche Meister im Grillen heißt Michael Hoffmann. Er und sein Team „Gut Glut” aus Bergisch Gladbach braten offenbar die besten Würste.

Doch wer schon mal Männern beim Grillen zugeschaut hat, der ahnt: Ganz so einfach ist das alles nicht.

Das Pfingstwochenende ist wohl das erste wirklich warme und trockene Wochenende des Jahres. Und mit den Sonnenstrahlen erwacht vor allem im Mann der Drang, sein über den Winter meist brach liegendes Talent in Sachen Essenszubereitung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Da werden mit großer Geste Schürzen gebunden und Grillzangen auf Hochglanz poliert.

In unzähligen deutschen Gärten, in Parks und auf Balkonen werden Männer heute Abend wieder Würste wenden, Hähnchenkeulen schwingen und Koteletts mit Bier ablöschen. Da wird parliert und philosophiert - und sich ab und an genüsslich am Bauch gekratzt. Männer scheinen offenbar davon überzeugt, dass es - abgesehen von pfeifenden Bauarbeitern und begeistert hupenden Autofahrern - kaum etwas gibt, das Frauen mehr imponiert.

Und so kommt es, dass der Platz am Grill nach wie vor als Männerdomäne gilt - während der oft nur wenige Meter entfernte Küchenherd allzu oft den Frauen vorbehalten bleibt. Doch warum verspüren Männer so eine große Lust, am Grillrost zu stehen? Nach Ansicht von Wissenschaftlern der Universität Freiburg, die ein Forschungsprojekt zum Thema „Grillen und Lebensstil” durchgeführt haben, fühlen sich Männer so in die Rolle des Jägers zurückversetzt, ihre Urinstinkte werden geweckt.

Sie hantieren mit ihrer „Beute” und können diese unter freiem Himmel, in der Natur zubereiten. Darüber hinaus sind sie für die Versorgung der ganzen Gruppe verantwortlich. Das steigert das Selbstwertgefühl.

Grillen, ein Ritual

Ein weiterer Aspekt: Wer das Feuer anzündet, steht in der Sozialhierarchie ganz oben. Zudem ist Grillen auch ein Ritual, bei dem die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gezeigt wird. Und gerade Männern ist es wichtig, einer Gruppe zuzugehören und sich in dieser darzustellen. Das funktioniert draußen, am Grill, natürlich besonders gut. Schließlich ist das prestigeträchtiger als die Arbeit hinter verschlossenen Türen.

Meister-Griller Hoffmann ist im Hauptberuf IT-Fachmann. Gehört also zu denen, die im Sitzen ihr Geld verdient. Und nach der Arbeit? „Wir grillen eigentlich jeden Abend”, erzählt der 43-Jährige. Zuhause auf seiner Terrasse stehen gleich drei Geräte nebeneinander: ein großer amerikanischer Barbecue-Smoker, ein klassischer Holzkohle-Kugelgrill und ein sogenannter Pellet-Grill. Hier macht Hoffmann unter der Woche dann auch schon mal „einfache Dinge wie ein Filet-Steak, ein paar Maiskolben, dazu frisches Brot und Sauce Hollandaise”, wie er sagt.

An den Wochenenden kommt sein Team zusammen. Sein Bruder und seine Frau sind auch dabei. Sie probieren, sie experimentieren und sie essen. Dann gibt es Gerichte wie „Saltimbocca vom Seeteufel mit Gemu?sepraline und Gnocchispieß”, „Italienische Roastbeef-Rouladen” und hinterher ein „Frischkäse-Schokoladengebäck”.

Kein Wunder, dass sich Hoffmann über regen Zulauf aus der Nachbarschaft nicht beschweren kann. Grillen ist für ihn auch immer ein gutes Stück Geselligkeit, auch wenn er selbst nicht mehr eingeladen wird. Und wenn doch, dann wird er gebeten, doch bitte selbst die Zange in die Hand zu nehmen.

Würste mit Bio-Fenchel

Über genaue Umsatzzahlen möchte Rolf Lemmen lieber nicht sprechen. Der Metzgermeister aus Aachen verrät nur so viel: „Wir haben vor dem Pfingstwochenende deutlich mehr im Angebot als sonst.” Und weil Lemmen schon so lange Fleisch verkauft, sein Geschäft mittlerweile in vierter Generation geführt wird, kann er auch sagen, was sich beim Geschmack seiner Kunden so verändert hat in all der Zeit.

„Die Portionen sind kleiner geworden”, sagt er. Dafür habe die Vielfalt zugenommen. Gyros-Spieße, mariniertes Geflügel, gefüllte Zucchini und Champignons, Ribeye-Steaks und Spareribs - alles für den Grill. Allein sechs bis sieben verschiedene Bratwürste hält Lemmen für seine Kunden bereit. Fürs Wochenende favorisiert er die italienische Variante. „Mit weniger Fett und einer Prise Bio-Fenchel”, erklärt er.

Doch derlei kulinarische Feinheiten sind wohl eher etwas für den anspruchsvolleren Grillgeschmack. In der Hauptsache, so hat es jetzt eine Studie im Auftrag der Discountkette Lidl ergeben, essen die Deutschen offenbar Schweinefleisch. Und das vor allem in Form von Wurst und Steak.

Spieße und Bauchscheiben landen ebenfalls häufig auf dem Rost. Geflügelfleisch darf bei zwei Drittel der Befragten nicht fehlen und nimmt damit den zweiten Platz ein. Und auch Gemüse hat bei immerhin 42 Prozent der Befragten einen festen Platz auf dem Grill. Ebenso oft wird Rindfleisch gegrillt. Fisch, Lamm und vegetarisches Grillgut ist hingegen nur vereinzelt zu finden.

Michael Hoffmann bezeichnet sich als Gourmet. Ihm ist es wichtig, dass die Deutschen endlich wegkommen von diesen paprikarot-marinierten Nackensteaks vom Discounter. „Nur mit hochwertigen Zutaten kann ich ein hochwertiges Ergebnis erzielen”, sagt er, und es liegt ein Stück Bestimmtheit in seiner ansonsten so freundlichen Stimme. Es müsse ja nicht immer handgeangelter schottischer Wildlachs sein. „Ein guter Metzger ist vollkommen ausreichend.”
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